Klubski Maraton 15

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Various Artists
Label: ZARŠ Records
Erscheinungsjahr: 2015
Bewertung: 3.5/5

Wie jedes Jahr der letzten 15 Jahre hat sich auch diesmal der Herzschlag des musikalischen Innovationsexperiments des alternativrockigen Projekts »Klubski Maraton« in die Welt geschleppt – durch das die uns allen ans Herz gewachsene Založba Radia Študent auf ihrer unendlichen Reise fleißig Kilometer sammelt, so dreist und provokant wie stets.

Auch die neue Kompilation steht an Dreistigkeit und Kühnheit den Kompilationen der vergangenen Jahre in nichts nach. Sie liefert Einblick in das visionäre Musikschaffen von sechs ehrgeizig und ambitioniert engagierten Bands, die in ihrer Visionarität genug prickelnde Interessantheit aufbieten, dass ihre Beiträge auf dieser CD weder unbemerkt noch überhört bleiben können – das ist die neue Realität des slowenischen Alternativrockundergrounds.

Genug mit dem einleitenden »Geplapper«, kommen wir direkt zur Substanz. 6 Songs von sechs Bands multipliziert mit der Zahl zwei ergibt insgesamt 12 Eigenkompositionen. Ihr habt bei dieser heftigen Mathematik sicher schon selbst gemerkt, dass jede Band zwei eigene Songs zu dieser CD beisteuert.  Es eröffnet erwartungsgemäß laut, lebendig, garagig – mit dem Song Void von HAY. Der Track basiert tatsächlich auf der trivialen Linie von vier Grundakkorden, im Hintergrund hallt ein »hohler« Vokalchor wider, getränkt in psychotisch-schizophrene Dissonanz der Interpretation selbst, und verkörpert so den echten Moment des Gefühls, wenn du dich in einem bodenlosen Abgrund befindest. Leere. Düster, leicht benebelt. Raw schaufelt noch mehr Schrott obendrauf, dazu einen Hauch halbtöniger Kinetik sowie einen neuen Überfluss an befriedigend-alternativ-prickelnder Stacheligkeit – von einer Band, die noch nach ihrer eigenen musikalischen Handschrift sucht. Das schrottig-quietschende Abfedern des Klangs baut eine lawinenartige Masse auf und füllt so fleißig die räumliche Lücke im Klangbild, die durch einfach angelegte und repetitive Phrasen entstehen könnte.

Haiku Garden sind interessante alternativrockige »Bambis«, vor allem wegen ihrer ungewöhnlichen Verwurzelung in den Ursprüngen des New Wave – konkret dem Sound von Dark Wave beziehungsweise Post-Punk der Achtziger. Ruf dir die stark verzerrten Klänge der altehrwürdigen The Smiths oder The Cure ins Gedächtnis. Das Klangbild wird von einem süßlichen, in den Linien aber dissonanten Gesang sowie einer betonten und melodischen Basslinie gefüllt. Die Gitarren bewegen sich in halb-cleanen bis gelegentlich kratzigen und schlichten Akkordfolgen und biegen sich in einfache einsaitige Linien als Gitarrenornamente, mit gelegentlichem Ziehen an den Saiten und dem daraus resultierenden dankbaren Verzerren des melodischen Ausgangspunkts. Sowohl Until Then als auch Homely zeigen, dass die Band bereits in den Ansätzen das Fundament gefunden hat, auf dem sie ihren musikalischen Ausdruck aufbaut.

MeduzaleM, die karstigen Alternativrock- und Experimental-Tüftler, haben im letzten Jahr ihr eigenständiges Studio-Debüt veröffentlicht und darin ihren musikalischen Charakter höchst wirkungsvoll präsentiert – mit reichlich forschenden Delirien, die auf dem freigeistigen Jam einer authentischen Egotrip-Vibration basieren. MeduzaleM machen auch auf den zwei neuen Songs deutlich, dass ihre Tracks in der Spielzeit lang bleiben. Der Wechsel vom Englischen ins Slowenische ist eine Neuerung. Bei der Band passiert nach wie vor dieses Einwerfen von musikalischen Linien, die die vorhersehbare musikalische Formatierung »schrottreif« auflockern und dadurch gleichzeitig atonal wirken. Diesen folgt dann auch der Gesang auf ahnungsvolle Weise. Der Moment der Spontaneität und Unvorhersehbarkeit ist erhalten, aber nicht optimiert – es fehlt ein größeres Maß an experimentellem Schockieren. Das alternativrockige Blubbern ist geschickt mit mehrschichtiger rhythmischer Kinetik gewürzt. Manchmal nervt das Beharren der Band auf den 4/4-Wiederholungsschubladen etwas, was bedeutet, dass die Songs eine Spur zu lang geraten sind (oder die Motive arrangementmäßig noch zu wenig ausgeschöpft – je nachdem, wie ihr die Sache betrachtet). Aber lasst uns nicht voreilig schlussfolgern. Diese Band wird mit ihrer nächsten Platte definitiv überraschen. Das Wesentliche bei ihr ist, dass MeduzaleM einen eigenwilligen Eklektizismus entwickeln, der sich genremäßig schwer greifen lässt, und mit ihrer gelegentlichen Chaotik  und Entgleisung rufen sie die seligen Corkscrew in Erinnerung.

Muzikačaka ist eine Art Indie-D.I.Y.-Trip, hinter dem ein einziger Name steckt. Das ist der Name der Haložanerin Sara Korošec, die für das gesamte Klangbild der Songs Kužna nespečnost und Konzumirat verantwortlich ist. Das Verzerren der Klanglandschaft mithilfe neuartiger Griffe der alten Synthesizer-Schule entspringt einer schlichten und anspruchslosen Nische der Musikalität. Durch diese Kulisse beißt sich Sara mit ihrem unbearbeiteten Gesang hindurch, der extraterrestrisch wirkt, als käme er aus dem »Jenseits«, und vertieft so das zerebral-tripoide Erlebnis, mit dem man sich auf dem Feld der kybernetischen Repetitivität von Saras musikalischer Vision und ihrer ideellen Wahrnehmung gar nicht so schwer auseinandersetzen kann – die schlicht gesagt eben eigenwillig ist.

Nevemnevem ist eine Band, der du den herausragenden Noise-Schrott auf keinen Fall wegnehmen kannst. Die Band bewegt sich völlig unbeschwert, frei rotierend, ohne zu komplizieren. Beim Erkunden von Klangräumen füllt sie die Landschaft mit schrägen Bläser-Einschüben, die aber der Füllung des Klangbilds dienen und dabei nicht mit Jazz flirten. Die Band ist definitiv ein interessantes musikalisches Derivat des slowenischen Alternativrockundergrounds. Die Poesie steckt in Rezitationen, die roboterhaft in einer unbearbeiteten Atmosphäre nachhallen, als würden sie von programmierten Maschinen an der Schwelle des Selbstbewusstseins künstlicher Intelligenz diktiert. Die Botschaften der Poesie sind satirische Parodie auf die Verirrungen der neoliberalen Ordnung und perfekt stachelnd. Allerdings zieht der ausgedehnte Jam-Schrott innerhalb des 12-minütigen Mehanizem alge zu stark in die Länge und ermüdet den Hörer bestenfalls – die Kernbotschaft des Songs ist nämlich schon viel früher enthüllt. Ich schlage also eine Kürzung der Arrangements vor. Es sei denn, die Band beginnt durch irgendein Wunder eine Entwicklung in Richtung RIO/Avant-Prog-Rock-Spur, was aber einer Nullwahrscheinlichkeit gleichkommt.

Persons From Porlock verbinden mit Coffee Capital und Memories Are Lo-Fi interessante Momente rockiger Psychedelik mit einem Garage-Nachklang – das ganze Ding zieht tatsächlich hin zu einer draufgängerisch-organischen, altschulischen Klangschrulligkeit der frühen Siebziger, trotzdem bleibt die Prämisse des alternativrockigen Gestus unverhüllt. Die Band klingt in den Phrasen sogar stonerartig benebelt. Der Moment des psychedelisch entfremdeten und sogar entrückten Gesangs wirkt ausgesprochen ansprechend und befriedigend. Eine extrem reduzierte Band mit Retroklang-Manieren, gefangen in der Nische zeitgenössischer Musiksphären.  

Auch die 15. Mission des Klubski Maraton ist zur Gänze gelungen. Sie wird euch noch so einiges an Aufheiterung und Unterhaltung bieten. Aber ihr müsst euch ihr mit ernsthaftem Hören nähern, um die Ausgangspunkte der Selbstevolution der Künstler herauszuschälen, die die Kompilation vertreten – sonst ist eure Mühe umsonst.

Trackliste

1.KM15 – Popotnica (01:24)
2.HAY – Void (03:08)
3.Haiku Garden – Until Then (03:42)
4.MeduzaleM – Grmada src (05:46)
5.Muzikačaka – Kužna nespečnost (04:19)
6.nevemnevem – Konvoj ustavljen (02:42)
7.Persons From Porlock – Memories Are Lo-Fi (04:51)
8.MeduzaleM – Inercia Y Gravedad (08:49)
9.HAY – Raw (02:39)
10.Haiku Garden – Homely (04:27)
11.Persons From Porlock – Coffee Capital (05:04)
12.nevemnevem – Mehanizem alge (11:59)
13.Muzikačaka – Konzumirat (06:12)

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