Joe Satriani: Unstoppable Momentum

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Label: Epic Records
Erscheinungsdatum: 07.05.2013
Produktion: Mike Fraser & Joe Satriani
Albumlänge: 45.03 min
Genre: Instrumental Rock / Art Rock
Wertung: 9.0 / 10

Joe Satriani hat im neuen Jahrtausend eine bemerkenswerte Konsistenz in seinen Studioveröffentlichungen gefunden. Vor allem, nachdem er endlich kapiert hatte, dass er eben ein schlechter Sänger ist. Satriani hat schon immer den Löwenanteil seiner Aufmerksamkeit auf die Definition einer packenden Leadmelodie gelegt. Ohne „wundersame“ Abenteuer musikalischer Experimente in solistischen Akrobatiken, die zum Auseinanderfallen kompakter Arrangementfiguren führen würden. Ein solcher Schritt wäre von Satch eigentlich unerhört und beinahe gotteslästerlich.

Auch das neue Album ist so. Satriani aber wächst und reift als Künstler, Arrangeur und Ko-Produzent kontinuierlich. Von Album zu Album. Er hat noch nicht alles gesagt, falls ihr das glaubt. Sein Spiel ist jedenfalls definiert geworden – man könnte sagen vorhersehbar. Aber das ist eben das Markenzeichen dieses hochgeschätzten Künstlers. War es immer und wird es immer sein. Dennoch bewahrt der Mann durchweg eine ausgeprägte Neugier, die ihm keine Ruhe lässt. Gepaart mit einer Inspiration, die bei einem 56-Jährigen noch lange nicht versiegt, ist das sicher der Motor, der Satch weiter durch das musikalische Universum treibt.

Auf das neue Album hat Satriani das Beste übertragen, was das Album »Black Swans and Wormhole Wizards« (2010) zu bieten hatte. Die Chemie mit Mike Keneally ist auf der letzten Tour offensichtlich noch weiter gewachsen, und Satriani entschied sich, diesen genialen Multi-Instrumentalisten auch für das neue Album an seiner Seite zu behalten. In die Reihen, die den Sound des neuen Studiowerks formen sollten, holte er auch Chris Chaney, einen Typen, der als Rock-Bassist gilt. Er spielte bei Jane’s Addiction, mit Slash, für Alanis Morissette, aber auch für den Motley Crüe-Mann Tommy Lee und seine Methods Of Mayhem. Als viertes Mitglied der Crew sprang dann etwas überraschend anstelle von Jeff Campitelli der stets überbeschäftigte Vinnie Colaiuta ein, dem Sting offensichtlich ein paar Minuten gönnte, um „frische Luft zu schnappen“ und seine rhythmische Vielseitigkeit auch auf das neue Satriani-Album zu gießen. Kurzum! Die Band auf diesem Album ist einmalig. Die Rhythmussektion gräbt sich mit voller klanglicher Dichte eines außergewöhnlichen organischen Reizes durch das gesamte Album.

Satriani hat auf »Unstoppable Momentum« genau das erreicht, was er wollte. Er liefert ein weiteres Album, das so funktioniert, dass sein Spiel und die Produktion das Gefühl hinterlassen, als würde eine ganze Band spielen. Da Satch die Qualität des Vorgängeralbums kannte, behielt er Mike Fraser am Produzentenpult. Damit goss er die organische Natur und die symbiotische Beziehung der elementaren Klangbausteine vom letzten auf die neue Scheibe. Was einem auf dem neuen Album zuerst ins Ohr sticht, ist die vertiefte Chemie zwischen Keneally und Satriani. Wenn nicht früher, wirst du das beim übermütig verspielten Three Sheets To The Wind spüren, während der Höhepunkt des Ausdrucksdialogs beider Musiker auf dem neuen Album in der Abfolge Jumpin‘ In und Jumpin‘ Out erreicht wird.  Schon auf dem Vorgängeralbum ist Keneally ein wichtiges Element, das dem Werk die zusätzliche Würze eines „progressiven Auflockerens“ der Arrangements verleiht – auf dem neuen Album hat Satriani Keneally aber noch mehr Ausdrucksraum geboten. Das bedeutet nicht, dass Keneally jetzt solistisch auf den Tasten „tobt“, wie es ein Derek Sherinian tun würde. Nein. Der Mann liefert seine Überlegenheit in außerordentlicher Feinsinnigkeit und der Güte der Züge, die er beim Kreieren passender Figuren wählt, sodass sich alles der Reihe nach äußerst wirkungsvoll mit dem unverwechselbaren Ibanez-Sound von Satrianiis Gitarrenschule verbindet. Auch wenn Keneally nur auf die einfache Kulisse des Hintergrunds beschränkt ist, in die sich Satchs Gitarrensprache eingräbt – meist dann, wenn er am Synthesizer Klangcollagen zur Atmosphärenpflege generiert –, erkämpft Meister Keneally in diesen Figuren genug Raum für saftige Ornamente. In der Regel in den Übergangsteilen (z.B. im Ausgangspart von Can’t Go Back). Mit außergewöhnlichem Gespür baut er die Form von Satrianiis Grundideen aus. Die Stellen, an denen dieser Dialog zwischen Keneally und Satch besonders packend in der Suche nach den richtigen Gleichgewichten gepflegt wird, sind das eröffnende Titelstück – das wegen der besonderen produktionsästhetischen Prägnanz dieses Dialogs bewusst an diese Stelle gesetzt wurde – sowie The Weight Of The World, platziert in der zweiten Hälfte des Albums.

Satch hat für das neue Album wieder zehn haarklein definierte Stücke (sowie ein Präludium) von außerordentlicher Zugänglichkeit für jedermanns Ohr vorbereitet! Und dabei ausdrucksstark klar voneinander unterschieden. Deshalb ist das Album atmosphärisch abwechslungsreich und entwickelt sich mit hoher Dynamik. Can’t Go Back nähert sich rhythmisch dem Standard von Flying In A Blue Dream an, und das entspannt dahingleitende Grundgitarrenmotiv darin weckt sogar sinnvolle atmosphärische Parallelen zu dieser Satch-Klassik. In A Door Into Summer tritt der Mann entschlossener auf das Distortion-Pedal, und das Stück liegt auf dem Federbett echten Metal-Riffings – behält dabei aber in einem äußerst kompakten Ertrag einer greifbaren Melodie die bekannte Frisur des Optimismus und lebhaften Gitarrenspiels bei.

Lies And Truths gilt als der dunkelste Moment des Albums, wirkt aber gleichzeitig am abwechslungsreichsten. Am meisten „aufgelockert“ und mit der stärksten Dosis Jazz-Rock-Fusion. Doch auch in dieses Stück hat Satch „klugerweise“ eine außerordentlich melodische Passage eingebaut, die die improvisatorische Dichte des restlichen Stücks entlastet.

Das erste (Titel-)Stück und das letzte A Celebration, das in rhythmischer Straffheit auf beschleunigtem, aber leichtem Trab dahinfließt,  funktionieren wie Yin und Yang. Sie schließen den Kreis der charakterlichen Vielschichtigkeit des Albums. Seiner Botschaft. Das erste bietet Satrianiis ewige Tendenz zur Suche nach dem perfekten Gleichgewicht zwischen melodischer Vollendung und einer progressiv-abenteuerlichen Haltung des musikalischen Forschens, während die schlichte, unprätentiöse Haltung des abschließenden A Celebration den anhaltend positiv gestimmten Charakter dieses Künstlers ankündigt.

»Unstoppable Momentum« ist ein neues, außerordentliches Manifest der Symbiose aus Instinkt und Satrianiis musikalischem Lehrbuch! Das neue Album vertieft die Organik, nach der Satriani im Sound der letzten Alben strebt, noch spürbarer als je zuvor. Es liefert einmal mehr die große Manier dieses Meisters. Ein ansteckend melodisches Prinzip, das im Zusammenklang mit einer schelmischen Dosis brillanter Punkte des Improvisationsprinzips die wirkungsvolle Mittellage einer attraktiven Gangart der Gitarrensprache auf der kaum wahrnehmbaren Grenzlinie beider beschriebener Prinzipien aufrecht erhält.

Autor: Aleš Podbrežnik


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