(Intimer) Orgasmus auf der Metelkova (2014)
Autor: Urban Bolta
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Gromka (Metelkova) / Ljubljana / Slowenien
Konzertdatum: 22.04.2014
Besucherzahl: 150
Kartenpreis: 12€ (Vorverkauf) / 15€ (Abendkasse)
An der Wende von den Siebzigern zu den Achtzigern begannen mit einigen Jahren Verzögerung auch in Jugoslawien die modernen Musikströmungen aus Großbritannien einzusickern, wo New Wave und Punk schon lange das Zepter schwangen. Eines der Zentren des musikalischen Aufbruchs war natürlich auch Belgrad, wo die gymnasiale Jugend im Akkord neue Bands gründete: Es entstanden Idoli, Šarlo akrobata, Električni orgazam, kurz darauf auch Ekatarina velika. Von den genannten Bands sind heute nur noch Električni orgazam mit vollem Herzblut dabei – sie bauten sich durch die Achtziger eine schöne Karriere auf, verschwanden dann aber langsam aus den Radiosendern und den Medien.
Manchmal hauen sie noch immer feurig rein, was für eine handfeste Rückkehr auf die gesamtjugoslawische Szene aber zu wenig ist. Alles deutete schon darauf hin, dass die Veröffentlichung des Comeback-Albums »To što vidiš to i jeste« (Rezension HIER) ein Schritt in die richtige Richtung war – es war ihr erstes Album nach langen Jahren mit Distribution über den gesamten jugoslawischen Markt –, doch die ganze Sache versandete augenblicklich, und so blieb Ljubljana sogar ohne das bereits angekündigte Promotionkonzert. Wo es damals gehakt hat? Ich kenn die Antwort nicht.
Dann traf es ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel! Električni orgazam treten in der Gromka auf der Metelkova auf, in einem winzigen Club, dessen Ambiente für eine Band ihres Kalibers genau das Richtige ist. Die Jungs (und das Mädel) der Vorband International Rock’n’roll Circus mögen mir meine dienstlichen Verpflichtungen verzeihen, wegen derer ich mich erst tief nach zehn Uhr auf die Metelkova geschleppt habe – da hatte die Vorband das Publikum schon längst warmgespielt.
Die Hauptbesetzung des Abends, Električni orgazam, legte mit ihrem Auftritt bereits vor halb elf Uhr abends los, was angesichts der sonst üblichen Metelkova-Politik früh ist. Die Band spielt heute nicht viel, was im Eröffnungsteil des Konzerts am unkoordinierten Aufeinanderlegen des instrumentalen Geflechts auf die rhythmische Grundlage zu hören war; auch Gilets Gitarre sendete unseren Ohren anfangs etwas ungewohnte Klänge, was das Publikum aber überhaupt nicht störte – die kreischende Distortion war durch die gesamte Bandgeschichte hindurch das Grundelement der Rhetorik dieses Belgrader Kultkollektivs.
Električni orgazam begeisterten mit ihrem eigenständigen Ansatz jede einzelne Sekunde, denn ihre Ausdrucksbreite potenzierte sich im Konzert auf dem federnden Rock’n’Roll-Rhythmus und der Gitarren-Distortion, die gegenüber den Studiooriginalen vor allem durch die geringere Intensität von Đukićs Keyboards gewann. Dass Električni orgazam einst punkend den Boden aufgepflügt haben, war aus dem Flugzeug zu hören und zu sehen! Vor allem hatten diese musikalischen Wurzeln beim Frontmann Srđan Gojković – Gile tief angeschlagen – ein hagerer Mann in Iggy-Pop-Statur, in dem die gesamte Bandgeschichte steckt. Gilets Bühnenansatz setzt auf die Formel »weniger ist mehr«: Der grauhaarige Kerl kontrollierte mit minimalen Gesten und Bewegungen dank seiner Charisma den Konzertablauf mühelos, und selbst seinen eigentlichen Gesangsaufgaben gegenüber hatte er einen entspannten Ansatz. Aber es wirkte! Am Mikro wurde Gile stellenweise noch vom zweiten Originalmitglied abgelöst, Keyboarder Ljubomir Đukić – Ljuba, der den Frontmannjob vor allem bei Songs ohne Keyboard-Begleitung übernahm – dafür mit umso stärkerem elektrischen Punch, etwa bei Dokolica, Debela Djevojka oder Kako bubanj kaže.
Die Band ist auf ihr letztes Album »To što vidiš to i jeste« mächtig stolz, weshalb sie das gespielte Repertoire kräftig mit dessen Songs gewürzt hat, die gegenüber den älteren Klassikern der Band eine saftigere Arrangements-Struktur bieten. Pokaži mi (kakav je tvoj grad) mit seinem ausgeprägt funkigen Einschlag hat im Publikum mühelos Tanzschritte entfacht; auch das spätere Bliži suncu mit seiner lebendigen Anlage und längeren instrumentalen Passagen wirkte überzeugend stark, obwohl die Orgazmi nie auf Songs mit längerer Spielzeit gesetzt haben. Die Radio-Hits Bejbe ti nisi tu und Igra rock’n’roll cela Jugoslavija lockten aus der Menge auch vokale Mithilfe heraus, die im Laufe des Konzerts immer stärker wurde – denn das serbische Quintett hatte für den Abschluss eine Handvoll kultiger New-Wave-Brecher aus dem Debüt »Električni orgazam« (1981) aufgespart. Konobar, Krokodili dolaze und Zlatni papagaj trugen die Gromka beim nochmaligen Betreten der Bühne ein letztes Mal an diesem Abend in die Welt punkiger Zügellosigkeit der frühen Achtziger.
Električni orgazam hat es auf der Metelkova für einen Abend geschafft, den Geist der Belgrader New-Wave-Szene heraufzubeschwören, der trotz leichter Genre-Sprünge im Laufe der Karriere das Markenzeichen der Band geblieben ist. Ihre Auftritte im intimen Clubambiente, wie es dieses war, sind eine echte kleine Rarität – deshalb war das diesmalige Erlebnis noch viel eindringlicher als meine Premiere mit ihnen, als sie 2007 in Belgrad vor einem unüberschaubaren Meer von Menschen das Konzert für die Rolling Stones eröffneten. Angesichts der breiten Grinsen der älteren Bandfans, die mit der Distortion von Električni orgazam vor drei Jahrzehnten als Halbwüchsige aufgewachsen sind, war dieser Nostalgieabend definitiv ein Volltreffer!
Setlist
1. Sex droga nasilje i strah
2. Vudu bluz
3. Vi
4. Dokolica
5. Ne postojim
6. Ti to možeš
7. Pokaži mi (kakav je tvoj grad)
8. Kapetan Esid
9. Da si tako jaka
10. Bejbe ti nisi tu
11. Igra rock’n’roll cela Jugoslavija
12. Ja sam težak ko konj
13. Hajde bejbe (Daj da vidim sad)
14. Bliži suncu
15. Leptir
16. Spojimo se sad
17. Ja želim promene (Baby, baby, baby, baby)
18. Gde god odem
19. Debela devojka
20. Nemaš nikom ništa da daš
21. Kako bubanj kaže
22. Podjimo
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23. Konobar
24. Krokodili dolaze
25. Zlatni papagaj
26. Nebo
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27. Mentalno
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