Live At The Electric Ballroom
Künstler: King, Freddie
Label: Shout Factory
Erscheinungsjahr: 2006
Laufzeit: 68.36
Bewertung: 4/5
Freddie King galt schon immer als Mensch von außergewöhnlichem Charakter, was sich letztlich in der Musik des Blues-Gitarren-Giganten unmittelbar widerspiegelte. Kings extravertierter Spielstil verlieh dem Blues einen Hauch von Modernität. Damit gelang es ihm, den Blues einem weißen Publikum näherzubringen wie niemandem vor ihm. Er bemühte sich, ihn zeitgemäßer zu machen – auch zu einer Zeit, als der Blues als Genre seinen großen und unerwarteten Aufstieg und Fall im Grunde bereits fast vollständig hinter sich hatte, sowohl was die kommerzielle Wahrnehmbarkeit als auch die Wertschätzung durch die Musikkritik betrifft. Mit dem Beginn der 70er Jahre konnte der Blues immer schwerer mithalten mit den Phalangen schwer gepanzerter Rockformationen, deren wichtigste Inspirationsquelle, kreative Kraft und ursprüngliche Begeisterung für Musik einst eben er selbst gewesen war. Die musikalische Evolution nahm natürlich ihren eigenen Lauf. Die Blues-Größen, darunter auch Freddie King, gingen mit der neuen Situation jeder auf seine Weise um – eine der beliebtesten klanglichen Adaptionen jener Zeit war gewiss die bedingte Übernahme einer immer verlässlicheren Ausdrucksformel, die neben den traditionellen Ausdruckskomponenten des Blues – also Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug – auch den Klang der Hammond-Orgel einsetzte.
Live At The Electric Ballroom ist das Ergebnis zweier verschiedener Aufnahmeprozesse aus der ersten Hälfte der 70er Jahre. Der erste präsentiert sich in Form einer Radiosendung unter der Regie des damals sehr populären Moderators Jon Dillon, dem es neben vier kürzeren Interviews gelang, auch zwei seltene akustische Perlen auf Band zu bannen. Es handelt sich um ein Paar völlig zufällig entstandener Aufnahmen, die bis heute als die einzigen bekannten „unplugged“ Tondokumente von Freddie King gelten. Höchst unterhaltsame Momente, die wohl nur jene auf die Palme bringen, die sterile Reinheit und filigranen Vortrag über alles stellen! Der zweite Teil von Live At The Electric Ballroom bietet einen Querschnitt durch Kings Auftritt im gleichnamigen Club in Atlanta aus dem Jahr 1974, den der Gitarrist mit feurigem Elan mit Big Legged Woman eröffnete. „Langbeiniges Weib“ ist ein Stichler voller impulsivem Funkensprühen und Leidenschaft im Wechselspiel zwischen Gesang und Gitarre. Irgendwo dazwischen lässt sich für einen kurzen Moment der samtene Klang der Hammond erwischen, deren Zurückhaltung der Ausgelassenheit des zuvor erwähnten Duos zwar keine Bedrohung darstellt, den Hintergrund des Stücks aber dennoch schön ausfüllt. Big Legged Woman beginnt schropp mit dem Verstreuen glühender Blues-Manifeste, die bis zum Abschluss des Albums nicht aufhören, die gewaltige Bühnenpräsenz von Freddie King zur Schau zu stellen. Kings Darbietung ist in jeder Hinsicht bewegend – ob es sich um die unberechenbare Natur von Key To The Highway handelt oder das melancholische Wandeln durch das phänomenale Ain’t Nobody’s Business. King zeigt sich als Gitarrist mit unglaublichem Touch und einem Gespür fürs Gefühl; über die rohe Kraft, die Seeligkeit und gleichzeitig giftige Expressivität seiner Stimme brauchen wir hier gar keine weiteren Worte zu verlieren.
Live At The Electric Ballroom steht als zeitloses Denkmal für das Genie des Gitarristen, gespannt zwischen Vitalität und Impulsivität eines Künstlers auf dem Höhepunkt seiner kreativen Kraft. Das Studium der Musiktheorie interessiert King nicht – diese Ehre überlässt er großzügig seinen verbitterten Musikerkollegen. Freddie „kompensiert“ das Versäumte mit einem sinnlichen Zugang, der direkt aus dem Herzen hallt; jeder seiner Schritte – sei es die Hinwendung zum akustischen Blues mit James‘ Version des bissigen Dust My Broom oder das Entfachen gewaltiger Bühnenenergie – hält mühelos und nahezu ohne spürbaren Aufwand konstant ein hohes Energieniveau aufrecht. Live At The Electric Ballroom wird sich auch wegen der nicht gerade beneidenswerten klanglichen Ausstattung vor allem orthodoxeren Blues-Liebhabern ans Herz wachsen, könnte mit konkreterem Erfolg aber auch genreungebundene Hörer ansprechen, die keine Scheu vor ungezügelter musikalischer Ausdrucksweise haben.
Besetzung
Freddie King: Gesang, Gitarre
Sam (Nachname unbekannt): Rhythmusgitarre
Benny Turner: Bass
Alvin Hemphill: Orgel
Lewis Stephens: Klavier
Mike Kennedy: Schlagzeug
Produktion
Richard Chalk & Tom Loughborough
Trackliste
1. Introduction
2. That’s Alright
3. Interview
4. Dust My Broom
5. Interview
6. Big Legged Woman
7. Woman Across The River
8. Key To The Highway
9. Let The Good Times Roll
10. Ain’t Nobody’s Business
11. Sweet Home Chicago
12. Dust My Broom
13. Hide Away
14. Interview