Kalejdoskop
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Climax
Label: Eigenveröffentlichung
Erscheinungsjahr: 2013
Laufzeit: 40:50
Bewertung: 3/5
»Kalejdoskop« ist das ambitionierte Debütalbum des Art-Pop-Rock-Quintetts Climax aus Ajdovščina. Die Musiker sind handwerklich hervorragend aufgestellt und instrumentieren ausgezeichnet. Ihr Umgang mit musikalischen Informationen ist vielschichtig, weshalb ihr Debüt eine reizend abwechslungsreiche Sammlung von Songs bietet, durch die die Gruppe geschickt durch verschiedene Genres slalomt.
Das Album trägt eine sehr schöne, dynamische und lebhafte Produktion, mit den Instrumenten in einer angenehm ausgewogenen Balance. Im Sound sticht die Snare-Drum gelegentlich etwas kastig aus dem Klangbild hervor, aber das ist eine Kleinigkeit.
Und da liegt die grundlegende Herausforderung für Climax. Eine Karriere-Herausforderung. Die eigene Spur ziehen, mit der du deine künstlerische Eigenständigkeit pflasterst und den musikalischen Charakter prägst, der dir Wiedererkennbarkeit im Raum verschafft – und der im Normalfall Scharen von Musikliebhabern auf deine Seite bringen sollte. Im Normalfall, sage ich. Nicht unbedingt Scharen. Es reicht auch die »Treue bis zum Grab« einer Handvoll davon.
Climax haben zweifellos Potenzial. Ein Teil der Songs ist in englischen Versen gesungen, ein kleinerer Teil auf Slowenisch. Die englischen Songs betonen den Rocker-Akzent in den Stücken, eigentlich holen sie ihn noch effektiver aus den Arrangements heraus, während die slowenischen Songs beim emotionalen Ausdruck weit überzeugender wirken. Die Band wagt sich sogar in SKA-Gewässer (Sunshine Cocktail), landet dabei leider in der Generik-Falle; deutlich überzeugender ist dagegen der im Hauch einer hawaiianischen Brise gehüllte, leichtfüßige und verträumte Oneway Ticket to the Moon.
Die Arrangements sind kühn gesetzt und die Songs stehen in dieser Hinsicht absolut glaubwürdig da. Instrumental läuft alles sehr schön durch das Album. Das Problem taucht im Umgang mit der englischen Sprache auf. Erstens ist die Betonung ungelenk, zweitens liegen die Wörter in den Versen unbeholfen, was weder einen optimalen melodischen Fluss durch den Gesang erzeugt noch die richtige emotionale Reichweite entfaltet. Gleichzeitig verfängt sich der Gesang in der Falle einer eindimensionalen Interpretation, mit dem Gefühl, dass mehr Aufmerksamkeit auf das korrekte Singen des Englischen verwendet wird als auf den emotionalen Ausdruck. In keiner der beiden Eigenschaften ist er überzeugend. Auf Englisch läuft die Sache also einfach nicht rund. Ein typisches Beispiel für einen Song, den Climax auf Slowenisch hätten ausprobieren müssen, ist das ambitioniert angelegte, inhaltlich tiefgründig bekenntnishafte Smoke And Mirrors. Die Leitmelodien liefern zweifellos einen besonderen Song des Albums, und es ist klar, dass das Stück in einer auf Slowenisch verfassten Lyrik noch besser zünden würde. Warum? Die Antwort liegt im nächsten Absatz.
Das genaue Gegenteil ist der Einsatz der slowenischen Sprache. Hier sollten Climax aufbauen. Erst hier zeigt der Gesang seine wahren Qualitäten. Die Lyrik in den Versen ist viel stärker mit der Greifbarkeit der Geschichte aufgeladen. An diesem Punkt gehört die Musik von Climax direkt in die Rotation slowenischer Radiosender. Der Gesang verhält sich in den Farben der slowenischen Sprache völlig anders. Lebendig, dynamisch, strahlt er eine aufrichtige Palette von Emotionen aus. Und die musikalische Kulisse, die den Gesang umgibt, erstrahlt dann im vollen Licht! Noch mehr: Der Gesang bewegt sich in vielfältigen farblichen Nuancen der Interpretation, wenn er durch den Einsatz der slowenischen Sprache wirkt.
Es ist mir schwer ums Herz, wenn ich einige dieser Anmerkungen aufschreibe, denn man spürt, dass die Gruppe mit viel Liebe zum Detail ans Endprodukt herangegangen ist, mit großer künstlerischer, darstellerischer und kompositorischer Liebe sowie Sorgfalt. Der Dialog zwischen Gitarren und Keyboards ist ausgezeichnet, der Bass liefert eine ordentliche Dosis melodischen Schubs als feste Stütze für das Schlagzeug, könnte im Sound vielleicht noch einen Tick mehr herausgestellt werden. Climax können das. Auch wenn sie naiv und anfängerhaft mit dem Englisch-Einsatz »vorbeigezielt« haben, spürt man, dass großes Talent und großes Potenzial vorhanden sind.
Most v neznano, Kalejdoskop, Senca (Človek in zver) und Nov ep sind die definitiven Höhepunkte des Albums. Unter den Songs mit englischen Versen schlägt sich Oneway Ticket to the Moon am glücklichsten durch, wo ein gastierender weiblicher Gesang die »Identitätskrise« rettet. In Senca (Človek in zver) röhren Climax geradezu dramatisch in einer lärmenden Dosis Rock, gleichzeitig überwältigt die hochverkörperte Kompaktheit, die sie in diesem Song erzeugen. Kompaktheit in dem Sinne, dass alle Bausteine vollständig in Symbiose atmen. Strophe und Refrain wirken in der richtigen Verzahnung gegenseitigen atmosphärischen Anheizens. Der Hammond-Sound der Keyboards fügt dem Song im Ornament sogar eine psychotische Prise hinzu. Senca ist das dunkelste Gebilde des Albums. Aber eines der besten. Auch Nov ep, ans Ende des Albums gesetzt, ist eine Besonderheit. Ruhig, organisch schwebend, nimmt es mit der herausgestellten Leitmelodie ein, die die Gruppe effektiv durch Harmonisierung des Leadgesangs erzeugt – ein weiterer Beweis, dass Climax ein feines Gespür für das kontrastreiche Einfärben musikalischer Ideen besitzen.
Musikalisch sind Climax, wie gesagt, vielschichtig. Auf dem Album halten sie die sanfte Symbolik eines Pop-Sentiments mit radiofreundlicher Zugänglichkeit aufrecht, fügen aber gelegentlich eine größere oder kleinere Gitarrenlautstärke hinzu, die ordentlich rockerisch zugraben kann, während das bloße Hervortreten des Dialogs zwischen Piano und Gitarren gelegentlich darauf hindeutet, dass die Gruppe auch im Verbinden von Blues- und sogar Jazz-Elementen effektiv unterwegs sein kann.
Die Anknüpfungspunkte sind also reichlich vorhanden und die Zukunft ist für die Gruppe heiter. Climax haben mit ihrem Debüt »Kalejdoskop« bewiesen, dass sie eine außergewöhnliche kreative Ambition und großes Talent – sagen wir lieber Potenzial – in sich tragen. Sie müssen nur entscheiden, wohin es als Nächstes geht. Eine feste musikalische Richtung einschlagen und sie in ihre eigene, stimmige Autorensprache schleifen. Ich empfehle ihnen dabei, Musik in slowenischer Sprache zu machen. Hier verbirgt sich nämlich die wahre künstlerisch-bekenntnishafte Kraft, die mit den Jahren und Erfahrungen immer strahlender und packender aufblitzen wird. Viel Glück, Jungs!
Besetzung
Luka Pregelj – Gesang, Gitarre
Aljaž Petrič – Rhythmusgitarre
Tomi Troha – Keyboards, Hintergrundgesang
Bor Kavčič – Bassgitarre
Mitja Sajovic – Schlagzeug, Hintergrundgesang
Produktion
Climax
Trackliste
1. Shopping Doll
2. Runaway
3. Sunshine Cocktail
4. Most v neznano
5. Wishes
6. Oneway Ticket to the Moon
7. Kalejdoskop
8. Senca (Človek in zver)
9. Smoke and Mirrors
10. Nov ep