Jazz Cerkno 2016 – erster Tag!
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Cerkno / Stari plac / Slowenien
Datum des Konzerts: 19.05.2016
Besucherzahl: 150
Eintrittspreis: 37,00€
Das Jahr dreht sich weiter, und wie die Tradition es will, steht das einundzwanzigste Jazz Cerkno Festival auf dem Programm. Das erste ohne Boštjan Cvek. Ohne den Mann also, der diesem Festival den Grundstein gelegt hat – auch in Sachen Eigenständigkeit und Wiedererkennbarkeit des musikalischen Angebots. Von Donnerstag bis Samstag. Wie immer drei Bands auf der Hauptbühne des Stari plac, sicher unter einem Zelt. Der Mai ist nämlich wieder launisch und unberechenbar. Dazu gibt es ein abwechslungsreiches Begleitprogramm, das dieses bekannte Ereignis aus Cerkno jedes Jahr dankbar bereichert. Für manche Jazzfeinschmecker schon ein echtes Jahresritual, das sie auf keinen Fall verpassen wollen.
Der Donnerstag war schwach besucht. Wahrscheinlich hat das Regenwetter seinen Teil dazu beigetragen, vielleicht auch der Termin mitten in der Arbeitswoche – aber sei’s drum. Den Anblick am Veranstaltungsort am ersten Festivaltag trübte etwas eine riesige Fotografentruppe, die aus der ersten Reihe auf die Auftretenden schoss, während das eigentliche Publikum, das seine Tickets bezahlt hatte, am Veranstaltungsort nur in homöopathischen Dosen vorhanden war.
Das Programm des ersten Tages begann mit Verspätung, da in der benachbarten Kirche zunächst die Messe zu Ende gehen musste. Als in der Nachbarschaft des Stari plac endlich Ruhe und Frieden eingekehrt waren (im Himmel wie auf Erden), betraten endlich Grencso Open Collective die Bühne. Das ungarische Quintett unter der Leitung von Saxophonist Istvan Grencso. In gut einer Stunde präsentierte die Truppe die Musik ihres großen Vorbilds Gyorgy Szabados. Das ist ein Musiker, der einst, vor langer langer Zeit, den Free-Jazz-Ansatz in Ungarn populär gemacht hat. Das Quintett hat Szabados‘ Kompositionen natürlich auf seine eigene Art neu belüftet. Kontrabass, Viola, Istvans Saxophone, Klavier und natürlich der Hüter der Zeit – Schlagzeug. Istvan ließ seinen Mitstreitern enorm viel Raum, sich richtig zu entfalten und ihre Qualitäten unter Beweis zu stellen. Dabei rasten die Jungs zeitweise bis an die Grenzen avantgardistischer musikalischer Herausforderung vor, wurden dem Ohr mitunter zur noch härteren Nuss zum Knacken, wobei es auch an »schrägen« Momenten nicht fehlte – die nach Art des Unerwarteten dem versammelten Publikum eine Tüte voll Überraschungen entlockten und es gleichzeitig unterhielten. Dabei fiel das Quintett eigentlich zeitweise regelrecht »ums Ohr auseinander«, fand sich aber wieder gesammelt und kehrte zu den Ausgangspunkten der Leitmotive zurück. Besonders schön war das Weiterreichen des solistischen Safts auf der Trias Saxophon, Viola, Kontrabass, während das Klavier den Hintergrund füllte und das Schlagzeug das rhythmische Gerüst aufrechthielt. In diesen Momenten tauschten die Jungs so ziemlich alle Tricks aus, wahrten dabei aber eine unglaubliche Harmonie, einen »Sinn fürs gegenseitige Aufhorchen«, eine verfolgbare gegenseitige Wahrnehmung – und stachelten und beschäftigten das Publikum mit ihren Wendungen und Eigenheiten. Die erste Stunde verging wie im Flug. Jazzverrückte sind die Jungs natürlich auch deshalb, weil sie ihren Free-Jazz-Ansatz raffiniert mit einem Folk-Schleier der osteuropäischen Ebenen und Zigeunermelodik durchdrungen haben. Ausgesprochen besonders und reizvoll.
Als zweite betrat die extravagante slowenische Musikerin Maja Osojnik die Bühne – eine musikalisch vielseitig geschliffene Künstlerin, die ihre Stärken in Wien verfeinert und ausgebaut hat, wo sie auch lebt. Sie ist ein absolutes Unikum, das für das Konzert in Cerkno eine ausgesprochen üppige Klangbegleitung um sich geschart hat: das Sextett namens All.The.Terms.We.Are. Das hatte vor seinem Auftritt in Cerkno bis dato gerade mal einen einzigen gemeinsamen Auftritt vorzuweisen. Maja stellte mit der Truppe beim Konzert ihr aktuelles Studioalbum aus dem Vorjahr mit dem Titel »Let Them Grow« vor. Die Band reihte im Laufe des Großteils des Auftritts düstere Gesichter und graue Phrasen aneinander, die vor allem den Raum der musikalischen Landschaft verdichteten – aufgebaut auf tieferen Klangtönen. Für das i-Tüpfelchen sorgte Majas tiefer Frauenstimme, die in den Teilen ohne vokale Exzesse flüchtig an Tanita Tikaram erinnerte; insgesamt weckte das Instrumentarium der begleitenden Musiker aber auch Assoziationen zu einer möglichen musikalischen Anziehungskraft für Liebhaber alternativer Rockmusik. Und diese Ansätze strahlten die Musiker während ihres Auftritts auch aus. Einfache, aber sonderbare Phrasen, die auch in längere Motivwiederholungen mündeten, schufen eine Erfahrung, die dich an den Rand des Rationalen führte, hin zum »Außergedanklichen«, jenseits des Bewussten. Hypnotisch. Die Instrumente öffneten einander mit unglaublicher Kontemplation Raum, gleichzeitig lieferte das Sextett ein Erlebnis unglaublicher Prägnanz – eine vollblütige Konzentration der Beteiligten, die sich in der ganzen Geschichte keinen noch so kleinen Fehler leisten durften. Vor allem spiegelte sich das in der Bühnenkommunikation wider: das Warten, das Beobachten, was die anderen auf der Bühne machen. Das sind die Momente, wo du wartest, mit deinem Instrument zum richtigen Zeitpunkt, an der richtigen Stelle einzusetzen – und die keineswegs besondere technische Fertigkeiten verlangen, sondern ein Höchstmaß an Präzision und Feingefühl, wenn nicht gar Feinmechanik. Also: flexible Reaktionsfähigkeit. In jedem Moment der musikalischen Geschichte. Während der Vorstellung zog vor allem Cellistin Audrey Chen die Aufmerksamkeit auf sich, die im vokalen Dialog mit Maja die seltsamsten Laute aus sich herausholte, die ein menschlicher Körper produzieren kann. Allein schon deshalb war das Konzert ausgesprochen attraktiv. Die Vibration der Gruppe hypnotisch, hochexperimentell, mit avantgardistischen Ansätzen, aber im Geist von Ruhe und Stille – durchbrochen von plötzlichen Einbrüchen wüsten Klangschrotts und vokalen Exzessen. Im strikten künstlerischen Fokus auf musikalische Einzigartigkeit und Singularität. Das Format eines ungewöhnlichen Klangkörpers, dem zu wünschen ist, dass er bald wieder in unsere Gefilde findet.
The Rempis Percussion Quartet beschloss als drittes Ensemble den ersten Festivaltag. Das Besondere an diesem Chicagoer »Free Jazz«-Quartett liegt darin, dass es auf dem Einsatz zweier Schlagzeug-Sets basiert. Dave Rempis ist der Saxophonist, der zwar die musikalische Hauptautorität übernimmt, doch das Quartett ist dank zweier sich ergänzender, kontrastreich variabler Schlagzeugansätze, die auf der Verbindung üppiger Polyrhythmik-Wendungen und sogar der Einbeziehung von Ethno-Rhythmen des südamerikanischen und afrikanischen Kontinents aufgebaut sind, auch rhythmisch etwas Besonderes. Rempis biss sich ums Ohr mehrfach ungestüm in seine ungeahnten solistischen Saxophon-Eskapaden, die kein Ende und keinen Anfang zu haben schienen beim Abfeuern von Salven aus einem endlosen Meer an Tonalitäten – als würde er um jeden Preis und absichtlich das stabile rhythmische Milieu aufbrechen wollen, während der norwegische Bassist Ingebrikt Haker Flaten, der seit vielen Jahren in Chicago lebt, mit dem fetten Groove seines Kontrabasses gekonnt den Hintergrund des Klangbildes füllte. Gleich drei der Auftretenden kennen sich bestens – auch durch ihre gemeinsame Arbeit in der Band Vandermark 5. Außerordentliche Dynamik und eine energiegeladene Vorstellung, wild und durchgehend ungezügelt, im Ausdruck freiheitsliebender und grenzenloser Formen jazzistischer Freigeisterei. Ein handfester Knochen zum Nagen am Ausklang des ersten Festivaltages.
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