It’s Frightening
Künstler: White Rabbits
Label: Mute Records
Veröffentlichung: 2009
Laufzeit: 34:42
Wertung: 3/5
White Rabbits sind mal wieder amerikanische Indie-Rocker, ansässig in Brooklyn, ursprünglich aus der Stadt Columbia im Bundesstaat Missouri. Schon wieder also, welche, die versuchen, sich einen Platz unter der freien Sonne mit eigenem musikalischem Charakter zu erkämpfen. Die Band hat mit ihrem bizarren Minimalismus, auf dem sie ihre Predigt aufbaut, das Rock-Universum 2007 mit der Veröffentlichung ihres Debüts „Forty Night“ aufhorchen lassen.
Die sechsköpfige Besetzung kann mit zwei Lead-Vocals und zwei Schlagzeugern aufwarten. Und trotzdem reden wir hier von den Ansätzen einer Pop-Rock-Indie-Burleske des reinen Minimalismus. Für das neue Album hat die Band Produzent Britt Daniels eingeladen, bekannt als Mitglied von Spoon. Und? Daniels erwies sich im Studio als einflussreich, und „It’s Frightening“ versteckt definitiv einige Parallelen zum Ausdruck von Spoon nicht. Man könnte sagen, White Rabbits sind ein leicht weichgespülter Spoon, mit Vocals, die interessanterweise am meisten – vor allem in Klangfarbe und Produktion – dem Erbe des Britpop der Neunziger schulden; aber auch wer auf die Post-Britpop-Bands Kaiser Chiefs oder Franz Ferdinand steht, wird hier die Ohren spitzen.
Auch in der Art, wie die Songs geformt werden, geht es ums Jonglieren mit den Klischees grundlegender Melodien und Motive. Der Unterschied: White Rabbits haben den rockigen Gitarrenlärm weitgehend auf ein Minimum reduziert. Das Erste, was ins Ohr fällt, ist die knackige Rhythmik, oft untermauert im Dialog zweier Schlagzeuge. Entsprechend eröffnet das Album auch mit Percussion Gun, das in diesem Element eine der interessantesten Schöpfungen des Albums ist. Hervorragend vertieft dieser Trick das Klangbild der Band auch in They Done Wrong/We Done Wrong, das einen allein wegen seines verführerischen Tanzrhythmus zum Bewegen zwingt. Ansonsten dienen Keyboards und Gitarre lediglich als Ergänzung. Schon in diesem Song setzt die Band mehrfach auf den sich wiederholenden Ton der Keyboards (Piano), der die Rhythmik der Songs lediglich unterstreicht – wie z. B. auch später in The Lady Vanishes usw. Dem können sie sich übers Album kaum entziehen.
Die Gitarren tragen einen natürlichen, organischen Charakter. Neben dem Zupfen einfacher Akkorde schlagen sie oft trivial „lesbare“, klar klingende Unisono-Linien ein, die aus bloß ein paar Tönen bestehen – von der Band als gelegentliche Verzierung eingesetzt, vor allem in den Übergangsteilen, den Passagen zwischen Strophe und Refrain. Damit beleben sie die Dynamik. Viel Klang füllen sie auch mit Vokalduetten (Rudi Fails). Das Wiederholen von Motiven wurde bereits erwähnt. Besonders der schlichte Einsatz der Keyboards. Das wirkt hypnotisch, ist dabei aber extrem leicht verdaulich. Fürs Radio und MTV heutzutage potenziell äußerst gefällig. Ein tausendmal durchgekauter alter, aber bewährter Trick, der in bizarreren Dimensionen Bands wie Killers oder Snow Patrol Erfolge beschert.
White Rabbits sind Amerikaner, die englisch klingen. Sie schaffen eine düstere Atmosphäre, aber gleichzeitig spürst du im vokalen „Gallaghertum auch etwas Dylanesk“ (Company I Keep). Zudem sind in diesen Repetitionen des eingesetzten Minimalismus Vergleiche sogar mit Bands wie Radiohead, The Walkmen und Underworld möglich.
White Rabbits definieren mit „it’s Frightening“ das Bild des Indie-Rock-Sounds noch klarer. Sie klingen süß, simpel, schnell ansteckend. Keine Komplikationen irgendwo. Die Motive sind prägnant, die Songs klar und kompakt. Dabei drückt die Band auch ein tiefes Gespür für Melodie aus, das sie in ihrer Definition der musikalischen Ansätze konsequent und wirkungsvoll einsetzt. Die aufgebaute Atmosphäre kann mitunter leicht gruselig sein, wie etwa in Lionesse, wo die Band eine kontrastreich dreidimensionale Stimmung aufbaut – auf der Achse des Nebeneinanders dissonant gestimmter Keyboard-Ausbrüche, lautstark unterlegter Rhythmik und hoch angesetzter melodischer Vocals. Das muss aber nicht so sein. Gelegentlich lässt sich das Gruseln auch anders erreichen – in einem verträumten Song wie Midnight And I, wo sie einen Gitarrenakkord im Kontrast zum düsteren Touch der Keyboards verschmieren.
„It’s Frightening“ bringt keine musikalische Revolution, sondern baut auf Recycling. Es orientiert sich an Trends und versucht, sich seinen Platz zu erkämpfen. Die Trends im Indie-Rock sollen auf eigene Weise verarbeitet werden. Das größte Ass der Band ist der Aufbau einfacher, aber solide fundierter Rhythmen, auf denen die melodisch ausformulierte Aussage der Leitmotive ruht. Die Atmosphäre ist überwiegend düster, und das Album wirkt tatsächlich dem Titel entsprechend „verängstigt“. Die Zeit wird zeigen, ob der Markt übersättigt ist oder ob genug Platz für eine neue Geschichte über kommerziellen Erfolg bleibt. In dieser Hinsicht sollte man bedenken, dass Talent (über das man auf „It’s Frightening“, Hand aufs Herz, nicht viel erfährt) nicht annähernd so eine große Rolle spielt wie der Wille der Labels und Radiofrequenzen, auch aus White Rabbits einen ordentlichen „Taler“ herauszuschlagen. „It’s Frightening“ ist kein intelligentes Album im Sinne von Frische und kreativem Antrieb, der überraschen und begeistern könnte, sondern vor allem ein vorsichtiges Album, das möglichst vielen – besonders weniger anspruchsvollen – Hörern gefallen will.
Besetzung
Gregory Roberts – Gesang, Gitarre
Stephen Patterson – Gesang, Piano
Alexander Even – Gitarre, Backgroundgesang
Brian Betancourt – Bassgitarre
Matthew Clark – Schlagzeug, Percussion
Jamie Levinson – Schlagzeug
Produktion
Britt Daniels
Trackliste
1. Percussion Gun (3:08)
2. Rudie Fails (3:24)
3. They Done Wrong / We Done Wrong (4:30)
4. Lionesse (3:10)
5. Company I Keep (4:10)
6. The Salesman (Tramp Life) (2:50)
7. Midnight and I (3:34)
8. Right Where They Left (3:29)
9. The Lady Vanishes (3:29)
10. Leave It at the Door (3:00)