Jazz Cerkno 2018 – der dritte Tag!

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Cerkno / Stari plac / Slowenien
Konzertdatum: 19.05.2018
Besucherzahl: 350
Kartenpreis: 39,00€ (alle drei Tage)

Der dritte Tag – und nochmal? Cerkno natürlich! Jazz und all die übrige kulturell-künstlerische Kreativität, für die es auf dem Festival stets reichlich Platz gibt. So genossen wir bereits in den Vormittagsstunden Gombačs musikalisch-klangliche Werkstatt für Kinder, was den Appetit geweckt hat und uns dazu brachte, mit Dario zu seinem alljährlichen, berühmten Rundgang durch die Cerklaner Hügel im Hinterland von Cerkno aufzubrechen, wo wir unsere Akkus mit der Biomasse der Primärproduzenten aufgeladen haben. In bewährt heiliger Reinheit! Ohne Farbstoffe, Chemikalien und all das, wovon wir nicht mal wissen, dass man es uns täglich mitverkauft – und wenn wir’s dann erfahren, ist es schon zu spät.  

Kurzum: Auf dem Festival vergeht die Zeit extrem schnell. Schneller als man es sich wünschen würde, und plötzlich ist der Samstag da. Das Gefühl für Zeit und Raum verschwindet so allmählich. Die Sinne schärfen sich, die Intuition, die Instinkte. Die Ratio wird in den Hintergrund gedrängt – oder konkurriert zumindest gleichwertig mit jenem Teil der Essenz unserer Seelen, den wir täglich in den Hintergrund drängen und aufgeben müssen, um im System »Ich denke, also bin ich« eben zu überleben und den Herren gefällig zu fronen. Es blieb also der letzte Genießertag. Unterstützt von Konzerten natürlich und einer hervorragenden musikalischen Matinee. Um fünf Uhr nachmittags trat Satoko Fujii in einem Solo-Recital inmitten der Musikschule in Cerkno auf, die einen Tag zuvor auf dem Festival mit der Besetzung Kaze gespielt hatte. Nun, die Folgen der »Versteinerung«, die durch reichliche Milchsäuregärung verursacht wurde, milderte nicht mal Donats Magnesium – deshalb blieben wir in dieser Zeit lieber im Gabrijel, der natürlich für alle »ausgedörrten« Kehlen die richtige Adresse eines tadellosen Biereckchens bleibt.  

Jedoch war es um halb acht abends dann doch nötig, sich vom Bar Gabrijel einige Meter in die Richtung zu bewegen, wo die reichste Cerklaner Festung steht, die dem himmlischen Gottesdienst geweiht ist, vor der der Stari plac liegt, überdacht mit Zeltplane, reichlich mit Stühlen bestückt und natürlich mit dem unverzichtbarsten Requisit. Der Bühnenkonstruktion. Auch am Samstag vergaßen die Menschen das Festival nicht. Die Stühle wurden knapp, eine Traube von Besuchern beobachtete die Konzerte stehend.

Auf der Bühne stand bereits der aus Novo Mesto stammende Saxophonist Igor Lumpert mit seinem Begleitteam Innertextures. Igor, mit Wollmütze bedeckt am Tenorsaxophon, fiel in  der einleitenden Figur des Albums »Eleven« nicht sonderlich auf, mit der Kompanie, die noch Greg Ward (Altsaxophon), Masa Kamaguchi (Kontrabass) und Jason Nazary (Schlagzeug) vertritt. Obwohl das langjährige musikalische Wirken dieses slowenischen Jazzvirtuosen, der seit fast zwei Jahrzehnten in den USA lebt, zeigt, dass sein Schaffen unter tiefem Bebop-Einfluss steht, zeigte der Eröffnungstitel 13th of August das nicht so anschaulich – doch die Fortsetzung des Albums »Eleven« in seiner Darbietung lieferte echten  Einblick in die gesamte bildhafte Erfassung der Bop-Jazz-Elemente von Lumpert und ihre Transformation in moderne Jazzrhetorik. Der Eröffnungstitel wirkte wie das allmähliche Zusammenfügen verstreuter Puzzleteile durch vier Musiker. Von Anfang an war klar, dass die Band auf der Bühne ungemein Spaß zusammen hat. Der Dialog zwischen Ward und Lumpert – sprich der Dialog der Saxophone – war unglaublich schelmisch, versöhnlich, dynamisch. Die Unterstützung der Rhythmussektion außerordentlich, und Raum für die Entfaltung aller Bausteine im Überfluss. Der Eröffnungstitel diente als geeigneter Konzertmoment für die vollständige Kalibrierung des Quartetts, um auf die richtige Arbeitstemperatur zu kommen und sich dabei »chemisch« interaktiv so gut wie möglich zu entfalten und auszudrücken.  Endlich eine Band ohne Free-Jazz-Ausreißer, endlich etwas mildere Weide für die Ohren. Versteht das nicht falsch. Die Integration dieser Gruppe ist eine ausgesprochen willkommene Bereicherung des anspruchsvollen Programms, das der Jazz liefert – obwohl Lumpert mit seiner Philosophie des Bop-Verständnisses bis an die Grenze gegangen ist, wo dieser noch komplementär mit betonten, komplexen Improvisationen auskommt, wie es einst Miles revolutionär angedeutet hat – aber Lumpert macht das auf seine eigene Weise. Die Motive sind klar und greifbar. Perfektes Spiel, perfektes Gespür für die Kameradschaft, die eine außerordentliche Kilometerzahl aufweist, aber auch eine konkrete Geschichte der gegenseitigen Zusammenarbeit. Das spürt man im Spiel. Randvoll mit instinktivem Reagieren auf die gegebenen Empfindungen in der Reihung der Motive. Musik ist ein außerordentliches Medium. Jazz. »Schrulliger« Jazz, den wir in dieser heilig wahrhaftigen Freigeistigkeit und Reinheit so sehr respektieren, schätzen und nicht zuletzt vergöttern. Lumpert und sein Team eröffneten das Geschehen des dritten Festivaltages auf äußerst attraktive und bravouröse Weise.

Um halb zehn abends besetzte ICP Orchestra die Bühne! Was im erweiterten Sinne Instant Composers Pool Orchestra bedeutet! Das niederländische Kollektiv, vertreten durch Han Bennink (Schlagzeug), Ab Baars (Klarinette, Tenorsaxophon), Tobias Delius (Klarinette, Tenorsaxophon), Ernst Glerum (Kontrabass), Thomas Heberer (Kornett, Trompete), Tristan Honsinger (Cello), Guus Janssen (Klavier), der im Kollektiv den im vergangenen Jahr verstorbenen Gründer und Pianisten Misha Mengelberg ersetzt hat, sowie Michael Moore (Klarinette, Altsaxophon), Mary Oliver (Violine, Viola)
und Wolter Wierbos (Posaune).

ICP Orchestra sind Legenden. Sie sind nämlich seit 1967 aktiv, und von den Gründungsmitgliedern ist heute der unglaublich charismatische Schlagzeuger Han Bennink im Team geblieben, den das Kollektiv natürlich in die zentrale Position auf der Bühne gestellt hat. Wenn du Bennink beobachtest, der mit einigen Mitgliedern des Kollektivs bereits Jazz Cerkno besucht hat, ist es unglaublich, wie viel voltagegeladene Leidenschaft und sinnlich hingegebene Subtilität dieser Herr auch in den reifen Jahren seines Jazzhandwerks aufbringt. Er spielt durchgehend mit geschlossenen Augen, sinnlich, einnehmend, und drückt mit seinen Gesichtsgrimassen durchgehend eine geradezu echte Bühnenbesessenheit von der Magie der Jazzmusik aus. Schon allein der Name des Kollektivs wirkt amüsant. Genauso wirkt auch die Musik des Kollektivs selbst unendlich amüsant, luzide, schelmisch, funkelnd und »springlebendig«. Da die Mitglieder der Gruppe einer Generation angehören, die natürlich aus klassischen Jazzgrundlagen und der Tradition hervorgegangen ist, ist in den Stücken jede Menge Swing zu spüren – wobei im Spiel des Kollektivs auch die schelmischen Inhalte des kabarettistischen Lustspiels nicht fehlen.

ICP Orchestra sind ein unglaublicher Begriff der Demokratie des musikalischen Artismus. Wie viele Bausteine – und wie viel Harmonie? Und was für eine Mischung. Von Traditionellem und Neuem. Von Klassik, Swing, Jazz. Unglaublich. Und wenn sich der Cellist Tristan Honsinger auch vokal in die ganze Geschichte einbringt, wird das Bild vollständig, und dich überkommt plötzlich das Gefühl, als würde in Cerkno plötzlich irgendwoher Frank Sinatra oder Bing Crosby auftauchen. Das Spiel evoziert den Geist von Thelonious Monk, Duke Ellington, Dave Brubeck – und auch Louis Armstrong würde sehr schnell eine gemeinsame Sprache mit ICP Orchestra finden.

Totale Abschaltung – und Jazz Cerkno platzte förmlich vor all dem lebhaften Spiel und der Heiterkeit, die sich durch den luzid-lausbübischen Geist der Gruppe allmählich von der Bühne auf die Konzertbesucher übertrug und sie verzauberte!

Das große Finale der diesjährigen Ausgabe des Festivals Jazz Cerkno gehörte der italienischen Besetzung Roots Magic, vertreten durch Alberto Popolla (Klarinette, Bassklarinette), Errico De Fabritiis (Alt- und Baritonsaxophon), Gianfranco Tedeschi (Kontrabass) und Fabrizio Spera (Schlagzeug). Die Band ist insofern interessant, als sie gerne Blues-Standards spielt und diese natürlich mit ihrer eigenen Jazzrhetorik kreuzt – das macht sie mit einem unglaublichen Gespür, völlig unprätentiös, ansteckend. Roots Magic sind ein außerordentlich harmonisches Quartett, bei dem alle Bausteine des Klangbildes in außerordentlichem Gleichgewicht und instinktivem Gespür koexistieren und sich gleichmäßig im gegenseitigen Dialog vollblütiger Zugänglichkeit und Symbiose ausdrücken. Es überrascht nicht, wenn die Band Blues-Einschübe angeht, wie z. B. The Hard Blues (Julius Hemphill), Frankie and Albert (traditionell), Poor Me oder Down the Dirt Road Blues (beide Charlie Patton), des Weiteren The Sunday Afternoon Jazz und Blues Society (beide John Carter). Ihre zweite Platte, im Vorjahr veröffentlicht und »Last Kind Words« genannt, ist vollständig ein Eigenwerk des Quartetts und liefert weitere Erforschung der gemeinsamen Berührungspunkte zwischen traditionellem Blues und den heißblütigen Griffen der Schelmenstreiche jazziger Improvisation. Die Band zeichnete außerordentlich saftige Klangkontraste, besonders wenn Bassklarinette und Baritonsaxophon sich im Dialog auf dem Podest befanden, sowie in anderen Instrumentenkombinationen der beiden Bläser. Außerordentlich fester und knackiger Fokus. Einheitlich harmonisch. Von der ersten bis zur letzten Sekunde des Spiels. Genau richtig verrückt, um nicht zu anspruchsvoll zu sein, und genau richtig versöhnlich, um nicht zu einfach zu sein. Unprätentiös, plötzlich mit ausgeprägter, potenter Glut und Schwung, und im nächsten Moment wieder weich und betörend einnehmend. Der Band ging nicht der Sprengstoff aus – die leicht zugängliche Natur der Musik sowie der kokette rhythmische »Groove«, sog die Zuhörer sofort auf. Das Publikum platzte vor Begeisterung und all den vibrierenden Reaktionen. Roots Magic hob für das große Finale die Anwesenden des Festivals in den Himmel und setzte das i-Tüpfelchen auf den großen Vergnügungspark des dritten Festivaltages, dem davor die vorzüglichen ICP Orchestra den Weg gepflastert hatten. Das finale Crescendo also. Es überrascht nicht, dass das Publikum nach dem Konzert buchstäblich alle Exemplare des Albums »Last Kind Words« weggekauft hat.

Das 23. Jazz Cerkno hat sich somit abgerundet und im vollblütigen Ertrag seiner Mission erstrahlt. Im Glanz des Charismas, der Einzigartigkeit und einer klar gemeißelten Gestalt, die dem kulturell-künstlerischen Puls unseres Landes weiterhin einen ausgeprägten Beitrag und qualitativen Überschuss von hohem und schwer erreichbarem Wert liefert! Es bewahrt Eigenständigkeit, Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und aufrechte Haltung! Dort finden wir uns im nächsten Jahr wieder. Unter lauter guten Menschen und natürlich auf einer neuen Rutschbahn außergewöhnlicher Jazzinhalte.

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