Letters To Myself

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Autor: Sebastijan Videc

Künstler: CyHra
Label: Spinefarm Records
Veröffentlichung: numbers
Laufzeit: 45:28
Wertung: 4.5/5

Spricht man über CyHra (ausgesprochen saj-ra), kommt man an der Bezeichnung der sogenannten »Supergroup« nicht vorbei. Davon gab es in letzter Zeit einige, aber Tatsache ist: Ein Haufen anerkannter Musiker in einer Band ist noch lange kein Garant für gute Musik – obendrauf sind solche Bands mehr oder weniger nur Nebenprojekte, ihre Langlebigkeit damit fraglich, ganz zu schweigen von ihren seltenen Gigs.

Was macht CyHra also anders als diese Bands? Mit Ausnahme von Schlagzeuger Alex Landenburg, der auch bei Luca Turilli’s Rhapsody für den Rhythmus sorgt, gehören die anderen Mitglieder fest zur CyHra-Stammbesetzung. Die Band entstand aus einer Idee der Freunde Jake E. und Jesper Strömblad. Während Jake E. mit seiner Rolle bei Amaranthe nicht zufrieden war, kämpfte Jesper nach seinem Abgang bei In Flames fast sieben Jahre lang mehr oder weniger erfolgreich mit persönlichen Dämonen, die auch seine musikalische Tätigkeit stark beeinflussten. Und wenn ‚Letters To Myself‘ ein Spiegel seines Befindens ist, kehrt er triumphierend zurück. In der Band gesellte sich noch ein musikalischer Weggefährte hinzu: Peter Iwers, der sich ihm kurz nach seinem Abgang bei In Flames anschloss. Komplettiert wird diese »Supergroup« – die sich selbst nicht als eine solche betrachtet – durch einen weiteren Gitarristen, der erst kürzlich vorgestellt wurde: Euge Valovirta, der bis vor Kurzem bei den schwedischen Shining die Saiten zupfte.

Wenn du von CyHra neue In Flames erwartest – so wie sie nach mancher Meinung ab den Alben Colony und Clayman hätten bleiben sollen –, wirst du enttäuscht sein. Ebenso wenig sollte man neue Amaranthe erwarten. CyHra spielen modernen melodischen Metal, unterstützt durch Sampler und Keyboards, und das ohne jede Scheu. Jake E.s charakteristischer Gesang ist nach wie vor da, und während er in manchen Songs im Stil seiner früheren »Arbeitgeber« bleibt, kann man ihn diesmal in einem viel breiteren Stimmumfang erleben. Genauso präsent ist der charakteristische Sound von Jespers Gitarren, der In Flames in ihren besten Jahren so berühmt gemacht hat – inklusive der doppelten Gitarrenharmonien und der akustischen Parts.

Den Auftakt des Albums macht ‚Karma‘, die auch die erste Single der Band war. Nach dem elektronischen Intro treffen uns sofort Jespers melodischer Terzen-Riff, dem Jake E.s charakteristischer Gesang folgt. Der Knaller vereint In Flames-typische Melodik und Jakes Vocals auf gelungene Weise – kein Zufall, dass die Band damit Fans sowohl der alten In Flames als auch von Amaranthe ansprechen wollte. Es folgt ‚Heartrage‘, wo gleich zu Beginn Landenburgs Schlagzeugspiel in den Vordergrund tritt und sofort klar wird, warum er mit Bands wie Annihilator und LT’s Rhapsody zusammengearbeitet hat. ‚Here To Save You‘ ist einer der markantesten Tracks und beginnt mit einem akustischen Intro, dem schnell verzerrte Gitarren und ein ungemein eingängiger melodischer Chorus mit Gitarrensolo folgen. ‚Closure‘ ist die erste Ballade des Albums; zu den Gitarren im Intro gesellen sich rasch Klavier und Streicher, und der Refrain entfaltet sich grandios im Stil der Balladen von Toto, Journey und ähnlichen Acts der 80er. ‚Letter To Myself‘ ist ein weiterer flotterer, gut abgerundeter Track – melodisch, mit härteren Riffs in den Strophen und melodischen Übergängen in den Chorus. ‚Muted Life‘ wechselt geschickt zwischen ruhigeren Parts und bombastischen melodischen Refrains. Dann kommt ‚Dark Clarity‘, das klanglich stark mit skandinavischem Pop flirtet, der immer auf sehr hohem Niveau war – man könnte fast sagen: metallisierte Roxette. ‚Holding Your Breath‘ ist ein Midtempo-Song, der sich nach einem elektronischen Intro in einen ausgesprochen melodischen Track verwandelt; Jake E. zeigt im Refrain, wie hoch sein Gesang reicht. ‚Rescue Ride‘ und ‚Black Wings‘ sind zwei weitere Midtempo-Nummern, bei denen das Klavier seinen Beitrag leistet. Während erstere direkter ist, erzeugt letztere mit Streicher-Einlagen in den Refrains und einem richtig guten »Skalen«-Gitarrensolo ein echtes Gänsehaut-Epos-Feeling. ‚Inside A Lullaby‘ ist die zweite echte Ballade des Albums, in der Klavier und Streicher-Hintergrund dominieren – sie wird garantiert zum Lieblingssong der verliebten CyHra-Fans. Das Album schließt mit dem sehr interessanten ‚Dead To Me‘. Der Song steigert sich progressiv: Zunächst kombinieren akustische Gitarren mit Spoken-Word-Parts, die leicht an Eminems Hit ‚Lose Yourself‘ erinnern, dann kommen Klavier und Jake E.s wirklich tiefer, heiserer Gesang hinzu; im ersten Teil des Refrains stoßen Streicher dazu, im zweiten dann verzerrte Gitarren – und so bauen sie die Epik des Refrains langsam auf.  

‚Letters To Myself‘ ist ein sehr gutes Debütalbum, das ich jedem empfehlen kann, dem etwas mehr Elektronik im Metal nichts ausmacht. Mit seiner ausgesprochen positiven lyrischen Note (das Hauptthema ist Vorwärtskommen und das Loslassen der Vergangenheit) könnte es auch zur Motivationsmusik für Menschen werden, die unter Depressionen leiden oder mit den Mühen des Alltags kämpfen. Rechnet man noch Jake E.s charakteristischen Gesang und Jespers eingängige melodische Gitarren dazu, haben wir ein außerordentlich gutes und hörenswertes Album vor uns, das der Band zweifellos eine glänzende Zukunft bringen wird.

Besetzung

Jake E. – Gesang
Jesper Strömblad – Gitarre
Euge Vilovirta – Gitarre
Peter Iwers – Bassgitarre
Alex Landenburg – Schlagzeug

Trackliste

01. Karma
02. Heartrage
03. Here To Save You
04. Closure
05. Letter To Myself
06. Muted Life
07. Dark Clarity
08. Holding Your Breath
09. Rescue Ride
10. Black Wings
11. Inside A Lullaby
12. Dead To Me

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