La Storia New Trolls & Le Orme (2013)

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Autor: Peter Podbrežnik

Ort: Pordenone / Deposito Giordani / Italien
Konzertdatum: 26.01.2013
Besucherzahl: 800
Kartenpreis: 18,00€ / 22,00€

Knapp ein Jahr nachdem am 24. März 2012 ein Teil der Rockline-Crew in Pordenone dem Auftritt der legendären Le Orme und Banco Del Mutuo Soccorso beiwohnte, meldeten sich am selben Ort die ‚Spuren‘ (Le Orme) erneut zu Wort — diesmal in Gesellschaft von New Trolls, einer weiteren Kultband aus dem goldenen Zeitalter des italienischen Progressive Rock. Obwohl keines der genannten italienischen Progressive-Rock-Schwergewichte seit Ende der Siebziger noch nennenswerte kommerzielle Erfolge verbucht, sind sie in ihrer Heimat unter allen Liebhabern guter Musik nach wie vor enorm beliebt, und einige von ihnen erreichen bis heute — vor allem durch neue Studioalben — die hohen künstlerischen Maßstäbe vergangener Zeiten (darunter auch Le Orme und New Trolls). Kein Wunder also, dass die Halle fast bis auf den letzten Platz gefüllt war — wenngleich etwas weniger Leute kamen als im Vorjahr, als neben Le Orme auch die ebenfalls äußerst beliebten Banco Del Mutuo Soccorso zu Gast waren.

Als Erste begeisterten uns die Venezianer Le Orme mit ihrer Bühnenpräsenz — sie agieren wieder als Trio, bestehend aus dem einzigen Originalmitglied, Schlagzeuger Michi Dei Rossi, Tastengenie Michele Bon und Bassist/Sänger Fabio Trentini. Legendensänger Jimmy Spitaleri war inzwischen zu seiner Band Metamorfosi zurückgekehrt, und auch Gitarrenvirtuose William Dotte war nicht mehr dabei. Beide waren auf der letztjährigen Tournee als Gastmitglieder dabei gewesen, um das neueste Le-Orme-Album »La Via Della Seta« (2011) zu unterstützen, ein konzeptuelles Meisterwerk über die Reisen Marco Polos. Mit ihrer Präsenz hatten sie das klangliche Gesamtbild deutlich bereichert und an vielen Stellen sogar verbessert — doch die legendäre Band agiert nun wieder als Trio. Auch wenn Spitaleri einer der besten italienischen Rocksänger ist und es schade ist, dass er die Zusammenarbeit nicht verlängert hat, sind Le Orme auch ohne ‚richtigen‘ Sänger und Gitarristen nach wie vor eine fantastische Band. Den größten Teil ihrer Karriere haben sie ohnehin als Trio verbracht. Trentini schlägt sich neben seinem begeisternden Bass- und Akustikgitarrenspiel auch als Sänger mehr als ordentlich. Michele Bon ist derzeit einer der besten italienischen Keyboarder — der ideale Nachfolger des originalen Keyboarders Toni Pagliuca —, und es wäre wirklich keine Übertreibung, ihn als die italienische Antwort auf Keith Emerson zu bezeichnen. Bon sprang wie ein Tintenfisch ständig zwischen Hammond-Orgel, Mini-Moog, E-Piano und Gitarrensynthesizer hin und her und entfachte dabei wie selbstverständlich stürmische Begeisterungswellen unter allen Prog-Rock-Kennern.

Bandchef und Urgestein Dei Rossi, nach wie vor einer der besseren Schlagzeuger der italienischen Prog-Rock-Szene, sorgte unterdessen neben einem Überfluss an leidenschaftlichen Rhythmik-Finessen auch fleißig für gute Stimmung im Saal — vor allem mit allerlei humorvollen Sprüchen zwischen den einzelnen Stücken. Le Orme eröffneten ihren Auftritt mit dem Instrumental »L’Alba Di Eurasia« und »Il Romanzo di Alessandro«, den Eröffnungsstücken des bereits erwähnten Albums »La Via Della Setta«. Das war keine Überraschung, denn es handelt sich um ein wirklich ausgezeichnetes Album, das sich durchaus mit ihren besten Werken der Siebziger messen kann. Angesichts des Umstands, dass 2013 der 40. Jahrestag des Erscheinens des Le-Orme-Meisterwerks »Felona e Sorona« (1973) — ihrer meistgeschätzten Studioarbeit — begangen wird, war zu erwarten, dass der Großteil der Setlist Stücke aus diesem Klassiker des italienischen Progressive Rock enthalten würde. Genau das geschah, und so durften wir die zeitlosen »Felona e Sorona«-Evergreens wie »Sospensi nell ‚incredibile« »Felona«, »Sorona«, »L’Equlibrio«  und »Ritorno al nulla« genießen. Natürlich fehlte an diesem Abend neben unvergesslichen Klassikern wie »La porta chiusa« und »Sguardo verso Il Cielo« auch ihr größter Hit »Gioco di Bimba« nicht, der ihnen 1972 internationale Bekanntheit einbrachte. Le Orme rechtfertigten einmal mehr ihren langjährigen Ruf als eine der besten italienischen Konzertbands überhaupt und versetzten uns in  guten eineinhalb Stunden — so lange dauerte ihr Auftritt ungefähr — auf den Schwingen ihrer symphonisch-progressiven Epik mit einer gehörigen Portion Tastatur-Virtuosität unter der Regie des unglaublichen Bon in absolute Ekstase.

New Trolls, die nächste legendäre Band aus dem goldenen Zeitalter des italienischen Prog Rock, die an diesem Abend auftrat, stand vor der ziemlich anspruchsvollen Aufgabe, die einzigartige Stimmung zu erhalten oder sogar zu übertreffen, die nach dem Auftritt ihrer Kollegen den Saal erfüllt hatte. Erwähnt werden muss, dass New Trolls aus rechtlichen Gründen im Zusammenhang mit ehemaligen Mitgliedern unter dem Namen La Storia New Trolls auftraten — was auf seine Weise traurig ist, denn das zieht sich quasi durch ihre gesamte Karriere, seit sie 1972 zum ersten Mal (vorübergehend) auseinanderbrachen. So existieren derzeit zwei verfeindete Versionen dieser legendären Band. New Trolls haben stets auf einen grandiosen Orchesterklang geschworen, mit dem sie ihren ganz eigenen ‚Barockrock‘ formten. In der Vergangenheit haben sie mehrfach mit einem Sinfonieorchester zusammengearbeitet, doch an diesem Abend war es natürlich unmöglich, ein Orchester auf die Bühne zu bringen. Dafür ersetzte der informelle Bandführer, Hauptsänger, Rhythmusgitarrist, Keyboarder und Flötist Vittorio De Scalzi — der an diesem Abend unglaublich aufgelegt war, um es auf gut Deutsch zu sagen: es hat ihn regelrecht über die Bühne ‚geworfen‘ — das gesamte Orchester im Alleingang.

Von den originalen New-Trolls-Mitgliedern war ihm der nicht minder legendäre Nico Di Palo zur Seite — einst einer der besten italienischen Gitarristen überhaupt, den viele Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger sogar mit Jimi Hendrix verglichen. Nach einem tragischen Autounfall ist Di Palo auf einer Körperhälfte gelähmt, sodass er kaum noch laufen kann und keine Gitarre mehr spielen kann — er spielt nun mit einer Hand Keyboards und übernimmt die Rolle des Zusatzsängers. Und dabei ist er, trotz des grausamen Schicksalsschlags, der ihn um sein Lieblingsinstrument gebracht hat, verdammt nochmal effektiv! New Trolls wurden 1971 zu großen Innovatoren, als sie symphonischen Prog Rock auf barocke Weise entdeckten und begannen, großartige und feierliche Orchesterarrangements zu kreieren, für die sie bis heute am meisten geschätzt werden. Ihr größtes Werk bleibt nach wie vor  »Concerto Grosso N. 1« (1971), das sie an diesem Abend erwartungsgemäß fast vollständig aufführten und uns damit auf die bestmögliche Art erfreuten. Nicht zu kurz kamen auch Stücke aus »Concerto Grosso N. 2« (1976) und »Concerto Grosso: The Seven Seasons« (2007) — beide Alben sind stilistische Fortsetzungen ihres größten Meisterwerks, wenngleich bei Weitem nicht so beliebt und geschätzt. In einem Abend purer Perfektion, der sich nach dem Le-Orme-Auftritt auch durch den gesamten La Storia New Trolls-Auftritt fortsetzte, einzelne Darbietungen besonders hervorzuheben wäre schwer — und doch hallte uns noch lange nach Konzertende die fantastische Version des Evergreens »Shadows (per Jimi Hendrix)«, gewidmet dem legendären Gitarristen, in den Ohren nach.

Di Palo erklärte seinen alten Freund und gelegentlichen Rivalen in einem Moment des Abends halb im Scherz, halb im Ernst kurzerhand zum Giuseppe Garibaldi — was Scalzi als Kompliment nahm, denn es will schon etwas bedeuten, wenn dich jemand zum bis heute größten italienischen Volkshelden erklärt. Gleichzeitig machte er auch Witze auf seine eigenen Kosten und ergänzte schnell, er habe die Militärfahne zu Hause vergessen, und so habe er stattdessen die Flöte mitgebracht. Der abgebrühte, weißbärtige Multiinstrumentalist, der im Aussehen leicht an Professor Aloisius Aloisiis, den Vampirjäger aus Alan Ford, erinnert, spielt Flöte genauso gut wie Keyboards und Rhythmusgitarre — außerdem ist er ein ausgezeichneter Sänger, der im Gegensatz zu den meisten italienischen Prog-Rock-Sängern sehr ordentliches Englisch singt, fast ohne den oft störenden Akzent. New Trolls haben zwar einige Stücke auf Englisch, doch an diesem Abend überwogen knapp die italienischsprachigen.

Nicht vergessen werden darf auch der Konzertbeitrag der übrigen Bandmitglieder, unter denen neben Bassist Francesca Balle und Schlagzeuger Giorgia Balle der außergewöhnliche Gitarrist/Sänger Andrea Maddalone am meisten herausstach. Die magischen Vokalharmonien, die ebenfalls eines der Markenzeichen von New Trolls sind, sangen alle Bandmitglieder. La Storia New Trolls überschatteten mit ihrem Auftritt auf den Schwingen von De Scalzis unbändiger Energie am Ende sogar die hervorragenden Le Orme.

Zum Konzertabschluss fanden sich die Mitglieder beider Bands gemeinsam auf der Bühne und spielten ausgewählte Klassiker aus ihrer gemeinsamen Geschichte, darunter »Adagio«, »Giocco Di Bimba«, »Una Miniera« und Sguardo verso Il Cielo«, sodass es im Saal unter den begeisterten ‚Prog-Liebhabern‘ noch einmal gehörig brodelte. Besonders begeistert hat uns das virtuose Duell zwischen Bon am Gitarrensynthesizer und Maddalone an der E-Gitarre. Es gehört irgendwie schon zur Tradition, dass Gleichaltrige und alte Freunde der italienischen Prog-Rock-Szene, wenn sie gemeinsam bei einem Konzert auftreten, ihre treuen Fans mit einem gemeinsamen Auftritt belohnen. Alle Achtung vor Scalzi und Di Palo, dass sie alte musikalische Bande erneuert und gemeinsam eine quasi ideale Konzertinkarnation von New Trolls geschaffen haben — auch wenn sie nicht unter ihrem richtigen Namen auftreten dürfen. Der gleiche Dank für den wunderbaren Auftritt gilt auch allen Mitgliedern von Le Orme, angeführt vom unverwüstlichen Dei Rossi, einem der verdienstvollsten Musiker dafür, dass die italienische Progressive-Rock-Szene noch immer lebt und sich in immer neuen Formen und Schattierungen weiterentwickelt.

Es ist immer ein echtes Vergnügen und ein Balsam für Körper und Seele, wenn man Legenden des italienischen Progressive Rock live erleben kann, die auch im hohen Alter auf der Bühne noch lebendiger sind als so manche viel jüngere, musikalisch vergleichbare Band. Dazu kommt ihr ganz eigener, mediterraner Ansatz beim Progressive Rock, der stets eine außergewöhnliche atmosphärische Wärme mitbringt, die heutzutage vielen sogenannten ‚musikalischen Nachfolgern‘ aus der angelsächsischen und skandinavischen Welt fehlt — sodass du ihr Konzert fast immer mit einem tiefen Gefühl innerer Erfüllung verlässt.

Setlist

LA STORIA NEW TROLLS:
1. Montecalvo
2. Quelli Come Noi
3. Visioni
4. La Prima Goccia Bagna Il Viso
5. Allegro
6. Barock N‘ Roll
7. Shadows
8. Vivace
9. Le Roi Soleil
10. Il Treno
—Zugabe—
11. Adagio
12. Giocco Di Bimba
13. Una Miniera
14. Sguardo Verso Il Ciello

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