Linzer Kekse auf Metal-Manier! (2012)
Autor: Urban Bolta
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Linz / Tips Arena / Österreich
Konzertdatum: 05.05.2012
Besucherzahl: 3.000
Kartenpreis: 60,00€
Nachdem die britischen Schmiede der Metal-Bibel Judas Priest Ende 2010 nach vierzig Jahren Bandgeschichte ihre Abschiedstournee angekündigt hatten, stockte manchem Fan schwerer Musik das Herz. Die finale Welttournee mit gigantischem Terminkalender »Epitaph« begann zu Beginn des vergangenen Sommers in den Niederlanden und dauert seitdem praktisch ununterbrochen an. Die Priests gastierten inzwischen bereits in beiden Amerikas sowie in Asien und kehrten im April auf den alten Kontinent zurück. Gute Bühnenform, ein solider Halford-Gesang und die relativ glaubwürdige Nachfolge von K.K. auf der Gitarre durch einen gewissen Richie Faulkner waren die Ausgangspunkte des letztjährigen Treffens mit den Priests und starke genug Gründe, um sich erneut auf Pilgerfahrt zu begeben. Die günstigsten Orte für slowenische Fans der Band für ein erneutes Treffen mit den Legenden waren das italienische Mantua und das österreichische Linz – in letztere Stadt, die weniger für Konzerte großer Künstler als für ihr köstliches Gebäck bekannt ist, machte sich auch Rockline in Begleitung der Agentur Koncerti.net auf den Weg.
Im ersten Teil der europäischen »Epitaph«-Tournee traten Judas Priest gemeinsam mit den Hard-Rock-Veteranen Whitesnake auf, gelegentlich auch mit Thin Lizzy – Letztere kreuzten auch diesmal unseren Weg.
Thin Lizzy, einst die unbändigen irischen Reiter des Classic Rock, erwecken heute mit einer eher international besetzten Band auf den Bühnen Erinnerungen an jene Tage, als der große Phil Lynott und seine Mitstreiter Songs mit Arbeiterklasse-Thematik spielten und sich in der Rock-Szene schon in den Siebzigern Kultstatus erarbeiteten. Die Erfolgsgeschichte endete mit Lynotts viel zu frühem Abgang aus dieser Welt Mitte der Achtziger, seine Mitstreiter Brian Downey (Schlagzeug), Scott Gorham (Gitarre) und Darren Wharton (Keyboards) machen jedoch seit Jahren unter dem Namen einer Marke weiter, die meiner Meinung nach bereits 1986 erlosch. Aber der Reihe nach!
Die Iren starteten ihren haargenau eine Stunde dauernden Spaziergang durch die größten Hits der Band mit Are You Ready. Ein Blick auf die Bühne enthüllte schnell, dass die Band seit der letztjährigen Sommertournee einen Besetzungswechsel erlebt hatte – Fortus (Guns N‘ Roses) wurde an der Gitarre durch Damon Johnson ersetzt, in den letzten Jahren Begleitgitarrist von Alice Cooper und ohnehin ein Mann mit reichem musikalischen Rüstzeug. Die zentrale Figur des Bühnengeschehens war natürlich Ricky Warwick, Frontmann der schottischen Truppe The Almighty und seit zwei Jahren auch Hauptsänger der Lizzys. Warwick folgte mit tiefem, vollem Gesang den ursprünglichen Lynott-Linien, was ihm dank der klanglichen Ähnlichkeit beider Stimmen mühelos gelang – doch eben dieses blinde Folgen der Lynott-Schule ist nur ein weiterer Beweis, dass der Band heutzutage nichts anderes übrig bleibt, als auf den Noten alter Bekanntheit zu spielen. Auf seine alte Tour amüsierte sich auf der linken Bühnenseite der temperamentvolle Bassist Marco Mendoza, während die Zügel mit Blicken unter gerunzelten Stirnen die grauköpfigen Chefs hielten – Gorham an der Gitarre und Downey am Schlagzeug. Dem immergrünen Klassiker-Kranz aus Jailbreak, Rosalie und Whiskey in the Jar fügten die Iren überraschend noch Still in Love With You (»Nightlife«, 1974) hinzu und verneigten sich damit vor dem gefallenen Helden Gary Moore, der sich während der Entstehung des besagten Albums Thin Lizzy erstmals für kurze Zeit angeschlossen hatte. Am Ende des Auftritts bedachte Gorham den Neuling in der Band wegen Warwicks zu frühem Einsatz bei The Boys Are Back in Town mit einem giftigen Blick – doch das trübte nicht den insgesamt guten Eindruck, den Thin Lizzy dank ihrer ausgefeilten Bühnenform in der Tips Arena hinterließen. Alles schön und gut, aber die Tatsache bleibt auch nach dem erneuten Treffen mit der Band dieselbe – noch so gute Bühnenshows können ohne ihren Ideengeber die Glaubwürdigkeit und Größe, die der Name Thin Lizzy für Classic-Rock-Fans verkörpert, nun mal nicht wiederherstellen, egal wie groß die investierte Mühe auch sei.
Die Bühnencrew ließ sich ordentlich Zeit, und bis die Bühne für den Einzug der Heavy-Metal-Götter bereit war, floss noch einiges Wasser den Bach hinunter. Als die lange Wartezeit durch das rollende Riff der Black Sabbath-Klassikerin War Pigs zerrissen wurde, war klar, dass der Vorhang bald fallen und das Spektakel beginnen würde.
Der Einstieg mit Rapid Fire war gewaltig, genauso gewaltig wie Travis‘ beidbeiniges Hämmern auf die Basstrommel, das über eine weitere »British Steel«-Klassikerin Metal Gods zur Auffahrt auf die Autobahn namens Heading Out to the Highway! führte. Das Heavy-Metal-Publikum, bekannt für seine unerschütterliche Loyalität, fraß den Priests vom ersten Moment an aus der Hand und trug sie auf den Schwingen fanatischer Anfeuerung aus den ersten Reihen vorwärts. Dabei sei erwähnt, dass die Tips Arena, das größte überdachte Konzertgelände in Linz, diesmal nur halb gefüllt war – was einige tausend Besucher jedoch nicht daran hinderte, sich mit Leib und Seele den unsterblichen Judas Priest-Klassikern hinzugeben!
Judas Priest wirken im Herbst ihrer Karriere noch immer ungebrochen und bissig; die größten Sorgen bereitet ihnen nach wie vor Halfords nachlassende Stimme. Nachdem Rob Halford auf der »Nostradamus«-Tournee nur noch ein blasser Schatten seiner goldenen Jahre gewesen war, hatte er in der zweijährigen Pause offensichtlich gut auf seine Stimmbänder geachtet und sich so zumindest teilweise Form und das damit angeschlagene Selbstvertrauen zurückgeholt. Um keine falschen Erwartungen zu wecken: die herzzerreißenden Schreie aus Songs wie Starbreaker oder Victim of Changes sind nicht mehr erreichbar – dafür hat sich das erste Priest-Mikrofon durchaus ordentlich mit den mittelschweren Nummern auseinandergesetzt und damit die letzte Hürde für den Abflug ins Heavy-Metal-Paradies geräumt! Halford gelang auch in Linz das Unmögliche – er brachte alle Zweifler zum Schweigen, die ihn in der Vergangenheit bereits abgeschrieben hatten. Auch über den Neuankömmling, den gerade mal 32-jährigen Gitarristen Richie Faulkner, wurde im vergangenen Jahr viel Tinte vergossen. Der blonde Jungspund stellte sich erfolgreich der undankbaren Rolle als Nachfolger des legendären K.K. Downing – das typische gemeinsame Headbangen und Schulter-an-Schulter-Spielen beweisen, dass Faulkner die charakteristische Bühnensprache von Judas Priest bereits übernommen und sich mit den älteren Kollegen in der Band zusammengefunden hat. Doch die eigentliche Herausforderung für ihn und die Band steht erst noch bevor – erst die Aufnahme eines neuen Albums wird zeigen, aus welchem Holz das Gitarren-Gespann Tipton / Faulkner geschnitzt ist, das auf der Bühne souverän agierte und sich die Solo-Einsätze brüderlich halbe-halbe aufteilte.
Judas Priest haben das Repertoire für die Abschiedstournee nach einem interessanten Strickmuster zusammengestellt – von jedem Album der Halford-Ära haben sie mindestens einen Song genommen und so einen Mix mit großer zeitlicher Spannweite kreiert, von »Rocka Rolle« (1974) bis »Nostradamus« (2008). Es wäre undankbar, alle Klassiker aufzulisten, die die Priests in Linz servierten – doch Erwähnung verdienen zumindest Beyond the Realms of Death (»Stained Class«, 1978), The Sentinel (»Defenders Of The Faith«, 1984) oder die Tourneeüberraschung Blood Red Skies (»Ram It Down«, 1988); leider brachte der zweite Teil der europäischen Epitaph-Tournee in die gespielte Setlist keine einzige Änderung, was sich am Ende als das einzige größere Minus des Ausflugs nach Linz herausstellte.
Der letzte Teil des Auftritts folgte den eingefahrenen Bandmanieren – der tödliche Painkiller mit Travis‘ Schlagzeug-Solo-Intro, der Geruch von Harley-Davidson-Benzindämpfen vor Hell Bent for Leather und zum Abschied noch die wohlwollende Hymne Living After Midnight. Das gesamte Kollektiv wirkte auch nach gut zwei Stunden auf der Bühne wie eine gut geölte Maschine – geradezu unglaublich war der Anblick des 61-jährigen Bassisten Ian Hill, der trotz des langen Kampfes gegen schwindende Kräfte jugendlich in seiner charakteristischen Pose verharrte.
Noch eine Begegnung mit der Band, die sich vor langer Zeit als einflussreichster Heavy-Metal-Kollektiv dieses Sonnensystems etabliert hat, noch ein unvergessliches Erlebnis – das können nur Judas Priest sein!
Für die Fahrt im stets sicheren und angenehmen Ambiente sorgte auch diesmal das Reisebüro Koncerti.net unter der Führung des furchtlosen Leiters und eingefleischten Rock-Enthusiasten, Concert Freak!
Setlist
JUDAS PRIEST:
1. Battle Hymn (intro)
2. Rapid Fire
3. Metal Gods
4. Heading Out To The Highway
5. Judas Rising
6. Starbreaker
7. Victim Of Changes
8. Never Satisfied
9. Diamonds & Rust
10. Dawn Of Creation (intro)
11. Prophecy
12. Night Crawler
13. Turbo Lover
14. Beyond The Realms Of Death
15. The Sentinel
16. Blood Red Skies
17. The Green Manalishi (With The Two-Pronged Crown)
18. Breaking The Law
19. Painkiller
—Zugabe I.—
20. The Hellion
21. Electric Eye
—Zugabe II.—
22. Hell Bent For Leather
23. You’ve Got Another Thing Comin‘
—Zugabe III.—
24. Living After Midnight
THIN LIZZY:
1. Are You Ready
2. Jailbreak
3. Killer On The Loose
4. Don’t Believe a Word
5. Whiskey in the Jar
6. Suicide
7. Rosalie
8. Black Rose
9. Cowboy Song
10. The Boys Are Back In Town
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