Kaleidoscope

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Autor: Peter Podbrežnik

Künstler: Transatlantic
Label: Inside Out Records
Erscheinungsjahr: 2014
Laufzeit: 75:43
Bewertung: 5/5

»Kaleidoscope«, das vierte Studioalbum der internationalen Progressive-Rock-Supergroup Transatlantic, ist vielleicht sogar ihr bisher bestes Werk — was nach drei erstklassigen Studiozeugnissen, die zwar keine neue Genre-Renaissance ausgelöst haben, aber dennoch bewiesen haben, dass man auch im 21. Jahrhundert ‚old-school‘ Prog Rock erschaffen und dabei künstlerisch eigenständig bleiben kann, ein ganz besonders großer Erfolg ist. Das Quartett erstklassiger Musiker, das von früh bis spät für seine Musik lebt und atmet, hat erneut die Kräfte gebündelt und ein Album aufgenommen, das alle Liebhaber des Progressive Rock in seiner ehrlichsten und ursprünglichsten Form genießen werden. Seit ihrem letzten Werk, »The Whirlwind« (2009), sind fast fünf Jahre vergangen — was für Musiker, die sich mit einer Fülle verschiedener Projekte beschäftigen, gar nicht so viel ist.

In dieser Zeit hatte Schlagzeug-Großmeister Mike Portnoy seine ‚Heimatband‘ Dream Theater verlassen und widmete sich mit noch größerer Hingabe der Entstehung des neuen Transatlantic-Albums, bei dem ihm erneut alte Weggefährten Gesellschaft leisten — nämlich der amerikanische Sänger/Keyboarder Neal Morse (ex-Spock’s Beard), der schwedische Sänger/Gitarrist Roine Stolt (The Flower Kings) sowie der englische Bassist Pete Trewavas (Marillion). Portnoy und Morse hatten die ersten kompositorischen Ideen für einige der »Kaleidoscope«-Stücke bereits entwickelt, als sie sich mit ihrem neuen, ebenfalls ’star-besetzten‘ Projekt Flying Colors beschäftigten, sodass ihre europäischen Mitstreiter anschließend mit ihren Arrangements einige der ursprünglichen Ideen weiterentwickeln konnten.

Diesmal haben Transatlantic ‚lediglich‘ fünf Kompositionen geschaffen — doch zur Freude aller Liebhaber langer Progressive-Rock-Epen nehmen zwei davon mehr als 25 Minuten in Anspruch. Eine der wunderbaren Eigenschaften aller vier Musikgrößen ist, dass die einzelnen Arrangements häufig an die Werke ihrer ‚Heimatbands‘ oder an Morses Solokarriere erinnern, sodass der Hörer und Fan der oben genannten Bands nie weiß, was Transatlantic hinter der ’nächsten‘ Ecke für ihn bereithält.

Die eröffnende 25-minütige Suite »Into the Blue« ist in fünf Abschnitte unterteilt, wobei das einleitende »Overture« vollständig instrumental ist. Neals charakteristischer Gesang setzt erst in der sechsten Minute ein, nachdem das gesamte Quartett bereits seine beneidenswerten virtuosen Fähigkeiten demonstriert hat und dabei die melodische Natur der einzelnen Arrangements sowie eine durchweg positive Atmosphäre bewahrt, die leicht an die üblichen Ambient-Verfahren von Roines The Flower Kings erinnert.

Im epischen Abschnitt »The Dreamer and the Healer« begeistert vor allem Neals emotional ungemein reiches Singen, während die mehrstimmigen Harmonien zwischen Gitarre und Keyboards ebenfalls eine wahre Ohrenweide sind. »A New Beginning« ist der etwas jazziger gefärbte Moment der Suite, in dem sich das Quartett viele unterschiedliche improvisatorische Ausflüge gönnt. Das bedeutet, dass Trewavas einige komplexe, beeindruckende Basslinien legt, während Portnoy ständig zwischen verschiedenen schlagzeugerischen Stilansätzen wechselt. Den Hauptgesang übernimmt diesmal Roine, der unter anderem mit druckvollen, würzigen Gitarrenpassagen aufwartet, die Neals geistreichen Eskapaden auf der Hammond-Orgel bestens Gesellschaft leisten.

Die Begleit-Vokalharmonien sind, wie immer wenn es um Transatlantic geht, ausgezeichnet — denn auch Portnoy und Trewavas sind in den richtigen Momenten durchaus respektable Sänger, auch wenn so mancher Dream-Theater-Fan bis heute Zweifel an Mikes Gesangstalent hegt. Der Abschnitt »Written in Your Heart«, in dem Sondergast Daniel Gildenlöw (Pain Of Salvation) bei den Begleitvokalen mitwirkt, glänzt mit einem ausgeprägt melodramatischen Charakter und enthält mächtige sinfonische Klangflächen, verzweigte Gitarrenharmonien sowie einige pastorale Elemente. Am Ende wiederholt sich der Abschnitt »The Dreamer and the Healer« erneut, sodass dieser epische Leckerbissen — vielleicht sogar die beste Schöpfung auf »Kaleidoscope« — letztlich einen melodischen und harmonischen Epilog bekommt.

Das pastoral und leicht psychedelisch gefärbte »Shine«, in dem Stolt mit äußerst subtilem Akustikgitarrenspiel glänzt, ist ein mitreißendes Werk, das geradezu für Live-Auftritte geschaffen wurde. Das gilt besonders für den ausgesprochen positiv gestimmten Refrain unter der Regie des ewigen Predigers Morse, während die Begleitvokalharmonien erneut auf einem beneidenswert hohen Niveau sind — was auch für Portnoys kurzen psychedelischen Einschub als Hauptsänger gilt. Alle Liebhaber großer Gitarren-Helden können sich hier auch an Roines einfallsreicher Gitarrenimprovisation erfreuen.

»Black as the Sky« wird sicher alle Fans der Neo-Prog-Bewegung der Achtziger ansprechen, da es im Vordergrund eine starke Schicht hochklingender Synthesizer-Texturen enthält, während die Gesangskünste des gesamten Quartetts in den einzelnen Übergängen äußerst geschmackvolle, melodische Harmonien erzeugen. Auch hier mangelt es nicht an großzügigen und geistreichen Improvisationen, wie sie nur die Besten ihres Fachs hinbekommen. »Beyond the Sun« ist eine melancholische Klavierballade mit Neal in der Hauptrolle. Sein Gesang verleiht den einzelnen Klavier- und Streicherarrangements einen fast religiösen Stempel und wird mit großer Wahrscheinlichkeit allen Fans seiner Solokarriere gefallen.

Für das große Finale haben Transatlantic ein fast 32-minütiges Magnum Opus mit dem Titel »Kaleidoscope« vorbereitet — nämlich das Titelstück, das sage und schreibe sieben Abschnitte umfasst. Der einleitende instrumentale Abschnitt, »Overture«, enthält einige kraftvolle Aufeinandertreffen zwischen Gitarre und Keyboards, während Portnoy diesmal auch einen Metal-Ansatz beim Schlagzeug demonstriert — was alle Fans des Progressive Metal erfreuen wird. Trotz der beträchtlichen Komplexität der einzelnen Abschnitte behalten Transatlantic stets eine ausgeprägt melodische Komponente. Das ist besonders deutlich auf dem ausgelassenen Neo-Prog-Karussell »Ride the Lightning« zu hören, das aufgrund seiner Synthesizer-Texturen auch einige Fans der Fish-Ära von Marillion ansprechen wird. Morse spielt mit seinem charismatischen Gesangsbeitrag erneut eine Schlüsselrolle bei der Erschaffung der magischen Atmosphäre, durch die sich die musikalische Philosophie aller vier Transatlantic-Mitglieder spiegelt.

Der Abschnitt »Black Gold« glänzt mit einer geheimnisvollen und etwas düsteren Atmosphäre, die leicht an die »A Trick of the Tail«-Ära von Genesis erinnert — doch schon im nächsten Moment beginnt er, dank Roines Gesang, an irgendeinen The-Flower-Kings-Standard zu erinnern. Das gilt besonders für den ‚regenbogenartigen‘ Refrain, der ganz im Stil von The Flower Kings ist, während das Mellotron-Motiv so manchen auch an den frühen King Crimson erinnern wird. Im weiteren Verlauf glänzt Morse mit geistreichen Synthesizer-Improvisationen, woraufhin sich ihm noch Stolts clevere Gitarrensoloarbeit anschließt — sodass es sich um eine Komposition mit einem durch und durch ‚retro-siebziger‘ Stilansatz und entsprechender Atmosphäre handelt.

»Walking the Road« erinnert aufgrund des zentralen sinfonischen Motivs ein wenig an den Genesis-Klassiker »Afterglow«, während Pete Trewavas diesmal als Hauptsänger positiv überrascht — seine melancholische und leicht rauhe Stimme fügt sich hervorragend in die subtilen Keyboard-Klangflächen. Ein orchestral ausgerichteter Teil mit mächtigen sinfonischen Keyboard-Arrangements und faszinierenden Gitarrenpassagen kündigt den nächsten Abschnitt, »Desolation Days«, an. In letzterem glänzt Neal erneut als Hauptsänger, der diesmal ein ausgezeichnetes Fundament in akustischen Arrangements, Mellotron und brillanter Vokalbegleitung hat.

Darauf folgt der komplexe instrumentale Abschnitt mit dem Titel »Lemon Looking Glass«, in den die vier Musikkoryphäen all ihre virtuosen Fähigkeiten einbringen und für eine waschechte Progressive-Rock-Orgie vollständiger Spontaneität und Unvorhersehbarkeit sorgen. Natürlich lassen sich auch hier gewisse Vergleiche mit dem Erbe der Prog-Klassiker ziehen. In diesem Fall wird Stolts improvisatorischer Gitarrenansatz so manchen sicher an die »Red«-Ära von King Crimson erinnern. Dieses epische Meisterwerk von beneidenswerter technischer und atmosphärischer Dimension bekommt dennoch seinen Abschluss, nachdem für das Finale das melodisch würzige »Ride the Lightning«-Motiv wiederholt wird, das »Kaleidoscope« — das Stück wie auch das Album — auf fast ideale Weise beschließt.

Die Sonderausgabe von »Kaleidoscope« enthält eine zusätzliche Disc, auf der Transatlantic einige Coverversionen ihrer Lieblingsmusiker untergebracht haben. Da alle Versionen der bekannten Stücke mindestens interessant, wenn nicht sogar ausgezeichnet sind, ist der Kauf dieser Albumversion für alle treuen Fans durchaus empfehlenswert. Das instrumental recht werkgetreue Cover des Yes-Klassikers »And You And I« stellt sicher die bei weitem vorhersehbarste Wahl dar — doch haben Morse und Stolt die einzelnen Gesangsaufgaben untereinander hervorragend aufgeteilt und so in diesen »Close to the Edge«-Evergreen eine ganz eigentümliche Magie eingebracht. Deutlich größere Überraschungen sind das ausgezeichnete Cover des Electric-Light-Orchestra-Standards, des Artrockmeisterwerks »Can’t Get it Out of My Head«, sowie die nicht weniger interessante, fast prog-metalische Version des Procol-Harum-Evergreens »Conquistador«.

Wie eklektisch der musikalische Geschmack der einzelnen Transatlantic-Mitglieder ist, zeigen am besten das Cover von Elton Johns Hit »Goodbye Yellow Brick Road« und der neue Umgang mit dem Small-Faces-Standard »Tin Soldier«, den Anfang der Achtziger auch Uriah Heep gecovert hatten. So vielseitige Musiker stürzen sich mit Begeisterung und auf überzeugende Weise auch in die Welt des Glam Rock und des Rhythm and Blues. Mit dem Cover des Focus-Meisterwerks »Sylvia« kehren Transatlantic in die Welt des Progressive Rock zurück, während eines der interessanteren Stücke das Cover des chaotischen King-Crimson-Leckerbissens »Indiscipline« darstellt. Der The-Moody-Blues-Evergreen »Nights In White Satin« ist — neben »And You And I« — die vorhersehbarste Wahl, zumal alle Transatlantic-Mitglieder große Fans von Mellotron und Orchesterarrangements sind.

Es wäre eine ziemliche Überraschung, wenn »Kaleidoscope« nicht der erste ernsthafte Kandidat für das beste Progressive-Rock-Album des Jahres 2014 wäre — zumal alle vier Mitglieder dieser Superstar-Besetzung beharrlich eine qualitative Konsistenz aufrechterhalten, um die ihnen zahlreiche jüngere Musikerkollegen schlicht nur beneiden können. Ähnliche Progressive-Rock-Formationen gibt es heute nicht viele — es sind ehrlich gesagt lächerlich wenige —, und bei den meisten von ihnen ist in der Regel mindestens ein ehemaliges oder aktuelles Dream-Theater-Mitglied dabei (das muss nicht unbedingt Portnoy sein), sodass jeder neue Transatlantic-Erfolg eine gehörige Portion Freude bedeutet, besonders für all jene Musikliebhaber, die die Hoffnung nicht aufgegeben haben, dass Progressive Rock die kommerzielle Musikszene noch einmal kräftig aufmischen könnte — hat sich »Kaleidoscope« doch in den deutschen und niederländischen Musikverkaufscharts bis auf den sechsten Platz vorgearbeitet.

Besetzung

Neal Morse – Gesang, Keyboards, Akustikgitarre
Roine Stolt – Gesang, E-Gitarre, Perkussion, zusätzliche Keyboards
Pete Trewavas – Bassgitarre, Begleitgesang
Mike Portnoy . Schlagzeug, Begleitgesang

GASTMUSIKER:
Chris Carmichael – Cello
Rich Mouser – Pedal-Steel-Gitarre auf „Beyond the Sun“
Daniel Gildenlöw – besonderer Gesangsgast auf „Written in Your Heart“

Produktion

Transatlantic

Trackliste

1. Into The Blue (25:13)
2. Shine (7:28)
3. Black As the Sky (6:45)
4. Beyond The Sun (4:31)
5. Kaleidoscope (31:53)

CD2 (Bonus-CD der Sonderausgabe):
1. And You And I (Yes cover) (10:45)
2. Can’t Get It Out Of My Head (ELO cover) (4:46)
3. Conquistador (Procol Harum cover) (4:13)
4. Goodbye Yellow Brick Road (Elton John) (3:20)
5. Tin Soldier (Small Faces cover) (3:22)
6. Sylvia (Focus cover) (3:49)
7. Indiscipline (King Crimson cover) (4:45)
8. Nights In White Satin (The Moody Blues cover) (6:13)

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