Jani Kovačičs wütende Lieder (2014)

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik, Jernej Vene

Ort: Postojna / Titov trg / Slowenien
Konzertdatum: 20.08.2014
Besucherzahl: 300
Eintrittspreis: 0,00€ (freier Eintritt!)

Wenn es irgendwo unter der slowenischen freien Sonne jemanden gibt, dem die Bezeichnung »Held der Arbeiterklasse« wie angegossen passt, dann ist das zweifellos der legendäre slowenische Liedermacher Jani Kovačič. Ein Mann, der kein Blatt vor den Mund nimmt, ein sprühender Geist, einer der letzten Pfeiler der slowenischen Intelligenz, die schon längst in den Untergrund gedrängt wurde und in alle Ecken der Welt abgewandert ist. Der ewig junge und immergrüne Jani Kovačič machte während der Proteste im Winter 2012/2013 wieder nachdrücklich auf sich aufmerksam. Da stand er vor einer mehrere tausend Köpfe zählenden Menge mitten auf dem Ljubljaner Trg revolucije, und 10.000 Menschen sangen einstimmig seinen mitreißenden Arbeitersong »Delam kot zamorc«. Beflügelt von den Ereignissen des allzu schnell vergänglichen Frühlings 2012/2013, schuf Jani danach ein Dutzend neuer Stücke, die er zwar noch nicht auf Platte aufgenommen und veröffentlicht hat, die aber existieren. Und jetzt spielt er sie. Live natürlich. Begleitet von niemandem anderen als den resoluten Pivka-Troubadouren und unverbesserlichen Spaßmachern Ana Pupedan.

Jeder August steckt voller Lokalfestivals. Überhäuft mit Abendprogrammen, die sich über die Tage des Monats ziehen. In Postojna ist der diesjährige Zmaj ma mlade zwar nicht so stark wie letztes Jahr, aber der Auftritt von Jani Kovačič in Begleitung von Ana Pupedan war definitiv einer seiner Höhepunkte. Absolut sehenswert. Was haben Janis neue Psalmen, sein Strauß neuer wütender Lieder, also zu bieten?

Die Band legte nach einem längeren Soundcheck eine 20-minütige Pause ein und begann dann kurz nach halb neun Uhr abends mit dem eigentlichen Konzert. Geschichte lehrt uns nichts. Wir haben so ein schlechtes Gedächtnis, dass die meisten heute ziemlich, ziemlich schlechter leben als damals, als es hieß, wir müssten den gemeinsamen Staat verlassen, um besser leben zu können. Was für ein Absurd.  Natürlich mit Ausnahme einer Handvoll. Weil wir seelsorglich dem neoliberalen Kapitalismus-Konzept gehorcht haben, das uns das Konstrukt der Europäischen Union verkauft, und die Freiheit gegen die Sicherheit eingetauscht haben, die uns der neue Besatzer unter dem Deckmantel namens NATO anbietet. Willkommen im Zeitalter der Trottel also — einem der aktuellen Jani-Stücke, die an diesem Abend  mitten auf dem Titov trg in Postojna erklangen, wo sich respektable 200 seeleneifrige Zuhörer eingefunden hatten. Wie es schon Brauch ist, spielten auch diesmal Kinder ganz vorne auf der Fläche direkt vor der Bühne und versuchten mit ihrer Ausgelassenheit die Aufmerksamkeit von den Taten der Onkels auf der Bühne abzulenken.  

Jani durchbrach wieder einige Male die Menge entspannter Dezibel mit seinem durchdringenden, scharfen und allgemein wiedererkennbar heiseren Vokal, der scharf, kantig, anklagend und sachlich bleibt! An Erkenntnissen der Wahrheit auf der Spitze — so scharf wie die Spitze einer Rasierklinge seiner sprühenden Zunge — mangelt es ihm nicht!  Obwohl seine Rolle als Vokalist gleichzeitig die Rolle des Konzertleiters ist, überließ Jani diese Initiative oft dem weitaus gesprächigeren Heber von »alkoholischen Gewichten« Simon Avsec (mit Frisur zu einem Samurai-Zopf gebunden), der diesmal für das Geigenspiel zuständig war. Jani, bewaffnet mit einer knallroten »f-Loch«-Yamaha-Gitarre — dabei vergaß er auch den knallroten Gürtel nicht —, zeigte sich neben der guten Widerstandsfähigkeit seiner rostfreien Kehle, die dem Zahn der Zeit standgehalten hat (offensichtlich auch dem Zahn des Glases), auch als ausgezeichneter Rhythmusgitarrist. Im Vordergrund stand natürlich Jani mit einem Erdbeben wütender Verse, mit denen er die Anwesenden unterhielt und das System der Versklavung an die Sicherheitsillusion im Tausch gegen den Verkauf der Freiheit gründlich geißelte. Trotz der absoluten Aufmerksamkeit, die der berühmte und geschätzte Liedermacher auf sich zog, war es interessant, dass er der Begleitcrew erlaubte, sich in den Mittelpassagen zu entfalten, aber auch in den Ausgangsparts der Stücke. So gewann die Formation den Charakter einer richtigen Band, die aus kabarettistischer »Versunkenheit« das Ambiente fix in Variationen von Blues- und Rock-Schwere drehen kann.  

Die Band ist noch nicht zu 100% eingespielt. Das zeigten die »Spickzettel« auf der Bühne, also die Noten- und Textständer, in die mal Jani, mal Simon hineinschauten. In den »Soli von rechts«, wie Simon sagen würde, also bei einem der besten slowenischen Gitarristen im Bereich der alternativen Rockszene, Boštjan Požar, braucht man keine großen Worte zu verlieren. Boštjan ist standardmäßig faszinierend in seiner Einfallsreichtum und Fingerfertigkeit. Doch an diesem Abend passierte ihm so einiges an hörbaren Fehlern. Einige unsaubere Töne erklangen, und manchmal fand er nicht ganz den richtigen Schlüssel für das Aneinanderreihen der passenden Notenfolgen in den Abschlüssen der Soli, was »Löcher« in den Übergängen verursachte. Im Schlusspart des Konzerts, als der sonst wackere Gitarrist sichtbare Zeichen der Ermüdung zeigte, passierten einige solche Patzer. Es sei denn, Boštjan hatte »alkoholisch überkocht«.  Auch Avsec drängte allzu oft in Zigeunerornamente auf seiner Geige, und mehrmals verlor er sich in den Noten regelrecht. An einigen Punkten wirkten diese Zigeunerornamente sehr geschmackvoll und saftig, an anderen wiederum aufgesetzt, was den Charakter widerspiegelte, dass der Geiger eben nicht genau weiß, wie er die gegebene Situation in den Soli einfallsreicher lösen soll. Das sind freilich Kleinigkeiten angesichts der rundum schlagfertig-witzigen Note, und zugleich sorgte das solide Rhythmusgespann in der Linie Doles/Žnidaršič neben der souveränen Rhythmusgitarre von Jani  dafür, dass die Dinge nicht zufällig aus den Händen in mögliches musikalisches Chaos abgleiten!

Wenn man bedenkt, dass das Repertoire in der Konstellation Jani und Ana Pupedan wirklich noch nicht oft live gespielt wurde, sind all diese Anmerkungen der Truppe sofort zu vergeben. Janis Charisma hat nämlich alle diese kleineren Beobachtungen in den Schatten gestellt und sie im Handumdrehen weggespült. Das Publikum, das die neuen Stücke noch nicht richtig  kannte, erwachte urplötzlich zum Leben, als Jani mit seinen Gefährten den Klassiker Revolucija! anging — für die neuen Zeiten aktualisiert und umbenannt in Revolucija 12 skozi 13.

Der Sympathie von Jani Kovačič mit Ana Pupedan ist kein Ende in Sicht. Sie verstehen es, auf eine Weise Witze zu reißen, die einem schnell unter die Haut geht. So hielt die Truppe mit dem kleinen Finger der linken Hand durchgehend gute Laune aufrecht, und es gab reichlich Raum für herzliches Lachen und Spaß. Der Himmel drohte ein paarmal mit einem Regenguss, aber die Blitze kamen aus dem Norden, was bedeutete, dass der Wind die Schwärze weitertrieb, und die Ljubljaner Beckenlandschaft schon fröhlich abwusch. Ein paar Tropfen — das war alles! Hoffen wir, dass Jani es schafft, diese Stücke aufzunehmen und auf einem Album zu veröffentlichen. Der Liedermacher erlebt einen neuen kreativen Frühling, die Poesie ist inhaltlich wieder farbenreich und erschüttert in knapper Offenherzigkeit. Die »Besne pesmi« verdienen mehr als die Verewigung auf einem neuen Studiodokument. Jani ist die Stimme des Volkes, und hoffen wir, dass diese Stimme des Volkes noch lange weit und breit ertönt und zum Kampf für Gerechtigkeit und eine bessere Zukunft aufruft. 

Setliste

1. Grand Hotel S.
2. Doba tepcev
3. Demošisti & democisti
4. Popevka o človeškem dostojanstvu
5. Cestara bluz
6. Žleht
7. Krivica skazica
8. Kje so tiste stezice?
9. cA Ira
10. La Carmagnole
11. Štirje karte špilajo
12. Ukrajinske neveste
13. Ljudje govorijo
14. Besna
—Pause 15 min.— 
15. Pressing (Važen je)
16. Evina polka
17. Prekleti krokodil
18. Internacijonala
19. Trubarrep
20. Himna 1 
21. Tarantela
22. Kanibali 
23. Ameba
24. Revolucija 12 skozi 13
25. Zabava za reveže
26. Vabilo šarlatanov ali pesem o koncu konca
27. O, domovina 

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