Listen
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Kooks, The
Label: Virgin Records
Erschienen: 2014
Laufzeit: 38:23
Wertung: 4/5
Erinnert sich noch jemand von euch an die Euphorie vor zwei Jahren, als das Konzert der Band im Ljubljaner CUK Kino Šiška fast zwei Monate im Voraus restlos ausverkauft war? Kein Wunder. The Kooks, eine der bekanntesten Vertreterinnen der sogenannten zweiten Generation des Britpop, genießen derzeit eine außerordentliche Beliebtheit. Das vierte Album von The Kooks (in zehn Jahren ihres Bestehens) bewahrt die ganze hart erarbeitete Glaubwürdigkeit des bisherigen Opus.
Mit dem Album »Listen« (der Titel deutet bereits im Ansatz zurecht auf die kreative Tendenz nach noch größerer Radio-Tauglichkeit des neuen Materials hin) setzt die Band ihre klangliche und stilistische Evolution fort. Die guten drei Jahre, die seit der Veröffentlichung des Albums »Junk of the Heart« vergangen sind, haben der Besetzung gut getan. »Listen« hat im konzeptuellen und künstlerisch-inhaltlichen Ausdrucksertrag frischen Wind in die Segel gebracht und ein Produkt geliefert, das sich zwar schamlos von Retro-Sounds leiten lässt, gleichzeitig aber vor erfrischend aufgewerteter musikalischer Substanz platzt, die die Karisma der Band bewahrt. Die Band hat diesmal den englischen Produzenten, der unter dem Künstlernamen Inflo firmiert, ins Boot geholt. Der Mann aus London hat sich hauptsächlich als Hip-Hop-Produzent auf der Szene etabliert; The Kooks brauchten angesichts der eingeschlagenen Richtung des neuen Albums jedoch genau so einen »Steuermann« und Dirigenten wie Inflo im Studio. Die Band hat nämlich ihren Ausdrucksradius erweitert, indem sie den Großteil der kreativen Aufmerksamkeit auf den Aufbau einer koketteren Rhythmik gerichtet hat, die jede Menge diskoidem Funk und R&B-tanzbarer Ansteckungskraft enthält. Das Klangbild ist gewitzt mit zusätzlichen subrhythmischen Mustern gefüllt. Der Einsatz des neuen Dirigentenstabs an den Produktionshebeln verleiht dem Charakter jedes einzelnen Tracks ein »vertieftes Experimentieren« mit rhythmischen Schichtungen (zusätzliche Subrhythmus-Loops; der letzte Track Sweet Freedom basiert ausschließlich auf einer programmierten Rhythmusschleife (dem Hauptbeat) – organisches Schlagzeug braucht er nicht). Die Band ist auch in der Nutzung von Arrangements zusätzlicher Vokalharmonien gewachsen, sodass man an einzelnen Stellen des Albums Gospel-Elemente heraushorchen kann (das Intro Around Town, der erste Single des Albums Down sowie der Einstieg in den Track Bad Habit).
»Listen« ist trotz seines veränderten Charakters nach wie vor sofort als The Kooks-Album erkennbar, vor allem dank Pritchards stimmlicher Besonderheit des »pubertierenden Mutierens«, das durch einen höher intonierten, nasal wimmernden Gesangsansatz geführt wird, punktuell mit einem Hauch Heiserkeit versehen. Gerade Prichard ist – neben dem ansonsten guten Aussehen und der passend gestylten Frisur – in erster Linie mit seinen stimmlichen Eigenheiten der grundlegende Magnet des kommerziellen Vorstoßes der Band, der bereits mit dem Debüt im Jahr 2006 begann. The Kooks sind ein interessantes Phänomen. Sie wirken nämlich zuckersüß, dabei aber keineswegs billig, sentimental oder naiv! In allem, was sie anpacken, ist stets eine klare, spürbare Haltung des Kunstanspruchs der musikalischen Inhalte betont, die durch Wiedererkennbarkeit definiert wird. Auch mit dem neuen Album, das eine neue musikalische Transition mitbringt.
Im Track Forgive & Forget lässt sich schnell ein »Abschreiben« aus dem Repertoire der größten Hits von The Inxs heraushorchen; diesem Gefühl entkommt auch kaum der funkoid und R&B-lastig unterstützte erste Präsentationssingle des Albums Down, bei dem vor allem der sofortige Ansteckungswert des ansonsten »pikant« formatierten Refrains sticht – ebenso wenig wie der Track Sunrise gegen Ende des Albums. Die Band füllt den Hintergrund des Klangbildes wiederholt auch mit einer Kulisse aus Synthesizer-Flächen, durch die sie den musikalischen Wert trippiger, auf diskoid ausgerichteten Rhythmen gründender Atmosphären intensiviert (Are We Electric, Westside). It Was London ist gewiss eine besondere Abweichung des Albums, denn The Kooks haben die Leadgitarren-Phrase (in Strophe und Refrain) direkt von The Rolling Stones übernommen (der Begleitungshintergrund ist mit aneinandergereihten Fragmenten kürzerer Gitarrensoli gefüllt, was eine Seltenheit auf dem Album darstellt). Sogar Prichards Gesang wirkt darin gereizt und bissig. In das Arrangement des abschließenden Sweet Emotion „frisst“ sich gar noch die Finesse des Smooth Jazz (Keyboards).
Zeitgenössischer Brit Indie Pop Rock ist in der Lage, so manches musikalisches Experiment dankbar aufzunehmen, vor allem dann, wenn es so umgesetzt ist, dass die Band damit ihren charakteristischen Eigenklang bewahrt und ihr Kunstanspruch gleichzeitig ein neues, höheres Niveau der musikalischen Evolution erreicht. The Kooks gelingt das nach wie vor würdevoll – auch mit der aufgefrischten musikalischen Karisma des Albums »Listen«.
Besetzung
Luke Pritchard – Gesang, Gitarre
Hugh Harris – Gitarre
Peter Denton – Bassgitarre
Alexis Nunez – Schlagzeug
Produktion
Inflo, Luke Pritchard & Fraser T. Smith
Trackliste
1. Around Town (4:10)
2. Forgive & Forget (3:57)
3. Westside (3:30)
4. See Me Now (3:01)
5. It Was London (3:13)
6. Bad Habit (3:40)
7. Down (2:41)
8. Dreams (3:00)
9. Are We Electric (4:06)
10. Sunrise (3:14)
11. Sweet Emotion (5:11)