Lebkuchen zerbröseln in Wien (2013)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Wien / Arena / Österreich
Konzertdatum: 14.03.2013
Besucherzahl: 1100

The Darkness, die verlorenen und wiedergefundenen Champions des Rock ’n‘ Roll-Exzesses, mit dem sie 2003 wie ein Meteorit in der planetaren Szene der heißesten Bands der Galaxie eingeschlagen sind und ihre unvergesslichen Singles »I Believe In A Thing Called Love«, »Growing On Me«, »Get Your Hands Off My Woman«, »Love Is Only A Feeling« bis heute vom bereits legendären Debüt »Permssion To Land« in die Welt schickten. Der Meteorit zerplatzte 2006, als The Darkness auf dem Höhepunkt mit ihrem zweiten Album »One Way Ticket To Hell… And Back« (2005) waren, denn die Band erlag dem ausschweifenden Leben, das sich so oder so einschleicht, wenn man zum Star wird. The Darkness zerfielen in zwei Hälften. Der Hauptmotor der Gruppe Justin Hawkins beschäftigte sich nach erfolgreicher Rehabilitation, in der Zeit bis zur Wiedervereinigung von The Darkness, mit seiner Band Hot Leg, während das verbliebene Trio in der Band Stone Gods aktiv war.

Klar ist, dass es ohne die Hawkins-Brüder keine The Darkness gibt. Das Glücksrad drehte sich in die richtige Richtung, und vor ungefähr zwei Jahren kündigten die wieder vereinten The Darkness ihre ersten Konzertermine an. Im vergangenen August veröffentlichten sie dann das dritte Studioalbum »Hot Cakes«, traten auf Festivalgeländen auf und trugen ihren Namen auch zu den Fans von Lady Ga Ga, da sie auf deren Tour als Vorband auftraten. Endlich erlebten wir nun auch die neue eigenständige Headliner-Tour, die mit einem Halt in Wien am 14.03.2013 der slowenischen Grenze nahe genug kam, dass ein Konzertbesuch bei The Darkness auch für das RockLine-Team ein sinnvoller Ausflug schien.

Das Konzert war schon seit geraumer Zeit ausverkauft. Derselbe Promoter hatte vor sieben Jahren das Konzert von The Darkness im Gasometer organisiert. In einem Veranstaltungsort, der  dreimal so viele Menschen fasst wie die benachbarte Arena. Er ahnte, dass The Darkness nicht mehr ganz so heiß sind, deshalb riskierte er nichts und buchte lieber die kleine und günstigere Location, verkaufte sie aus — auch wenn mehr empörte Fans ohne Karten vor der Halle zurückblieben.

Genau um acht Uhr stand die Vorband auf der Bühne. Ausgezeichnete  Wahl. Mehr als eine praktische Wahl. Ginger Wildheart Band. Eine Band, die von Ginger Wildheart angeführt wird, der vor allem durch seine jahrelange hartnäckige Zusammenarbeit mit The Wildhearts bekannt ist und erstmals auf sich aufmerksam machte als Mitglied der Besetzung Quireboys. Der Kerl schloss sich vor drei Jahren auch kurzzeitig dem Hanoi Rocks-Sänger Michael Monroe für dessen Soloshow und das Album »Sensory Overdrive« (2011) an. Kürzlich startete er auch das Projekt Hey! Hello!, bei dem es sich um eine Art experimentelles, sogar progressives Noisy-Pop-Abenteuer der Eklektik handelt, in Zusammenarbeit mit Sängerin Vctorio Liedke — Ginger spielt dabei alle Instrumente, auch das Schlagzeug. Seine Begleitband zündete live gleich vier Stücke aus dem Projekt Hey! Hello!, nämlich Swimwear,  Lock for Rock (and Other Sporting Cliches), How I Survived the Punk Wars  und Feral Days. Die inhaltlich eklektische Mischung aus Hard Rock, Punk, sogar Rockabilly sowie Ausflügen in sinfonische Gewässer, durchtränkt mit der Saftigkeit der Glam-Kultur, lieferte ein außergewöhnliches Warm-up. Schüsse aus allen Rohren, ein knackiger Hard-Rock-Griff von gleich drei Gitarren, außergewöhnliches Harmonisieren von Gingers Stimme durch alle Mitglieder der Begleitband. Außergewöhnliche Dynamik und Explosivität. Der freche Ginger zeigte mit seinem Auftritt, dass es schwer wäre, eine passendere Vorband für ein The-Darkness-Konzert zu finden als seine Truppe. Ginger Wildheart Band lieferte am Ende noch The Queen of Leaving aus dem Projekt Silver Ginger 5 ans Publikum und rundete den dreiviertelstündigen Bühnenauftritt mit dem The Wildhearts-Klassiker Do the Channel Bop ab.

Fünfzehn Minuten nach neun Uhr abends läuft der Thin Lizzy-Klassiker The Boys Are Back In Town. Im letzten Drittel des Songs erscheinen auf der noch immer abgedunkelten Bühne vier Silhouetten! Mit in die Luft gereckten Händen halten sie sich an den Händen. The Darkness. Die Halle auf den Beinen! Explosion in das neue Every Inch Of You, das Quartett fegt in vollem Schwung über die weitläufige Bühne. Dan ganz links, Frankie ganz rechts, in der Bühnenmitte ist also genug Platz für den exzentrischen Justin. Der Mann, der in sein Bühnenexzess-Theater  viele Übungsstunden der Imitation Seiner Hoheit Freddie Mercury hat einfließen lassen, ist wieder in jeder Hinsicht provokativ. Vom engen Fetzchen, das seinen nackten, kitschigen und mit Piercings sowie Tattoos »bekrönten« Körper bedeckte, bis zu seinen Bewegungen, Gesten, frechen Grimassen,…

Sieben Jahre sind vergangen, seit wir The Darkness im Gasometer besucht haben, doch Justin hat sich vielleicht um einen Millimeter beruhigt. Vielleicht, sage ich. Neuerdings ziert sein Gesicht ein Schnurrbart mit nach oben aufgezwirbelten Spitzen. Verrückt bleibt er trotzdem. Positiv verrückt. Bei all den Turnübungen, die einen Kopfstand, das Klettern auf Lautsprecherboxen, das Scheuern der armen Gibson Les Paul am linken Lautsprechercluster, der an der Hallendecke hängt, theatralisches Verrenken und das Hervorlocken aller möglichen Posen, Lagen und Positionen einschlossen — all dieser inszenierte Klamauk von Justins Show ist verzeihlich und ganzheitlich glaubwürdig, da sein Gesang ihm in absoluter Topform dient. Wie 2006. Mehrfach verblüffte er buchstäblich mit der extremen Höhe, die seine Stimmregister hergeben. Und Justin erschöpft sich nicht während des Auftritts. Das ist das Wichtigste. Keinerlei Ermüdung zeigt er. Das bewies auch die Einbeziehung der stimmlich äußerst anspruchsvollen Radiohead-Coverversion Street Spirit als Zugabe sowie die verdammt überlegene »N.W.O.B.H.M.«-Variante, die The Darkness spielen.

Das Wiener Publikum zeigte, dass es The Darkness keineswegs vergessen hat. Den Konzertbesuch machte vor allem die Mehrheit junger Rock-Liebhaber aus, was für die Band ein gutes Zeichen ist, da es ihre Langlebigkeit prognostiziert. Das Repertoire umfasste erwartungsgemäß die bekanntesten Momente der Alben »Permission To Land« und »One Way Ticket To Hell… And Back«, in die neuere »Hot Cakes«-Nummern eingestreut waren. Das Publikum rastete deutlich stärker bei den älteren Hits aus, vor allem hob es das Dach der Wiener Arena, als die Band nach der äußerst witzigen Parodie auf Schlagzeuger Ed (She’s Just a Girl, Eddie) One Way Ticket To Hell… And Back anging, sowie im abschließenden Finale des regulären Teils, das wir alle fieberhaft in der Halle erwarteten, mit I Believe In A Thing Called Love.

Dem Treiben des exzentrischen Justin war kein Ende in Sicht. Als Zugabe flog ein »kleines weißes Bonbon« auf die Bühne. »Verdammt!« »Ist das Ecstasy?« »Hat das meinem Gerät zwischen den Beinen geholfen?« »Das sind Drogen!?« Das sind Drogen, oder!?!« So der neugierige Justin, der die »Tablette« theatralisch hinunterschluckte, sich dann auszuziehen begann und als geborener Schauspieler »in Schmerzen« erkannte: »Ahhh… It’s worms, bloody worrrrmssss….«.

Zwar war das verbliebene Dreier-Team, angesichts von Justins riesigem Ego, wieder zur Statistenrolle verdammt, zeigte aber, was für ausgezeichnete Musiker Ed, Frankie und Dan sind. Vor allem Letzterer ist ein wichtiges Glied, das mit seiner Arbeit Justins Patzer kaschiert — diese tauchen ständig während des Konzerts auf, da der Kerl auf der Bühne gleichzeitig einen ganzen Haufen Dinge neben dem Gitarrespielen macht. Gleichzeitig beeindruckte Dan mit einigen außergewöhnlich sauber platzierten, klassisch angelegten Hard-Rock-Soli und bewies, dass er im Gitarrespielen seinem berühmten Bruder in nichts nachsteht. Erotogen ist der Auftritt von The Darkness auf der Bühne! Der freche Justin, frech bis ins Mark, ritt in dem abschließenden Love On the Rox With No Ice theatralisch auf einem der gut »verstärkten Schultergelenke« des am nächsten stehenden Tontechnikers. Dieser trug ihn dann auf den Schultern durch das Parkett. Justin solierte und solierte und solierte auf den Schultern. In diese gesamte Solismus-Orgie, die sich in der vor Schweiß triefenden und mit Bier übergossenen Arena wirbelte, flocht er auf lucide Art (wie denn sonst) das Leitmotiv von Steve Stevens‘ Top Gun Anthem ein.

Es war wieder einer jener Konzerte, die dich noch einige Tage danach mit offenem Mund im Griff der Nachkonzert-Eindrücke halten. Justin und die Band lassen dir keine Sekunde zum Durchatmen, wenn du die Magie live mit ihnen teilst. The Darkness bleiben schmerzhaft gut. Wie die sündhaftesten Lebkuchen der scharfen Rock-Rasierklinge schießen sie mit vollen Rohren im Glanz einer außergewöhnlichen Hochspannungseruption, wann immer die Zeit kommt, die Bühne zu entern. Ungeachtet der Tatsache, dass die Band sieben Jahre älter ist als bei ihrem letzten Wiener Besuch, war das auch für einen Moment nicht zu spüren. Multi-Instrumentalist Justin ließ das Klavier für die neue Tour zu Hause und das Konzert machte einen gnadenlosen Bogen um jegliche Balladeneinschläferei.

Hoffen wir, dass The Darkness diesmal zusammenbleiben und dass die Erfahrungen von damals sie viel gelehrt haben und dass die Hawkins-Brüder miteinander aushalten. Ohne sie gibt es keine The Darkness, und alles andere, womit sie sich beschäftigen würden, würde einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen — als ob die wesentliche Zutat bei der Sache fehlt. The Darkness haben beim Wiener Konzert ihre Größe als lüsterne Rock ’n‘ Roll-Akrobaten der neuen Zeit bewiesen, die eine seltene Fertigkeit locker im kleinen Finger tragen. Und diese Fertigkeit stellt sie unter die besten Bühnendarsteller. Sie bieten ausgezeichnete Bühnenpräsenz und würzen sie gleichzeitig mit absichtlich platziertem Übertreibungs-Spaßtheater-Exzess. Genau das, was die Masse heute braucht, um abzuschalten in diesen bleiernen Zeiten der letzten Tage der westlichen Zivilisation, zu denen uns der Virus des liberalen Kapitalismus getrieben hat, der neuerdings in Deutschland sogar das Wasser privatisiert. Rock ’n‘ Roll ist ein Katapult zur Ekstase in eine Parallelwelt, die wir uns illusorisch vor Augen malen. The Darkness bleiben nach dem Gezeigten in Wien einer der überzeugendsten Fahnenträger im Umgang mit der Rock ’n‘ Roll-Magie. Sündige Schlingel. Und was noch? Natürlich sündhaft gut! Bis ins Mark.

Setliste

GINGER WILDHEART BAND:

  1. Swimwear  
  2. It Appears That the Party Is Over
  3. Feral Days
  4. Lock for Rock (and Other Sporting Cliches)
  5. How I Survived the Punk Wars
  6. Taste Aversion
  7. Brain Sugar
  8. Over Easy
  9. The Queen of Leaving
  10. Do the Channel Bop

THE DARKNESS:
The Boys Are Back in Town  (aufgezeichnetes Intro)
1. Every Inch of You
2. Black Shuck
3. Growing on Me
4. She’s Just a Girl, Eddie
5. One Way Ticket To Hell… And Back
6. Nothin’s Gonna Stop Us
7. Get Your Hands Off My Woman
8. Love Is Only a Feeling
9. Friday Night
10. Concrete
11. How Dare You Call This Love?
12. Givin‘ Up
13. Stuck in a Rut
14. I Believe in a Thing Called Love
—Zugabe—
15. The Best Of Me
16. Everybody Have A Good Time
17. Street Spirit (Fade Out)
18. Love On The Rox With No Ice

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