Jazz Cerkno 2018 – erster Tag!
Ort: Cerkno / Star plac / Slowenien
Datum: 17.05.2018
Das Jahr hat sich gedreht, und schon steht eine neue Ausgabe des legendären Jazz Cerkno Festivals vor der Tür. Wohlgemerkt: die 23. Ausgabe in Folge! Wie immer ist der Besuch dieses Events weit mehr als nur Zuhören und Genießen guter Musik. Es geht in erster Linie ums Wiedersehen mit alten Bekannten, Freunden, Kameraden. So viel gute Laune auf einem Haufen, jedes Jahr zur selben Zeit – die findest du kaum woanders als in Cerkno während des Jazz Cerkno Festivals.
Schon der erste Tag brachte drei musikalische Hochgenüsse, und nach dem gewohnten Programmablauf betraten kurz vor halb acht Uhr abends die österreichischen Jazz-Kosmonauten die Bühne, vereint im Orchester namens Orchester 33 1/3. Das zwölfköpfige Ensemble, bestehend aus Christof Kurzmann (Saxophone, Elektronik, Gesang), Thomas Berghammer (Trompete), Günther Castanetti (Perkussion, Schlagzeug), Viola Falb (Saxophone), Klaus Filip (Elektronik), Katrin Hauk (Gitarre), Susanna Gartmayer (Bassklarinette), Petr Vrba (Trompete), Michael Krupica (Akustikbass), Maria Petrova (Schlagzeug), Michael Moser (E-Bass), Michael Danner (Tontechniker) – ergänzt durch zwei besondere Gäste, die slowenischen Musikerinnen Irena Z. Tomažin (Gesang) und Ana Kravanjo (Violine).
Bandkopf Christof Kurzmann, ganz rechts außen positioniert und überwiegend ins Saxofon blasend, kommandierte still den Lauf der Dinge. Das Kollektiv ist dem absoluten Experimentieren verschrieben, wobei sich zeigte, dass Jazz nur der Oberbegriff für alles ist, was bei ihren Konzerten passiert. Schon der Auftakt, der Schlagzeugerin Maria Petrova einen scheinbar trivialen Rockerrhythmus abverlangte, der eher in eine Punk-Rock-Band gepasst hätte, deutete an, dass wir es hier mit echten Eigenbrötlern zu tun haben. Das koordinierte Einsetzen an den richtigen Stellen, die hereinbrechenden Soli der Saxofonistin Falb oder der Trompeter Berghammer und Vrba, der Geigenbogen, mit dem Moser gelegentlich über den Bass strich, die bizarren Klänge elektronischer Soundmanipulationen aus Filips Apple-Gerät, zusätzliche Perkussion, das Ineinandergreifen mit dem Akustikbass, … Zeitweise ein vollständiger »Zerfall« in kakophone Wendungen, dann wieder eine Rückbewegung in strukturiertes Miteinander mit Formen, aus denen sich leichter eine Phrase herausschälen lässt – aber durchgehend stachelig und unberechenbar. Angesichts der Tatsache, dass das Ensemble als Orchester agiert, braucht es ein erhebliches Maß an Präzision und Durchdachtheit, um eine solche Besatzung zu einem Körper zusammenzufügen, der einheitlich mit der Magie des jeweiligen Jazz-Experiments atmet und kommuniziert. Das Ganze steckte durchgehend mit einem Bein im absoluten Avantgarde-Abenteuer. Das große Finale spielte die Gruppe so, dass Kurzmann beide slowenischen Musikerinnen auf die Bühne holte. Irena ließ das Publikum natürlich erneut frösteln mit ihrer außergewöhnlichen Vokalartikulation, mit der sie Klänge zum Leben erweckte, von denen man kaum glaubt, dass ein menschlicher Körper sie hervorbringen kann – bis man sie hört. Am meisten überraschte aber die Integration des slowenischen Partisanenlieds Na oknu glej obrazek bled. Das Orchester verwandelte die bekannte Melodie natürlich vollständig, würzte sie meisterhaft in die bisweilen fordernd-provokante Rhetorik des eigenen instrumentalen Dickichts, wobei Kurzmann und Tomažin die Vokallinien miteinander tauschten. Irena sang auf Slowenisch, Kurzmann (vermutlich) auf Österreichisch. Oder? Dass ein österreichisches Ensemble ein slowenisches Partisanenlied spielt? Das passiert nicht jeden Tag. Ein außergewöhnlicher Auftakt in die neue Festivalausgabe also!
Ein Abstecher ins Reich des Free Jazz. Wenn du dem Trio Cene Resnik Free Stelar Trio begegnet bist, dem sich auf der Bühne der Chicagoer Trompeter Rob Mazurek gesellt hatte, war sofort klar, warum Mazurek so brillant und mühelos mit der musikalischen Logik des restlichen Trios harmoniert. Wenn du die Augen zugemacht hast, war das Gefühl, flüchtig einer echten Jazzband zu begegnen, die ein Ableger der Chicagoer Free-Jazz-Strömung ist. Vollgepackt mit totaler musikalischer Ungewöhnlichkeit – für den Laien pures Unausgegorenes –, dem Streben nach absoluter Freiheit und dem Geist des Treibens durch komplexe, völlig unkonventionelle Jazzstrukturen, durch die du ständig dein inneres Ich herausforderst und ihm einen expressiv-bekenntnishaften Abdruck entlockst: das authentische, momenthafte Wahrnehmen von Musikmagie. Das Trio ist mit allen Wassern gewaschen. Kein Wunder, dass Resnik und Lasič auch gelegentliche musikalische Mitstreiter von Kaučič sind. Mazurek genoss sichtlich sein Piccolo-Trompeten-Spiel in einem solchen Kollektiv.
Alles andere als ein leichter Brocken – und natürlich ein außergewöhnliches musikalisches Festmahl für alle, die nicht nur dickes Fell haben, sondern mit Geschmack das höchste Maß an musikalischer Komplexität, Unberechenbarkeit und Spontaneität bevorzugen. Das intuitive Erspüren der Bausteine der Musik, mit Mazurek und Resnik im Vordergrund, wobei das Quartett mehrfach so »kreiste«, dass die Jungs Free-Jazz-Muster untereinander weitergaben. Gelegentlich verfielen Mazurek und Resnik in einen grenzenlosen gegenseitigen Dialog, während Pacurig und Lasič geduldig auf ihren Moment warteten, dann übernahm Lasič den Part von Mazurek usw. … Pacurig steht auf, beugt sich über den Flügel und fängt an, die Klaviersaiten zu zupfen. Für Free-Jazz-Formate keineswegs ungewöhnlich. Jedenfalls ist ein an konventionelle Jazz-Griffe gewöhnter Besucher zutiefst schockiert, wenn er auf Resnik und Kompanie trifft, und fragt sich, was zur Hölle solche avantgardistische Freigeisterei überhaupt auf der Bühne soll. Hemmungslos grenzenlos und gleichzeitig unglaublich versöhnend in einem geschlossenen Kumulus genialen musikalischen Empfindens. Cene schwankte sichtlich während der Konzertperformance. Offensichtlich hatten die Jungs sich schon vor dem Konzert ordentlich einen genehmigt. Das ist aber auch nicht weiter wichtig. Aufgewühlt-teuflischer Free Jazz, dem du kaum nahekommen kannst – wenn überhaupt –, hat das Publikum erschüttert und mitgerissen.
Den ersten Tag des Jazzfestivals in Cerkno beschloss für 2018 ein kroatisches Kollektiv, genauer gesagt ein Sextett namens Franz Kafka Ensemble, bestehend aus Damir Prica Kafka (Saxophone), Franjo Glušac (Gitarre), Bruno Vidović Vorberger (Schlagzeug, Spielzeug), Roko Crnić (E-Bass, Kontrabass), Ivan Marincel (Posaune) und Igor Pavlica (Trompete). Bläser, Schlagzeug, Bass und Gitarre.
Die Band lieferte eine hervorragende Erfahrung. Genau richtig musikalisch und genau richtig gewürzt mit komplexer Virtuosität. Besonders beeindruckend waren die gebrochenen Rhythmen, bei denen kein Platz für einen »gesunden« Tanzschritt ist – und wenn ich ein bisschen gemein sein darf – allenfalls für einen »spastischen«. Spaß beiseite. Franz Kafka Ensemble entpuppten sich als unglaublich frisches, scharfsinniges und einfallsreich schwarzhumoriges Kollektiv, das eine vollständig eigenständige musikalische Visitenkarte aus einer raffinierten Mischung fester und entschlossener Formen erschafft, die die Band mit einer locker swingenden Jazzvibrierung dosiert, die in eine »unerwartete« Erfahrung führt – aber ohne Free-Jazz-Dilettantismus. Nicht selten erinnerte die schwarz gezeichnete Melodie, unterlegt mit einer rätselhaften rhythmischen Rhetorik, auch an die kompositorischen Muster von King Crimson (Tarred And Feathered). Und bezeichnenderweise heißt ihr Debüt »Circus Noir« (schwarzer Zirkus), das von dem vier Jahre alten Kollektiv, besetzt mit erfahrenen und hervorragenden Musikern, genau in diesem Jahr veröffentlicht wurde.
Das aufgedrehte Sextett legte richtig los und spielte das gesamte Album durch. An Dramatik mangelt es ihm keineswegs, aber das Ensemble verliert beim Musizieren nie den roten Faden und bricht motivisch so auch nie auseinander – auch wenn es sich ständig mit der seltsamsten Kombination von Tonfolgen anbändelt –, was für den musikalischen Feinschmecker besonders reizvoll und anziehend wirkt. Wie lässt sich Komplexität mit einem spürbaren Maß an Musikalität zu einer durchgängig anziehenden und stets unterhaltsamen Mischung verbinden? Das wissen am besten Franz Kafka Ensemble, die an diesem Abend beim hervorragenden Auftritt zumindest einen hoffnungslos neuen Fan gewonnen haben (den Autor dieser bescheidenen Zeilen).
Postizati vrlo nezadovoljavajuće uspjehe (zu Deutsch: »sehr unbefriedigende Erfolge erzielen«) ist vielleicht der treffendste Titel für alles bisher Beschriebene. Rhythmisch sind Franz Kafka Ensemble außergewöhnlich stark und kompakt, der Rhythmus fließt ihnen im Blut, und man spürt, dass kein anderes Kollektiv so etwas zusammenbringen würde, hätten die Mitglieder nicht zuvor in Gruppen gespielt, die sich in ihrer musikalischen Ausrichtung um Meilen voneinander unterscheiden. Genau das liefert die Plattform für jene musikalische Eigenartigkeit, mit der Franz Kafka Ensemble in Cerkno aufwarteten.
Der erste Tag des bereits 23. traditionellen Jazz Cerkno Festivals war im Nu vorbei. Beim Publikum wie gewöhnlich an Tagen wie einem Donnerstag etwas weniger Besucher als erwünscht. Donnerstag bleibt eben Donnerstag, und danach folgt nun mal der ganz normale Arbeitstag Freitag. Aber im Einklang mit dem Erwarteten. Der erste Tag bot also absolute musikalische Exklusivität und Ungewöhnlichkeit. Genau das ist es, weswegen der Liebhaber experimenteller Musik Jahr für Jahr nach Cerkno kommt.
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
























