Jate
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Nina Bulatovix
Label: Kapa Records
Erschienen: 2014
Laufzeit: 38:11
Bewertung: 4/5
Aus der steirischen Ecke Sloweniens kommt ein weiteres fettes Alternative-Rock-Trio. Das Trio Nina Bulatovix bringt nämlich genau das richtige Aufweckmittel für alle, die Andersartigkeit im vollen Sinne des magischen Genre-Begriffs »alternativ« suchen.
Die Band verzichtet auf Gitarren. Ihr musikalisches Profil entwickelt sie auf der schlichten Rhetorik hypnotisch wirkender Rhythmen, die in Kombination mit einem satt dröhnenden und scheppernden Bass Parallelen zur diskoid anmutenden Haltung des New Wave of Punk der Achtziger zieht – und zwar aufgrund der extrem düsteren Atmosphäre, die das Album stellenweise entfaltet, nennen wir es einfach Post-Punk-Attitüde –, gleichzeitig ist durch den bizarren Minimalismus des Trios sogar das Dogma des Krautrocks herauszuhören. Die Band ersetzt das fehlende Gitarren-Element meisterhaft mit allerlei studio-seitigen »Streichen«. Der Bass verdrischt dabei gleich ganze Akkorde und lässt in manchen Momenten durch verzerrte Klangeffekte echten Noise-Krach los. Da das Album praktisch live aufgenommen wurde, blieb kaum Zeit für irgendwelche Verschönerungen, die ein Studio bieten kann. Die Band betrat das Studio also mit einem ausgefeilten Songpaket, das sie in einem extrem kurzen Zeitfenster von wenigen Tagen auf die Bänder legte.
Das Album »Jate« ist ein Manifest des Aufstands, des Trotzes, aber auch der hoffnungslosen Ergebenheit ins Schicksal. Der starke, autoritative Gesang überzeugt in schroff hallenden Diktaten und ist unerbittlich in den Gesten des beständigen Klagens und des Rufs zum Ungehorsam. Er wird mehrfach durch einen Verzerrungseffekt gejagt und fügt sich ins Klangbild ein wie das Echo eines Dämons, der stellenweise mit extrem düsterer und kalter Haltung psychedelisches oder gar gotisches Theater heraufbeschwört. Die depressive Stimmung des Albums ist vor allem wegen der extrem mitreißenden Vermittlung der Botschaften in den Lyrics durchgehend packend! Die gesamte produzierte expressive Schwärze des Albums liebäugelt mitunter sogar mit der düsteren Atmosphäre der alten Borghesia auf der einen und dem älteren Artismus der Gruppe Disciplina A Kitschme auf der anderen Seite. Das Werk überzeugt in seinen künstlerischen Zügen außerordentlich und bleibt geerdet. Es bietet eine Collage motivisch abwechslungsreicher Tracks, bei denen die Band ihre minimalistischen Tricks meisterhaft auch in ausgefeilten Nummern wie Pridi k skupini und dem Titeltrack des Albums einsetzt.
Das Album »Jate« besitzt eine überzeugend düstere Haltung – genauer gesagt eine post-apokalyptische Note, durch die nicht ein Funken Hoffnung hindurchscheint. Obwohl die Band jüngerer Herkunft ist, zieht die ausgearbeitete musikalische Vision des musikalischen Formats dreier erfahrener Musiker die eindrucksvollsten Momente der Alternativrock-Bewegung an die Oberfläche, die sich in den Achtzigern in Slowenien wie auch auf dem Boden des ehemaligen südslawischen Staates entwickelt hat – Parallelen lassen sich zudem zur Neuen Welle aus Rijeka ziehen –, und dabei agieren Nina Bulatovix in ihrer künstlerischen Darlegung eigenständig und unverwechselbar. Nina Bulatovix ist eine Band, die mit dem Kern ihres raffiniert eingeschleusten intellektuellen Botschaftswerts den Hörer zum Nachdenken zwingt, in ihm Regungen von Körper und Geist weckt und eine eigensinnige künstlerische Welt voller inhaltlich greifbarer musikalischer Materie erschafft. Eine musikalische Welt eigenständiger Impressionen, die ein authentischer Alternative-Rock-Abdruck unserer Realität des Irrens im hoffnungslosen Kessel des slowenischen »Nategunstvo« ist.
Besetzung
Gregor Kosi: – Gesang
Marko Širec – Bass
Jure Lavrin – Schlagzeug, Gesang
Produktion
Andrej Hrvatin & Marko Lavrin
Tracklist
1. A A (03:39)
2. V okove (03:08)
3. Brecht (03:58)
4. Gobci (foreva) (02:11)
5. Ljudmila (03:38)
6. Z obema rokama (04:49)
7. Pridi k skupini (03:03)
8. Psihiatrija (03:33)
9. Iz obrazov molčečih (02:24)
10. Topla voda (03:18)
11. Jate (04:44)