Leon Matek setzte Cerkno schachmatt (2019)
Lokation: Cerkno / Bar Gabrijel / Slowenien
Datum: Donnerstag, 07.02.2019
Leon Matek ist ein slowenischer Singer-Songwriter, der künstlerisch gesehen ein Multi-Talent ist – zum Glück findet Leon trotz all seiner Herausforderungen noch Zeit für die Musik. Filme und Malerei sowie die Arbeit mit Menschen in Not sind nur einige Facetten seines aufregenden Alltags. Zum Glück. Denn genau daraus zieht er seine Inspiration fürs Songschreiben. Er ist ein exzellenter und unglaublich scharfsinniger Poet; in der Musik gesellt sich zu seiner Stimme und der akustischen Gitarre seit jeher das Akkordeon – und die Synthese seiner Kompositionen mit diesem Instrument ist eigentlich eines der grundlegenden Elemente, das ihm einen ganz besonderen Platz im slowenischen Musikuniversum sichert.
Cerkno wieder. Wie immer. Bar Gabrijel. Am Vorabend des slowenischen Kulturfeiertags. Leon Matek Kvartet. Stimme und Gitarre gehören natürlich Leon, am Akkordeon Jaka Kastelic, der sonst in Berlin lebt und arbeitet, dazu der unglaubliche Sergej Ranđelovič „Runjoe“ am Schlagzeug und Bassist Marjan Gradišar – ein Mann, der quasi untrennbar mit Leons musikalischer Karriere verbunden ist. Das neue, insgesamt dritte eigenständige Studioalbum „Srce imaš tako veliko“ ist Leons frischestes Werk, das im vergangenen Oktober das Licht der Welt erblickte – und Leon promoviert es derzeit natürlich noch immer so eifrig wie möglich auf slowenischen Bühnen. Da Violinistin Petra Onderufova, die auf dem Album mitgewirkt hat, nicht zur Hand war, bat das Quartett den jungen und aufstrebenden Geiger aus Idrija, Danijel Bogataj, um Unterstützung – er sprang ein, um einige Nummern zu übernehmen, bei denen die Geige einfach nicht fehlen darf.
Leon teilte das Programm bzw. das Aufführungsrepertoire, das anderthalb Stunden dauerte, in gewisse Blöcke auf. Zur Aufwärmung führte er das Publikum zunächst auf das Debütalbum „Zrno“ (2007); darauf folgte die Präsentation des neuen Albums, ein Abstecher zum zweiten Album „Most“ sowie eine erneute Rückkehr zu „Srce imaš tako veliko“. Also Blöcke von drei bis vier Songs aus jedem Album im Wechsel. Natürlich fehlten einige ältere Nummern auch nicht, darunter die still ersehnte und absolut unverzichtbare „Ljubezenska“, die im Repertoire einfach nicht fehlen darf.
Leon Matek ist ein absolutes Unikum im slowenischen Singer-Songwriter-Panorama. Er ist nicht nur ein Lyriker, der dich erschüttert, aufrüttelt, wachrüttelt. Er geht dabei sehr frontal vor, ohne besondere metaphorische Verschönerungsversuche – was manch einen um den Verstand bringen könnte, der die Botschaft nicht herauszudestillieren vermag. Er kann sehr eindringlich und ungezügelt leidenschaftlich sein, wenn er seine Liebe ausschüttet; dabei aber unglaublich gerissen beißend, wenn die Debatte auf die Verirrungen der schönen neuen Welt kommt, der wir frönend dienen. Er ist ein Wachrüttler, ein wunderbarer Wachrüttler. Und dieses Aufwecken gab es an diesem Abend in Hülle und Fülle. Das Akkordeon bleibt ein integrales Instrument, das innerhalb der Songs kontrastiert und den Raum einfärbt, indem es chamäleonartig seine klangliche Natur wandelt – von Andalusien, Frankreich, dem Šentflorjanska-Tal natürlich, bis hin zum Melos der Arabesken. Das gelegentliche Zusammenspiel mit der Geige stärkte die Stimmung und vertiefte den dramatischen Moment. Der spielfreudige Bassist Marjan verfolgt durchgehend mit Glut jede Geste Leons, wobei auch Runjoe dabei nicht im Hintergrund bleibt. Der Mann mit der heißesten Frisur des Abends – um die ihn Johnny Rotten selbst beneiden würde –, im Zusammenspiel mit dem feinsinnigen und grandiosen ‚Feeling-Meister‘ Runjoe, sorgt für ein kontrastreiches Gegengewicht voller Wärme und Dynamik, wenn er gemeinsam mit Sergej das perfekte Gerüst erschafft, in dem Leon und der Rest der Crew gemütlich ‚lümmeln‘.
Dass Leon im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand, muss man wohl kaum betonen. Sinnlichkeit, Leidenschaft, volles Miterleben – das sind einfach seine anderen Namen. Jede Nummer, ein neues Gesicht. In jeder Hinsicht. Leon ist definitiv ein geschickter Moderator zwischen den Nummern, der mit schelmischem Humor auf unglaublich sympathische Weise die Aufmerksamkeit des Publikums bei sich hält – und in der Darbietung bleibt rein gar nichts verborgen. Nicht mal ein kleiner, völlig unschuldiger und schmerzloser Ausrutscher (ach, diese verdammte Akustik, der bleibt rein gar nichts verborgen). Die Musikertruppe ist aber außergewöhnlich. Und die Darbietung demzufolge nicht weniger. Die älteren Songs tragen die Proto-DNA von Rock und sogar möglichem Punk, während spätere Werke das unglaubliche Reifen eines Musikers zeigen, der sich in seiner Singer-Songwriter-Natur kompositorisch vom Folk-Grundsatz bis in den erotisch flüsternden Schoß des Blues oder des schwingenden Blues-Swings dreht. Der Melos und die vokale Darstellungscharisma stellen Matek dabei auf einen besonderen Platz künstlerischer Ursprünglichkeit. Das neue Album war im Repertoire reichlicher vertreten, und da zwischen ihm und dem Vorgänger eine ganze siebenjährige Lücke klafft, ist klar, dass die Songs auf dem neuen Album charakterlich außerordentlich stark sind. Ausgereift. Was Poesie und auch Arrangement betrifft. Sie sind ein Spiegelbild unseres Lebens, des Glanzes und Elends der letzten sieben Jahre – und wenn Leon die Blutsauger ins Visier nimmt, die dummen Realityshows, den allgemeinen Zerfall gesunder Kommunikation, der von FaceBook befehligt wird, und noch einiges mehr, wird er zur Stimme von uns allen. Auch wenn ihn Leidenschaft und die Glut der Liebe erfassen, bewegt er Emotionen im Zuhörer und weckt in ihm vielfältige Gefühle.
Das Konzert war natürlich bei weitem nicht so ernst, wie man vielleicht aus dem vorherigen Absatz dieses Berichts schließen könnte. Leon schmückt das ganze Geschehen mit einem leicht lausbubenhaften und neckischen Kommunikationstouch, womit er effektiv alle möglichen Barrieren zwischen Bühne und Publikum abbaut. Davon gab es genug, auch wenn die Besucherzahl nicht ganz das war, was man sich gewünscht hätte – in der ersten Reihe saß dafür Nataša, und das passte perfekt zur Darbietung von „Ljubezenska“. Dabei war so manches niedliches Erröten zu beobachten.
Die Band widmete im abschließenden Teil des Konzerts erneut mehr Aufmerksamkeit dem neuen Album („Zakaj bi protestiral?“, „Ti si ples vesolja“), schloss das Konzert dann aber – mit dem Wunsch, das Publikum zum Tanzen zu bringen – mit dem schelmischen „Pleši, pleši dekle“, dem ein „guerillaartiger“ Zugabe-Song mit „Nocoj si moja“ folgte. Die Darbietung des Songs, der vom Album „Spohane viže“ (1997) stammt – als Leon noch im Duo Juhej in vuhmepiš aktiv war –, begleitete er mit dem Kommentar, dass dieser in seiner Gymnasialzeit entstanden sei.
In jeder Hinsicht eine hervorragende Clubshow, bei der die Band einem buchstäblich in der Hand spielt und es an Authentizität aller Emotionen und Leidenschaft nicht mangelt. Ein Konzert also, das unglaublich schnell verflog. Anderthalb Stunden vergingen wie im Flug. Schon fast zu schnell. Mateks „Schachmatt“ in Cerkno.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Setlist:
1. Poljubi me
2. On je pozabil
3. Pridi, bova šla čez sedem hribov
4. Kdaj je umrla iskra v tvojih očeh
5. Najraje bi ta dan preklet prespal
6. Hočem veliko več
7. Ko te pogledam v oči
8. Grenko slovo
9. Most
10. Drago se boš prodala
11. Ljudožerci
12. I Live In FaceBook
13. Pazi, pazi, padu boš
14. Ljubezenska
15. v gozdičku
16. Daj nehaj že govorit
17. Zakaj bi protestiral?
18. Ti si ples vesolja
19. Pleši, pleši dekle
20. Nocoj si moja













