„Lentovanje“ mit Uriah Heep (2013)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Maribor / Lent festival (Hauptbühne) / Slowenien
Konzertdatum: 04.07.2013
Besucherzahl: 3500
Kartenpreis: 20,00€

Neues Jahr, neuer Sommer, neues Lent festival. So läuft das irgendwie in unserem Land. Lent hält sich. Es ist Tradition, es ist Kultur, es ist Lebensart. Ein wunderschönes Festival in jeder Hinsicht. Und so bleibt es auch. Unser Stolz. Diesmal hat der Veranstalter den Namen Uriah Heep in die Gesamtaufstellung der Acts gepackt und damit neue Fakten geschaffen, die für alle Rock-Fanatiker zumindest eine Pflicht bedeuteten. Mindestens einen eintägigen Besuch des diesjährigen Lent.  

Uriah Heep zeigen im Jahr 2013 zwei Gesichter. Das eine ist das trotzige, das Konzertbesucher wie auch Hörer der neuesten Studioarbeiten jedes Mal aufs Neue verzaubert – dass die Band eine neue Jugend eines künstlerisch-kreativen Aufbruchs erlebt, mit einem Crescendo in außergewöhnlichen Bühnenperformances des neuen Jahrtausends. Das andere ist jüngeren Ursprungs. Uriah Heep sind kräftig in ihr 44. Existenzjahr eingetaucht. So hat sie dieses Jahr leider Trevor Bolder verlassen. Ein Fels, eine Säule der Band, der Uriah Heep seit dem Album »Firefly« (1977) seinen unauslöschlichen Stempel aufgedrückt hat (Ausnahme: eine fünfjährige Abwesenheit bis zur Rückkehr 1983), ist ein unersetzliches Glied der Band. Mit seinem Weggang wird es bei Uriah Heep nie mehr so sein wie es war. Einen adäquaten Ersatz gibt es nämlich nicht. Man müsste in der Garde der Musiker suchen, die Rock erst auf die Beine gestellt haben. John Wetton? Vielleicht, aber das ist wahrscheinlich Utopie. Ich will sagen: Die Jahre des Trotzes fordern langsam ihren Tribut. Wenn schon nicht der Zahn des Kelchs, dann ist der Zahn der Zeit gewiss derjenige, der langsam an dir bohrt. Still, aber ohne Erbarmen, nagt er an dir. Uriah Heep sind jetzt ein Quartett, und als vorübergehender Legionär übernimmt Bassist Dave Rimmer (Zodiac Mindwarp) die Rolle des Bolder-Ersatzes. Die energetischen Kraftlinien in der Besetzung von Uriah Heep werden also nie mehr so sein wie sie waren. Andererseits kündigt die Band die Arbeit an einem neuen Studioalbum an. Das bedeutet, dass Mick Box, der einzige Mann, der alle Ären der Band überlebt hat, seine kreative Kondition erhält – was eine vielversprechende Fortsetzung der Band auch in Zukunft signalisiert. In der fünften Dekade des Bestehens.

Lassen wir die Philosophie kurz beiseite.Auf zum Lent. Uriah Heep in Maribor? Auf dem »Flussfloß«? Traumhaft. Das Ufer der Drau erwachte in seiner malerischen Lebendigkeit. Die Energie war schon an den Eingangspunkten des Festivals fantastisch. Überall entspannte Gesichter voller Freude und Heiterkeit. Der Stand mit Uriah Heep Merchandise erwartete uns diesmal direkt im Ticketverkaufscontainer. Die Preise für Uriah Heep Merch? Die geben nicht nach. Die Auslastung der Tribünen überraschte. Bis in den letzten Winkel besetzt – nur ganz links (Blick von der Bühne) blieb ein minimaler Freiraum, ansonsten brechend voll. Uriah Heep betraten die Bühne exakt zu der Uhrzeit, die auf den Konzerttickets vermerkt war. Mit dem bekannten Intro, das sich in eines der besten Stücke der neueren Ära der Band verwandelte: Against The Odds (»Sea Of Light«, 1995). Ein mitreißender Riff, der in seiner Wucht für die neuere Schaffensphase der Band kaum einen passenderen Kandidaten für die Eröffnung eines Uriah Heep Konzerts findet. Packt einen sofort! Und so war es auch beim Auftritt von Uriah Heep in Maribor.

Hervorragender Sound während des gesamten Konzerts. Zwischendurch war Boxs Gitarre einen Tick zu laut, vor allem in Stücken wie dem neueren Nail on the Head (»Into The Wild«, 2010) – wo die rohe Wucht des Hard-Rock-Riffs besonders betont ist – ansonsten aber das gewohnte, für diese Band geradezu erwartete Klangerlebnis. An diesem Abend kam der Band ein außergewöhnlicher Besucherandrang und ein beeindruckender Ausblick von der Bühne zugute. Die meisten kamen natürlich nicht zum Konzert, weil sie in erster Linie Uriah Heep Fans wären. Das würde nämlich bedeuten, dass es in Slowenien eine langjährige Tradition eines gesunden Rock-Kultur-Kults gibt, wie ihn Deutschland kennt (aber leider lässt die Usurpation der »dalmatinischen Klapa-Gesangsgruppen« nichts Gutes erahnen). Sie kamen wegen der Tradition des Lent festival. Hier muss man einfach dabei sein. Und Gott sei Dank. Sie genossen das Uriah Heep Konzert. Alle Generationen.

Die Bühne, auf einem hölzernen Steg errichtet und buchstäblich auf den Gesetzen der Physik der Drau schwebend! Der Innenbereich, ganz eingeklemmt zwischen Bühne und Tribünen, gewährte nur den »Vornehmen« mit VIP-Pässen Einlass. Für einige ziemlich »wackelig«. Spätestens bei der Darbietung von Lady In Black erwachte das Publikum geschlossen zum Leben. Egal, ob es wusste, dass es sich dabei im Original um ein Uriah Heep Stück handelt. Das kennt das Volk eben aus dem Radio. Aber Bernie »verjüngte« das reife Publikum, als er kurz vor Nail on the Head die Leute auf der Tribüne fragte, ob sie Rock mögen, und feststellte, dass sie müde aussehen. Er forderte sie auf, aufzustehen, und schmeichelte ihnen  diplomatisch, dass sie auf einmal alle dreißig Jahre jünger wirken. Auch ohne solche »Blüten«, bei denen man betrunkene Einzelpersonen aus dem Publikum »Špileej!« brüllen hörte, haben Uriah Heep routiniert einen außerordentlich echten und herzlichen Kontakt zum Publikum hergestellt, dessen grundlegende Bausteine natürlich Sänger Bernie Shaw und Gitarren-Yogi Mick Box waren.

Die Band hat mit Trevor offensichtlich mehr verloren als beim Austausch des pensionierten Lee Kerslake durch Russell Gilbrook im Januar 2007. Damit kein Missverständnis entsteht: Aushilfs-Bassist Dave Rimmer (Zodiac Mindwarp) ist durchaus ein ausgezeichneter Bassist. Er imponierte mit seiner Weichheit, Präzision, einem außerordentlich schönen warmen und aktiven Bass-Sound sowie einer lebhaften und melodisch reichen Ausschöpfung seines Spiels, ganz nach dem Vorbild dessen, was Bassisten wie Gary Thain, Trevor Bolder, John Wetton und/oder Bob Daisley in den essentiellen Sound von Uriah Heep eingebracht haben. Und trotzdem. Weder visuell noch energetisch konnte Rimmer die Lücke füllen. Seine Bühnenpräsenz ist völlig anders geformt als die von Bolder. Er erfüllt also lediglich die Funktion eines Ersatzes für die Zeit, bis die Band die gebuchten Konzerte bis Ende des Sommers abgespielt hat. Die Frage ist, ob Uriah Heep sich jemals entscheiden werden, einen neuen Bassisten als festes Mitglied in die Band zu integrieren. Offiziell sind sie nämlich derzeit ein Quartett. Am besten wäre es, wenn das so bleibt. Mit einer Ausnahme. Dass sich ihnen vielleicht irgendwann durch ein Wunder wieder John Wetton anschließen würde, womit die Chance entstünde, live auch mal eine »High And Mighty« (1976)-Klassik zu hören.

Bernie lieferte eine weitere hervorragende Gesangsdarbietung! Dennoch musste die Band das Problem der Gesangsharmonien in den Griff bekommen. In den goldenen Zeiten übernahmen bei Uriah Heep alle Instrumentalisten die Rolle der Begleitvokale zum Hauptgesang. Schon nach Kerslakes Weggang brauchte Gilbrook eine ganze Weile, um diese Fähigkeit zu erlernen.  Das Konzert in Maribor bot aber einen Einblick in die Art, wie die Notmaßnahmen in dieser Hinsicht umgesetzt werden. Mick Box übernahm mehr Begleitvokale, sogar in höheren Lagen, die zuvor Bolder gesungen hatte. Dennoch ist Box vokal gesehen kein Bolder, geschweige denn Hensley. Rimmer öffnete während des Konzerts kaum den Mund am Mikrofon. So spürte man nach dieser neuesten Aufstellung, dass die Gesangsharmonien in der Färbung des Hauptgesangs nicht mehr das sind, was sie noch vor zwei Jahren waren.

So sehr ich auch nach Haaren im Ei oder Federn im Kaviar suchen mag, Uriah Heep haben eine hervorragende Show abgeliefert, die bestätigt hat, dass die Band noch lange nicht von den Bühnen abtritt. Es gibt keinen Grund dafür. Da ist Mick Box mit seinem standardmäßigen »yogischen Zaubern«. Fantastische Soli, intensive Gitarrenphrasen, die nur in der Kombination seines einzigartigen Griffs zu vollem Leben erwachen. Mick ist Mick. Was du siehst, das bekommst du. Der Typ, der sich in der letzten Dekade unwiderruflich zur Bühnenfigur eines Ersatz-Gandalfs gewandelt hat, lenkte mit der Rechten den energetischen Fluss seiner Gitarrenperformance in den Raum und teilte die Magie uneigennützig mit dem Publikum. Die Band lieferte in der Setlist ein Repertoire aus eisernen Klassikern. Eigentlich hatte man sie für die Sommerbühnen gestutzt und Stücke wie Too Scared To Run, Come Away Melinda und All My Life herausgestrichen, was hartgesottenen Uriah Heep Fans sicher nicht gefiel, dafür aber den abgegriffenen »Sweet Freedom« (1973) »Rancher«-Track Stealin‘ zurück ins Repertoire geholt. Trotz allem lässt sich das Finale, mit dem die Klassiker Gypsy und July Morning langsam in das abschließende Crescendo führen, als stimmungsmäßigen Höhepunkt des Konzerterlebnisses mit Uriah Heep bezeichnen. Klassiker bleiben Klassiker. Auch im Jahr 2013. Selbst wenn es schon dein zwanzigster Konzertbesuch der Band ist. Die Stücke aus der ersten Hälfte der Siebziger, vollgepackt mit dem Element des Pioniergeistes, tragen einfach eine wesentlich stärkere Ausdruckskraft und Tiefe als das spätere Uriah Heep Material.

Die Band gönnt sich Spaß bei Free N‘ Easy (»Innocent Victim«, 1977) in der Zugabe. Bewährt und schon gesehen. Diesmal hörten die Jungs einfach nicht auf, Vertreterinnen des zarten Geschlechts auf die Bühne zu rufen, damit sie sich im Strudel des stahlharten Riffs drehen, der in den späten Siebzigern noch einmal versuchte, Uriah Heep an den Erfolg des zeitlosen Hits Easy Livin‘ anzuknüpfen. Offensichtlich schwärmen Uriah Heep für die Schönheit der Sloweninnen. In Österreich erlebst du sowas nicht. Gleich zwölf Mädels, Frauen, Mütter auf der Bühne… So was? Noch das obligatorische Easy Livin‘ und Uriah Heep verabschieden sich bei den Klängen des eingespielten Outros der »patriotischen Glorie« »Land Of Hope And Glory« vom Lent!

Uriah Heep halten sich. Das Konzert war exzellent, ohne Ausrutscher. Kompakt, kohärent, routiniert. Im Kontext der einzigartigen und durch und durch unverkennbaren ultimativen  Figur aus Statur und Stimme der Band. Spätestens daran erinnerte das grandiose Hammond-Intro von Lanzon in den Kultklassikern Gypsy und July Morning. Die Gurus und Weisen der Rock ’n‘ Roll Kultur geben nicht auf. Mit der erneuten Bestätigung ihrer Bühnenfrische und Form versprechen sie auch ein neues Album, und das ist ein gutes Zeichen, das die Hoffnung weckt, dass das Märchen von Uriah Heep noch lange nicht zu Ende geht.

Setlist

1. Against the Odds
2. Overload
3. Traveller in Time
4. Sunrise
5. Stealin‘
6. I’m Ready
7. Between Two Worlds
8. Nail on the Head
9. Into the Wild
10. Gypsy
11. July Morning
12. Lady in Black
—Zugabe—
13. Free ’n‘ Easy
14. Easy Livin‘

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