Koromač : Punk Enough?
Eigenverlag
Erscheinungsdatum: 19.09.2015
Produzent: Samo Lasič
Albumlänge: ca. 44 Min.
Genre: Jazz Rock Fusion
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Die Primorska-Region hat im vergangenen Jahr den Großteil der frischen Studioveröffentlichungen geliefert, wenn wir von den musikalischen Sphären des Rocks und Metals sprechen — und auch von Alben, die sich mit dem Erbe des Volksgesangs auseinandersetzen. Koromač kommen aus Vrtojba, einem kleinen Dorf, das einst berüchtigt für die bissigen Ordnungshüter am Grenzübergang war. Koromač haben ihre Karriere ganz anders begonnen, als sie sich uns auf ihrem Studiodebüt »Punk Enough?« präsentieren.
Davon zeugen die Aufnahmen, die auf der veröffentlichten EP „Who Set the Lines?“ (2011) archiviert sind. Aus der Band, die einst einen obskuren Sound entwickelte, der sich auf Hardcore, sogar Crust stützte, fiel zunächst der Gesang heraus. Die Band integrierte ein Saxofon ins Line-up, das die Funktion des Gesangs übernahm, und fügte noch einen weiteren Schlagzeuger hinzu. Auf dem Album »Punk Enough?« agieren sie in der Besetzung mit zwei Gitarren, zwei Schlagzeug-Sets, Bassgitarre und Saxofon. Tauschst du das Saxofon nur gegen einen weiteren Bass (Chapman Stick oder War Guitar) aus, erhältst du die »Triple-Twin«-Formation von King Crimson aus der Mitte der Neunziger. Wie weit Koromač auch von einer Erwähnung im selben Atemzug mit der berühmten und kultigen Progressive-Rock-Band von unbestreitbarer Vorreiterrolle entfernt sein mögen — das Album »Punk Enough?« liefert eine ganze Reihe möglicher evolutionärer Ansätze, in die sich die Band in Zukunft freigeistig hineinwagen kann. Das Element der Eklektizität stellt »Punk Enough?« definitiv in den Vordergrund — es handelt sich um ein Album, das den evolutionären Moment einer Band eingefangen hat, die sich in einer Phase des stilistischen Wandels befand. Es ist fokussiert, daran besteht kein Zweifel, aber gleichzeitig in der musikalischen Ausdruckssubstanz äußerst fragmentiert und oft schlicht »unbestimmt«.
Es handelt sich also um ein vollständig instrumentales Werk. Die Jazzelemente bringt das Saxofon in den Sound der Band ein, das frei agiert und in der Kommunikation mit den Gitarrenphrasen völlig unbeschwert ist — was bedeutet, dass es sich öfter einen Dreck um deren Format schert und sich deshalb auch öfter nicht »unterordnet«. Daher das gelegentliche Gefühl von Chaos und motivischem Zerfall, wenn sich die Band in die Tiefen der freigeistigen Improvisation stürzt. Die Elemente der Unberechenbarkeit und der Spontanität sind auf jeden Fall vorhanden. Die Band hat das Album live aufgenommen. Deshalb muss man sagen: In genau der Art, wie es das Aufnahmeband auf dem Album eingefangen hat, werdet ihr es nie wieder und nirgendwo sonst hören. Es ist nämlich konzertant eingespielt. Die Band hat sich auf Konzerten damit vorab »aufführungstechnisch geschützt« davor, in den obligatorischen »motivischen Rahmen« der Studiooriginale eingepfercht zu werden. Mehr noch: Alle Songs dieses Albums können in Zukunft beliebig künstlerisch wachsen. In den Riffs ist das wiedererwachte metallische Gehacke nicht zu überhören, das sich auf die beißend obskuren Sphären von Crust, Hardcore und Thrash Metal stützt. Der Sound ist »zerschlagen«, garagig lebendig, kratzig brummend. Ohne nachträgliches kosmetisches »Bügeln« und studiomäßiges »Aufhübschen«. Die Songs streben nach motivischer Vielgestaltigkeit. Auch Schlagzeug und Gitarren. Von Anfang an vermittelt die Band das Gefühl, lieber zu üben, zu jammen, zu improvisieren, sich zu »schulen«, sich selbst herauszufordern, als kompakt definierte Arrangements und damit kompakte Songs zu suchen. Koromač erfinden dabei das Rad nicht neu. Es reicht, in diesem Zusammenhang den Namen Miladojka Youneed zu erwähnen.
Die Zukunft bleibt für die Band aber völlig offen. Es ist nämlich unmöglich vorherzusagen, wohin sie sich in ihrer Vision hineinwagen wird. Schon allein wenn man sich den Einsatz der Schlagzeuge anschaut. Es gibt noch enorm viele ungenutzte Optionen — die Frage ist, was die Band mit zwei Schlagzeugern bezweckt. Wenn sie mehr experimentellen Artismus herausholen will, muss sie sich zur Schule begeben und Werke verschiedener Formationen hören — etwa King Crimson —, um den Horizont zu erweitern und ein Gespür dafür zu bekommen, wie man dem Abenteuertum mit zwei Schlagzeugern und auch zwei Gitarristen noch (effektiver) dienen kann. Und dabei gleichzeitig das Gefühl von Bizarrheit und hochintellektuellem Artismus wecken und halten, das die künstlerische »Unfassbarkeit« bewahrt. Wenn sie die Verzweigtheit der Songs einengt, braucht sie keine zwei Schlagzeuger. Das Gleiche gilt für den Einsatz beider Gitarren. Das akustische Feld des Artismus bleibt in dieser Hinsicht zum Beispiel völlig offen. Das »Brechen« von Rhythmen wirkt auf diesem ersten Karrierealbum der jungen, erforschenden und ambitionierten Band noch immer eher als Ausnahme denn als Regel. Sehr erwünscht wäre aber eine Weiterentwicklung dieses Elements in der Zukunft.
»Punk Enough?« trägt einen bedeutsamen Titel, und die Antwort auf diese Frage werdet ihr ganz allein finden. Lassen wir uns also überraschen. Das nächste Album der Band wird definitiv ganz anders sein. Es muss so sein. Das Debüt trägt eine schöne Ernte möglicher evolutionärer Ansätze für die Zukunft in sich, aber die Band darf in Zukunft nicht nur auf dem »Egotrip des selbstgenügsamen« Jammens beharren — sonst wird sie mit dem nächsten Werk lediglich das karge Prädikat »öffentliche Probe« ernten, mit der zusätzlichen undankbaren Feststellung, dass sie sich evolutionär keinen Schritt weiterbewegt hat. Koromač sind definitiv eine interessante Band für alle, die von musikalischer Seltsamkeit angezogen werden — es lohnt sich, ihnen zu folgen.
Autor: Aleš Podbrežnik
Wertung: 8.0 / 10
Trackliste:
1. To Disroot
2. Insane
3. Elephant Stampedo
4. Freedom Manifesto
5. Forest Man
6. Ignoranca
7. Free Anal Talk
8. Ritards Dance
Besetzung:
Aljaž Škrlep – Gitarre
Peter Kastrin – Gitarre
Jure Boršič – Saxofon
Matjaž Bajc – Bassgitarre
Urban Kušar – Schlagzeug
Žiga Ipavec – Schlagzeug