Kimball / Jamison
Interpret: Kimball, Bobby & Jamison, Jimi
Label: Frontiers Records
Erschienen: 2011
Laufzeit: 51:09
Wertung: 3.5/5
Was machen Vögelchen ohne Nest, wenn sie weit weg von zu Hause sind? Die ehemaligen Sänger zweier bedeutender Bands, die große kommerzielle Erfolge einheimsten – Bobby Kimball (Toto) und Jimi Jamison (Survivor) –, tun sich für ein gemeinsames Projekt zusammen. Sänger, die in ihrer vokalen Interpretation auf gegenüberliegenden Ufern stehen. Auf den ersten Höreindruck kaum vereinbar, doch genau diese Verschiedenheit ist oft ein Garant für Abwechslung und interessante Ergebnisse.
Gut 51 Minuten dieses Albums beweisen, dass die Kameradschaft dieser beiden Vokal-Titanen eine Mission mit dem Prädikat „Erfolg“ ist. Hier kann wirklich nichts danebengehen. Jamisons klassischer, AOR-getünchter, melodischer, leicht rauer Gesang und Kimballs soulig-explosiver Stil! Diesem Rezept bleiben beide Sänger auch auf dieser Platte treu. Bewusst und unbewusst. Im ersten Fall ist das ein Garant für die sofortige Zuneigung der Toto- und Survivor-Nostalgiker, im zweiten ist es sogar das Beste, was beide können und vermögen. Den größten Reiz dieses Werks macht aber genau die Harmonie der Duette aus, die durch die zuvor beschriebene und mehr als willkommene Verschiedenheit in den grundlegenden Ansätzen der stimmlichen Interpretation beider Sänger entsteht.
Interessant ist die Erkenntnis, dass sich im riff-orientierten Rockgewand Jamisons Gesang deutlich besser schlägt als Kimballs. Die Riff-Uniform ist schlicht darauf ausgelegt, zusätzliche Melodie zu fordern, die in der Regel vom Gesang geliefert wird. Kimballs Ansatz, der stets Raum für improvisatorische Ausschweifungen sucht, funktioniert hervorragend auch in ruhigeren Chansons mit Blues- und R&B-Anklängen, in die sich auch Jazz-Sophistication einschleicht. Daher bekommt ihm diesmal der Höhepunkt des arrangierten Materials auf diesem Album weniger. Jamison, dem nicht ein solches Vokaltalent in die Wiege gelegt wurde wie Kimball, ist über die Jahre gereift und hat seine volle Größe als Sänger vor allem auf seinem vor zwei Jahren erschienenen Solowerk unter Beweis gestellt.
Die Ausrichtung dieses Albums ist das AOR-West-Coast-Arrangierungsprinzip. Im Grunde also näher an Survivor als an Toto. Entschieden näher. Unter den Musikern, die den Sängern Arrangements beisteuerten, taucht erneut der Name Jim Peterik auf – und damit ist das Rätsel hinter den Kulissen der Album-Entstehung eigentlich gelüftet. Sogar Richard Page von Mr. Mister hat Arrangements für zwei Stücke beigesteuert, und dann ist da noch eine ganze Schar skandinavischer Meister, die sich bereits in ihren Stammgruppen einen Namen gemacht haben – darunter die W.E.T.-Kumpane Erik Martensson und Robert Saal (auch bei Work Of Art), weiterhin Niklas Edbert, Henrik Wickstrom, Mikael Persson sowie Gui Oliver von der brasilianischen AOR-Band Auras. Einer der Songs, Shadows Of Love, von den Brüdern John und Jeff Kent zusammen mit Norman Mershon, hat es auch schon auf die diesjährige Veröffentlichung des Soloalbums von John Waite geschafft. Eine bunte Truppe – und die Folge? Ein buntes Repertoire auf dem Album.
Dennoch erreicht das Album nicht die dynamische Flüssigkeit des zeitgleich erschienenen neuen Soloalbums von Fergie Frederiksen, „Happiness Is The Road“ (2011). Das liegt weniger am Arrangierungsprinzip als an der Art, wie das ausgewählte Instrumentalistenteam und die Produktion das Material umsetzen. Offensichtlich ist die finanzielle Lage beider Sänger nicht gerade rosig, weshalb sie sich an deutsche Musiker wandten. Das „Holzhammer“-Prinzip kennen wir nur zu gut, und die Deutschen produzieren melodischen Hard Rock gerne so, dass sie die Gitarrenriffs fast schon nach Vorschrift voll aufdrehen. Dabei gehen sie sogar so weit, dass sie in den Riffs eine geradezu metallische Rauheit bewahren. Weiterhin: Hinter den Sängern steht die Besatzung von Voodoo Circle, die zum ansonsten hervorragenden, multidimensionalen deutschen Gitarrenhelden mit reichlich „Malmsteen-eskem“ Arsenal gehört – Alex Beyrodt. Und wo Beyrodt ist, ist Mat Sinner immer in der Nähe. Sinner ist diesmal der Produktionsverantwortliche und hat natürlich auch alle Basslinien eingespielt. Sinner hat sich erst vor einigen Jahren mit melodischem Rock befasst. Er kommt aus der alten Schule des Hard Rock und den teutonischen Prinzipien des erstarrten Heavy Metal, der in den frühen Achtzigern auf deutschem Boden entstand. Seine fantastisch produzierten Alben der Bands Sinner (besonders die Trilogie Judgement Day, Nature Of Evil, End Of Sanctuary) und die Primal Fear-Alben vom Debüt bis zu „The Devils‘ Ground“ gelten auch heute noch als Inbegriff der besten Leistungen, die der deutsche Metal (Power Metal) in seiner Geschichte hervorgebracht hat. Und dieses härtere Prinzip erweist sich für das Album des Projekts Kimball Jamison als eine Spur zu grob. Die beiden hätten für Hilfe zumindest an skandinavische Produzenten wenden sollen oder mindestens an den Amerikaner mit europäischem Pass Dennis Ward – wenn ihr amerikanischer Kollege Jim Peterik, der für so etwas die naheliegendste Adresse gewesen wäre, damals schon zu beschäftigt war. Voodoo Circle können schlicht und einfach an manchen Stellen nicht „runterschalten“, und man vermisst zudem mehr akustische Ummantelung der Arrangements – was es unmöglich macht, die Sophistication und Subtilität auszuschöpfen, die diese zwei Stimmen in anderen musikalischen Zusammenhängen durchaus wirkungsvoll entfalten.
Also: Das heißt nicht, dass dir das Album zufällig nicht gefallen könnte. Im Gegenteil. Hier gibt es keine Regel. Jeder hört auf seine eigene Weise. Es gibt allerdings Reserven, was ein stärkeres Kontrastieren der vokalen Expression in der Produktion betrifft. Diese „Kleinigkeit“ hätte man fast übergangen, wenn wir es nicht mit zwei anerkannten und hoch geschätzten Rocksängern zu tun hätten – und niemandem wäre etwas aufgefallen.
Die erste Hälfte des Albums ist kompositorisch stärker. Es eröffnet hymnisch mit zwei AOR-Sturmnummern, Worth Fighting For und Can’t Wait For Love, dann bremsen die beiden ihren anfänglichen Elan in dem west-coast-plätschernden, mittelschnellen Sail Away ab, und das Album entfacht sich danach in strahlendem Survivor-Flair durch den Peterik-Song Chasing Euphoria, der von vorn bis hinten mit Bombast vollgepackt ist. Auch die Ballade Find Another Way hält mit ihrer Vollendung an diesem Punkt die hohe Qualitätsentwicklung aufrecht und das meisterhaft ausgewogene Schwingen der Album-Dynamik sowie das Ineinanderfließen der Stimmungslagen. In der zweiten Hälfte besitzen die Kompositionen nicht mehr diese Ausdruckskraft, und dieses hohe Niveau flacht etwas ab – doch das nimmt dem Album nichts von seiner zufriedenstellenden Geschmeidigkeit und dem echten Sprengstoff hervorragender Rock-Potenz, die von der lebhaften Verschiedenheit dieser beiden markanten Stimmen angeführt wird. Am Ende klingt der Song Kicking And Screaming bereits ganz „deutsch“ im melodischen Rock-Prinzip.
Das Album ist sehr gut, egal wie man es dreht und wendet! Für Fans des Charakters beider Sänger ein absolutes Muss! Und natürlich: Obwohl die Songs potenziell noch mehr sinnlichen Charakter durch die vokale Interpretation beider Stimmansätze ausstrahlen könnten, hätte man eine etwas sophistiziertere Produktion gewählt, wirkt das Album kompakt und erstklassig ausgestattet – der Charakter der typischen Umsetzung mit deutschem Sound muss diesmal als Realität akzeptiert werden, denn so kannst du im Nu zum besten Freund dieses Albums werden! Jene Liebhaber melodischen Rocks aber, die Klangvibrationen feinfühlig aufnehmen, können dieses Werk diesmal auch überspringen.
Besetzung
Bobby Kimball – Gesang, Hintergrundgesang
Jimi Jamison – Gesang, Hintergrundgesang
MITWIRKENDE MUSIKER:
Alex Beyrodt – Gitarre
Mat Sinner – Bass
Jimmy Kresic – Keyboards
Martin Schmidt – Schlagzeug, Perkussion
Produktion
Mat Sinner
Tracklist
1. Worth Fighting For
2. Can’t Wait For Love
3. Sail Away
4. Chasing Euphoria
5. Find Another Way
6. Get Back In The Game
7. I Did Everything Wrong
8. Shadows Of Love
9. Hearts Beat Again
10. We Gotta Believe
11. Kicking And Screaming
12. Your Photograph