Live At Baltimore
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Kix
Label: Frontiers Records
Veröffentlichung: 2012
Spielzeit: 78:05 (nur Audioträger)
Bewertung: 4/5
Was gäbe es über die Glam-Rocker Kix nicht noch zu erzählen? Die Band, die 1977 gegründet wurde und sich mehr als zehn Jahre später mit dem kommerziell erfolgreichen »Bow My Fuse« (1988) unter den namhafteren Vertretern der Sunstrip-Szene durchsetzte, packte ebenfalls 1995 die Koffer, als die »Grunge-Korrosion« – wenn ich mal einen etwas weiteren Begriff verwenden darf, denn betroffen war davon nicht nur die Glam-Bewegung – den Großteil der Vertreter des melodischen Prinzips im Rock bis auf die Knochen zerfraß. Kix tauchten nach ihrer Auflösung 1995 nur sporadisch auf der Bühne auf, etwa im Jahr 2000, als sie Auftritte in ihrem Heimatstaat Maryland und in Pennsylvania spielten, die damals sehr gut ankamen. Die Zeiten änderten sich, und irgendwo im Frühherbst 2004 eröffneten Kix mit ihrer Reaktivierung ein neues Kapitel ihrer Karriere. 2008 traten Kix auf zwei der größten Rock-Festivals der USA auf: zunächst beim Rocklahoma-Festival in Pryor (Oklahoma, USA) und anschließend beim Rock the Bayou-Festival in Houston (Texas, USA). Beide Auftritte wurden von Musikkritikern als die besten im Rahmen der jeweiligen Festivals gewertet. Seitdem sind Kix regelmäßige Gäste auf Bühnen der Clubszene, in Casinos und auf Biker-Festivals. Durch die ganze USA.
Dieses Konzertdokument stammt vom 18.12.2011. Es war der vorletzte Auftritt von Kix im vergangenen Jahr, und zwar im Club Ram’s Head Live!, wie gesagt in Baltimore – also im Bundesstaat Maryland, dem Heimatboden von Kix.
Kix, die seit 2004 also wieder regelmäßig in fast identischer Besetzung wie beim Debüt »Kix« von 1981 unterwegs sind – einziger Neuzugang seit 2003 ist Bassist Mark Schenker, der von Funny Money zu Kix stieß –, haben ihre zahllosen Konzertauftritte und die langen Jahre des Durchhaltens, die so manche goldwerte Erfahrung gebracht haben, auch auf der Bühne in Baltimore in herausragende Ergebnisse umgemünzt.
Kix, die einst grundsätzlich als dreckige Rock-’n‘-Roller starteten – mit einem Hauch von Punk-Lausbuberei, die man beim direkten Beißen in primitive, aber sofort wirkende Gitarrenphrasen aus dem AC/DC-Fundus eben dazugibt –, liefern auf der Bühne also vollblütig ab! Der Sound ist bewusst »zerrissen«, roh und nackt, trägt schlicht den ursprünglichen punkoiden Rock-’n‘-Roll-Charakter. Allein die Frechheit – als eines der wichtigsten Markenzeichen des Wesens und Wirkens der Band – wird durch die fantastische Gesangsleistung von Sänger Steve Whiteman vertieft, dem über dieses Konzertdokument die Energie nicht ausgeht. In der Darbietung spürst du eine außergewöhnliche Kameradschaft der Truppe, eine vollständig durchdringende Versorgung mit dem urinstinkthaft raubgierigen Stempel der Rock-’n‘-Roll-Erotomanie und Dreistigkeit. Die Band hat auch die größten Hits in die Setlist gepackt, sodass auf diesem Dokument auch die gefragten Songs Cold Blood, Cold Shower (Whitemans Mundharmonika darf dabei natürlich nicht fehlen), gegen Ende Midnite Dynamite, dann Girl Money, das lang ersehnte Blow My Fuse und natürlich die absolut obligatorische Ballade Dont‘ Close Your Eyes erklingen, die als größter kommerzieller Hit der Kix-Karriere gilt.
Die Konzertaudioaufnahme ist nur als einzige CD erschienen, von der die Soli und gleich fünf Songs fehlen! Zum Glück gibt es auf dem Markt die Version „DVD plus CD“. Auf der DVD sind nämlich die Soli beider Gitarristen und des Bassisten enthalten, dazu die auf dem Audioträger fehlenden Tracks The Itch, Same Jane, Sex, Hot Wire und For Shame – was als Einziges wirklich »Wasser hält«; man kann diese Ausgabe auch als »digitalen MP3-Download« erwerben, der alle fehlenden Teile umfasst, die die Audio-CD eben nicht enthält. Leider hat man sich bei Frontiers Records nicht für eine separate Veröffentlichung des Audioträgers als Doppel-Konzert-CD entschieden, was bedeutet, dass die Ausgabe aus Marketingsicht in der heutigen Zeit schlicht unrentabel ist. Schade.
Ich persönlich bin also klar für die DVD-plus-CD-Version: Angesichts dessen, was Whiteman auf der Bühne abliefert – nicht nur mit seiner hervorragend erhaltenen Stimme, sondern auch durch die Art, wie er souverän und meisterhaft das Publikum anfeuert und mit ihm kommuniziert, was bereits vom Audioträger her hörbar ist (in unsere Redaktion wurde lediglich der Audioträger als Promo-Variante der Ausgabe geliefert) – und angesichts der Tatsache, dass das DVD-Dokument nicht »zusammengeschnitten«, sondern in einem Stück erhalten ist, ist die DVD für jeden echten Rock-Enthusiasten und Fan dieser Band gewiss die erste Wahl.
Nach dem, was das Material auf der Konzert-CD bietet, ist klar: Kix sind in der neuen Ära auf der Bühne fantastisch. Bleibt zu hoffen, dass sie bald auch mal in Richtung Europa vordringen – zumindest für ein größeres europäisches Festival. Von den heutigen Kix-Mitgliedern ist in Europa auf der Bühne nur Brian »Damage« Forsythe mit den wiederbelebten Rhino Buckett anzutreffen; ansonsten bleiben Kix eine echte Konzert-Rarität auf unserem Ende des Erdballs. Hoffen wir, dass sich das so bald wie möglich ändert! »Live At Baltimore« ist ein Dokument, das alle wahren Glam-Jünger und Anhänger der Magie ursprünglicher Rock-’n‘-Roll-Sinnlichkeit besitzen müssen! Von der ersten bis zur letzten Sekunde ist das eine außergewöhnliche Faust voll Dynamit, die dir unaufhaltsam die Blutbahn mit einem Überschuss an Adrenalin und Testosteron füllt. Wie Liebe auf den ersten Blick!
Besetzung
Steve Whiteman – Gesang
Ronnie “10/10” Younkins – Gitarre
Brian “Damage” Forsythe – Gitarre
Mark Schenker – Bassgitarre
Jimmy “Chocolate” Chalfant – Schlagzeug
Produktion
Mark Schenker
Trackliste
CD:
1. No Ring Around Rosie
2. Atomic Bombs
3. Lie Like A Rug
4. Don’t Close Your Eyes
5. Girl Money
6. Cold Blood
7. Cold Shower
8. She Dropped Me The Bomb
9. Blow My Fuse
10. Kix Are For Kids
11. Midnite Dynamite
13. Yeah, Yeah, Yeah.