Jazz Cerkno 2016 – zweiter Tag!

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Cerkno / Stari plac / Slowenien
Konzertdatum: 20.05.2016
Besucherzahl: 350
Kartenpreis: 37,00€

Der zweite Tag des Jazz Cerkno Festivals – insgesamt der einundzwanzigste seiner Art – wurde neben dem Begleitprogramm, einem dreitägigen konzertfotografischen Workshop des renommierten und hochgeschätzten Meisters seines Fachs Žiga Koritnik, auch durch den Beginn eines zweitägigen Workshops rund um „Wildkost“ bereichert, der selbstverständlich vom langjährigen Festivalinventar des Jazz Cerkno geleitet wurde: dem „Freigeist“ Dario Cortese.

Einer der meistgeschätzten Gurus der anziehenden Sphären gesunder Lebenskultur – der unglaublich sympathische und charismatische Dario mit Kopf und Bart – führte auch durchs Programm aller drei Festivaltage und trat so gleich zu Beginn auf der Bühne des zweiten Tages auf, als er das Trio ankündigte, das von einem der international talentiertesten slowenischen Keyboarder der neuen Generation geleitet wird: Marko Črnčec. Der Mariborer, der in New York sein Brot verdient, betrat die Bühne mit dem Rückhalt einer außergewöhnlichen Rhythmussektion – Ricky Rodriguez (Kontrabass) und Jonathan Barber (Schlagzeug). Der Auftritt des Marko Črnčec Trio lieferte beim Festival eine musikalische Geschichte von höchster Zugänglichkeit, zugleich aber von einem randvollen Maß an musikalischer Komplexität und unglaublich einfallsreichen solistischen Scherzen, die die Jungs – allen voran Marko – aus ihrer Welt der Vorstellung und der Wahrnehmung von Schwingungen des musikalischen Universums hervorzogen. Die Transformation dieser Energie war außerordentlich. Die Fakten cleverer Feinmechanik, das Spiel mit feinem Gespür in jeder angeschlagenen Note, das ständige Erspüren der Musiker, die zeitweise Musik wie in Trance spielten. Die technische Versiertheit diktierte das Gefühl der Darbietung mit federleichter Leichtigkeit, obwohl die Jungs auf voller Konzentration arbeiten mussten, die ein außerordentliches Maß an Präzision verlangt. Marko übernahm in den Soli die Initiative und hielt mit dem klassischen Klavier sowie dem elektrischen „Rhodes“-Piano durchgehend die zentrale Figur des musikalischen Bilderbogens des Trios, während zugleich auch die beiden anderen Bandmitglieder mit ihren Akrobatiken vollblütiger Improvisation konkret auftrumpften. Die Band ritt durchgehend auf einer feinen Trennlinie zwischen musikalischer Zugänglichkeit und experimentellen Ausbrüchen, wie sie die Welt des Jazz kennt. Diese beiden Felder vereinte sie meisterhaft in ein Konstrukt, das sowohl weniger anspruchsvolle Musikhörer als auch jene auf den Stühlen hielt, die das Ungewöhnlichste im musikalischen Experiment für sich fordern. Marko ist definitiv ein heißes Eisen. Im Aufstieg. Sein künstlerischer Aufblühen strebt seinem kreativen Zenit entgegen, und um diesen Musiker werden noch die Berge beben – bei uns und im Ausland. Brillanz und Perfektion sind Worte, die das musikalische Erlebnis, das der Auftritt dieses Trios in Cerkno bei den Zuhörern hinterließ, bei Weitem zu eng beschreiben.

Im Anschluss besetzte ein anderes Trio die Bühne. Ein französisches. Was aus Frankreich kommt, ist immer etwas Besonderes. Andersartig. Herausfordernd. Oft kommt dabei das Adjektiv avantgardistisch hinzu. Und das wundert auch im Fall des Auftritts von Pourtant Les Cimes nicht. Der Name der Band und auch die Musik selbst sind von der Haiku-Dichtung inspiriert, die aus dem fernen Japan stammt. Vor allem jener, die Matsuo Basho in der Edo-Periode (siebzehntes Jahrhundert) hinterlassen hat. Die Gedichte enthalten sieben Silben, zwei davon fünf, eine sieben. Das sind also drei Verse. Auf der Bühne steht ein Trio. Was mit der Vermittlung musikalischer Strukturen „in Triaden“ übereinstimmt, in der Abfolge aufeinanderfolgender Züge der einzelnen Trio-Mitglieder. Da das Anliegen des Haiku die Echtheit innerer Empfindungen mit der momentanen Wahrnehmung der Umgebung, der Natur beziehungsweise die Transformation dieser Empfindungen in Verse widerspiegeln soll, nähern sich Pourtant Les Cimes ähnlich an, nur dass sie sich hier selbstverständlich der Sprache des Jazz bedienen. Triaden momentaner Empfindungen, mit denen dich die Umgebung erfüllt, und die authentische Transformation eben dieser über die Instrumente. Das alles erzeugte gewiss ein gehöriges Maß an musikalischer Ungewöhnlichkeit, zugleich aber auch kühne Skurrilität, gewürzt mit schalkhaften Wendungen der drei Akteure, die ihre Performance nach dem Diktat strenger spontaner Ereignisentfaltung aneinanderreihten – unerwartete Züge, die die Zuhörer auf angenehme Weise überraschten und unterhielten. Und wie immer: außerordentliche Konzentration ist unerlässlich, außerordentlicher Kontakt aller drei, damit dabei nichts schiefgeht und das ideale Miteinander im Dreieck der Bausteine des Klangbildes nicht zufällig zusammenbricht. Das Motiv des ersten Instrumentalisten setzte mit beliebiger Pause das Motiv des zweiten fort, darauf folgte der dritte, die Geschichte wiederholte sich. Kurze, prägnante Tricks und das Hin- und Herreichen des „Balls“, ohne dass dieser verloren geht. Drei charismatische Musiker auf den Achsen Saxofon, Schlagzeug, Kontrabass lieferten eines der außergewöhnlichsten Erlebnisse. Im Glanz avantgardistischer Provokation. Einzigartig und unwiederholbar. Wie es für jedes Konzert dieser Band gilt. An klanglichen Streichen mangelte es nicht – besonders in Erinnerung blieb wohl jener Moment, als Schlagzeuger Didier Lasserre mit einem Geigenbogen über das Schlagzeug strich…. Grenzenlose Leidenschaft für Musik gebiert also außergewöhnliche Brillanten.

Der Dritte auf der Bühne und letzte Performer des zweiten Festivaltages! Ein Duo aus deutsch-britischer Zusammenarbeit – Keyboarder und Schlagzeuger/Perkussionist. Das sind Georg Graewe und Mark Sanders. Beide Musiker blicken auf eine außerordentliche Kilometerzahl an Zusammenarbeit in zahlreichen Musikformationen zurück, bereichert durch vielerlei musikalische Herausforderungen des kühnen Improvisierens und Experimentierens. Sie kennen sich auch sehr gut, da sie seit einer Reihe von Jahren gemeinsam im Quartett Frisque Concordance zusammenarbeiten. Erneut waren wir Zeuge einer absolut abstrakten Ereignisentfaltung, bei der beide Musiker ein ungewöhnliches Geflecht beständiger Suche nach musikalischen Wendungen webten, die die musikalische Empirie sonst kaum erträgt. Kühn. Durchgehend herausfordernd. Sie forderten vor allem einander heraus. Die außerordentliche Last der Kilometerzahl reicher Erfahrungen begünstigte eine außerordentliche chemische Wahrnehmung. Das resultierte in einer unglaublichen federnden Reaktionsfähigkeit beider Instrumentalisten, die sich im Spiel infolgedessen phänomenal ergänzten und üppig sowie ungezügelt durch die jazzmäßige Freiheitsliebe segelten. Bis zum Ende des Abends natürlich.

Der zweite Tag bot, genau wie der erste, wieder drei Auftritte, drei völlig verschiedene Geschichten aus der Welt des Jazz und lieferte den Zuhörern ein randvolles Maß an lustvollen musikalischen Erlebnissen.

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