John Mayall über das neue Album, den Blues und die Beatles (2014)
Autor: Urban Bolta
Ort: Orpheum / Graz / Österreich
Datum des Interviews: 20.02.2014
John Mayall ist eine Musiklegende, die auch mit vollen achtzig Jahren noch unermüdlich auf der ganzen Welt tourt. Es handelt sich um einen Mann, dem der Spitzname »Pate des britischen Blues« nicht zu Unrecht anhaftet! Mayalls Alben aus der Mitte der Sechziger haben beim Übergang in die Siebziger dem britischen Blues-Rock-Boom den Weg geebnet, und in seiner Band haben sich unter anderem so eminente Namen wie Eric Clapton, Peter Green, Mick Fleetwood (Fleetwood Mac), Andy Fraser (Free), Mick Taylor (The Rolling Stones)… das Handwerk gelernt. Einer der einflussreichsten weißen Blues-Gitarristen seiner Zeit hat es auch in den folgenden Jahrzehnten im neuen Umfeld auf der anderen Seite des Atlantiks mit einer konstanten Flut neuer Veröffentlichungen verstanden, seine Seele zu pflegen – bis in die heutigen Tage, wo der grauhaarige Alte zu einem der authentischsten Denkmäler der musikalischen Aufrichtigkeit der Sechziger des letzten Jahrhunderts geworden ist.
Am späten Nachmittag, nach dem abgeschlossenen Soundcheck, nahm sich der nach wie vor vitale John Mayall ein paar Minuten für ein kurzes Gespräch für Rockline. Obwohl in seinen Antworten etwas zurückhaltend und diplomatisch, hat Mayall im entspannten Backstage-Bereich des Grazer Orpheum einige interessante Gedanken gesponnen und bewiesen, dass Geist (und Körper) trotz des Alters noch immer in respektabler Verfassung sind.
Hallo, Herr Mayall! Sie befinden sich mitten auf einer Tournee durch Kontinentaleuropa – sind Sie mit dem bisherigen Verlauf zufrieden?
John: Von der Tourneemitte sind wir noch weit entfernt (lacht). Aber ansonsten läuft alles nach Plan, also bin ich zufrieden.
Ich habe auf Ihrer Website gestöbert. Mir ist aufgefallen, dass Sie buchstäblich jeden Tag spielen – auf Tournee gönnen Sie sich selten einen freien Tag. Kommt es nie vor, dass Sie morgens aufstehen, sich im Spiegel anschauen und sich fragen: »Muss ich wirklich jeden einzelnen Tag spielen?«
John: Das Auftreten ist meine Leidenschaft, über die Musik drücke ich mich aus. Jeder Musiker wird bestätigen können, dass Live-Musik-Spielen eine wundervolle Erfahrung ist, außerdem bringt mir das Spielen auch das tägliche Brot. Das ist mein Job – aber nicht nur das, es ist mehr als das. Musik ist der Weg meines Lebens, aus ihr schöpfe ich auch all die Energie, die ich noch immer aufbringe, deshalb macht mir auch in diesem Alter das tägliche Spielen keine Probleme.
Als Sie die Bluesbreakers aufgelöst haben, haben Sie eine neue Begleitband um sich versammelt, mit der Sie schon seit fünf Jahren spielen. Es scheint, dass ihr euch gut versteht und gut zusammen funktioniert?
John: Ja, stimmt. Es sind außergewöhnliche Musiker, mit denen ich auf Tourneen wirklich Spaß habe. Die gute Chemie und das gegenseitige Verständnis haben wir mit einem brandneuen Album bereichert, das im März erscheinen wird. Es wird »A Special Life« heißen – heute kann man es schon kaufen, so können auch die Konzertbesucher hören, was wir in der letzten Zeit geschaffen haben. Also: Obwohl das Album offiziell erst im März erscheint, können es die Besucher der aktuellen Tournee schon früher kaufen.
Im Laufe der Jahre haben Sie mit zahlreichen außergewöhnlichen Musikern gespielt. Stehen Sie heute noch mit all diesen Größen in Kontakt, oder hat man sich im Laufe der Zeit voneinander entfernt?
John: Wenn du damit die Musiker meinst, die bekannter sind als ich – die Antwort lautet: meistens nein. Ich respektiere ihre Privatsphäre und es käme mir nicht mal in den Sinn, nach ihren Telefonnummern oder Ähnlichem zu fragen. Gelegentlich passiert es, dass ich zufällig auf einen alten Freund treffe, aber regelmäßige Kontakte halten wir untereinander nicht aufrecht.
Ich habe gelesen, dass Sie früher Design studiert haben.
John: Ja, das ist wirklich schon lange her – damit habe ich mich beschäftigt, bevor ich mich intensiver der Musik gewidmet habe.
Im Laufe Ihrer Karriere haben Sie einige Cover Ihrer eigenen Alben gestaltet. Was ist heute damit – lebt diese Art der Kunst noch in Ihnen?
John: Du wirst es nicht glauben – immer noch. Ich habe nämlich auch das Cover des aktuellen Albums »A Special Life« gestaltet.
Haben Musik und Design Ihrer Meinung nach viel gemeinsam?
John: Sowohl Musik als auch Design sind eigenständige Kunstformen, über die der Künstler sich selbst und seine Gedanken ausdrückt. Es spielt keine Rolle, ob wir über Musik, Film oder eine andere Kunstform sprechen – auf jedem dieser Gebiete braucht der Künstler Talent, Gespür und das richtige Händchen. Vielleicht ist genau das der verbindende Punkt zwischen den tausend verschiedenen Gesichtern der Kunst. Am Ende erkennst du, dass alle Sphären der Kunst miteinander auf die eine oder andere Weise verbunden sind.
Sie sind ein außergewöhnlich erfahrener Musiker und haben mit Ihren Konzerten die Welt bereist. Hat sich im Laufe der Jahre irgendetwas bei Ihrem Publikum verändert, oder nehmen die Menschen Ihre Musik noch genauso an wie früher?
John: Nein, überhaupt nicht – ich bemerke keinen wesentlichen Unterschied zwischen früher und heute. Wir sprechen vom Blues, die Menschen auf der ganzen Welt lieben den Blues, und auch im Laufe der Zeit hat sich daran nicht viel geändert.
Glauben Sie, dass der Blues eine Zukunft hat? Denn Hand aufs Herz – meiner Generation ist diese Art des musikalischen Ausdrucks heute schon völlig fremd.
John: Ich weiß es nicht so genau. Wo auch immer wir spielen – und wir spielen auf der ganzen Welt –, werden wir vom Publikum gut aufgenommen, und das Publikum besteht meistens aus allen Generationen, auch jüngere Blues-Liebhaber sind dabei. Offensichtlich machen wir etwas richtig. (lacht)
Ihre Worte klingen sehr optimistisch, aber wie gesagt: In meinem Freundeskreis sind es bestenfalls eine Handvoll Menschen, die sich mit dem Blues identifizieren können.
John: Dann kann ich nur sagen, dass sie nicht wissen, was sie verpassen.
Das weiß ich! (lacht) Was meine nächste Frage betrifft, bin ich überzeugt, dass ich Ihre Antwort schon im Voraus kenne – aber trotzdem: Beatles oder Rolling Stones?
John: Auf diese Frage gibt es keine Antwort. Es ist nämlich unmöglich, so herausragende Bands miteinander zu vergleichen. Beide kommen zwar aus derselben Zeit, aber es sind völlig verschiedene Gruppen, jede mit ihrer eigenen Geschichte, ihrem einzigartigen Sound und ihrer Entwicklung. Alle Musiker ihres Kalibers pflegen, egal wie erfolgreich sie in einem bestimmten Abschnitt ihrer Karriere sind, einen unverwechselbaren, unersetzlichen Stil – und verschiedene musikalische Ausdrucksformen lassen sich nicht miteinander vergleichen.
In den Sechzigern waren Sie recht eng mit den Rolling Stones verbunden. Sie haben sich mit dem verstorbenen Brian Jones getroffen, Sie kannten Mick Jagger, und schließlich hat Mick Taylor in Ihrer Band gespielt. Waren Sie vielleicht auf irgendeine Weise auch mit den Beatles verbunden – haben Sie in Verbindung mit ihnen eine interessante Anekdote?
John: Der Einzige, den ich besser kannte, war Paul McCartney; flüchtig kannte ich auch Ringo Starr, mit dem ich einmal auf einer Party gesprochen habe. Aber alles in allem war Paul der Einzige, mit dem ich wirklich befreundet war.
Noch eine letzte Frage. Was können wir von dem heutigen Konzert erwarten – werden Sie auch frisches Material vorstellen?
John: Euch erwartet ein angenehmer Abend (Herr Mayall steht daraufhin auf, bückt sich auf geradezu jugendliche Weise zum nächsten Reisekoffer hinunter, zieht ein Exemplar des neuen Albums heraus und reicht es mir). Damit du meine neuesten Songs auch zu Hause hören kannst. Genieß heute Abend und verbreite die Botschaft über unser neues Album – genieß all die gute Musik dieser Welt.
Herzlichen Dank für Ihre Zeit, Herr Mayall!
Interview geführt von: Urban Bolta
Fotos: Mitja Groznik
Den Konzertbericht kannst du hier lesen.
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