Interview mit Jim Gilmour, Keyboarder von Saga (2007)

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Autor: Peter Podbrežnik

Datum des Interviews: 04.12.2007

Der schottische Keyboarder Jim Gilmour ist schon seit Anfang der 80er, genauer gesagt seit dem dritten Album „Silent Knight“ (1980), die kurze Pause in der zweiten Hälfte der 80er nicht mitgezählt, Mitglied der kanadischen Art-Rock-Größen Saga. Neben den Crichton-Brüdern ist Jim eines der drei wichtigsten Bandmitglieder und probiert sich hin und wieder auch als Solomusiker aus und wirkt bei verschiedenen Nebenprojekten mit. Im Gespräch mit dem Rockline-Team gab er einige seiner Ansichten preis, vor allem zur Zukunft der Band nach dem Abgang von Sänger Michael Sadler, zur Tour, zum aktuellen Album und zu seinen gelegentlichen Ausflügen in die kanadische Wildnis.

Rockline: Wie zufrieden bist du mit dem Verlauf dieser Tour, auf der ihr unter anderem auch das 30-jährige Bandjubiläum feiert?
Jim Gilmour: Die Tour war bisher wirklich sehr erfolgreich. Fast jeden Abend war ausverkauft. In den letzten vier, fünf Tourjahren sind unsere Shows wieder immer besser besucht. Das liegt wohl vor allem daran, dass wir in diesen letzten Jahren wieder Musik machen, die den Wünschen und Erwartungen unserer Fans entspricht.

Rockline: Aktuell habt ihr mit „10,000 Days“ ein neues Album draußen. Was waren die größten Unterschiede beim Songwriting und Aufnehmen im Vergleich zum Vorgänger „Trust“? Jim Gilmour: Der Hauptunterschied war, dass wir diesmal praktisch keine Zeit hatten, ein neues Album aufzunehmen, weil sich unser Label ziemlich spät dazu gemeldet hat. Deshalb mussten wir bei der Entstehung ordentlich Gas geben. Weil wir alle aktiv Musik schreiben, hatten wir eine große Auswahl an Ideen. Im Studio in Los Angeles haben wir in zwei Wochen den Großteil der Arrangements geschrieben, ein paar fertige Sachen haben wir auch übers Internet verschickt. Nur 14 Tage haben wir gebraucht, um alle Keyboard-Parts einzuspielen. Bei „Trust“ hatten wir mehr Zeit zum Schreiben.

Rockline: Die Entstehung von „10,000 Days“ war also von großer Hektik geprägt?
Jim Gilmour: Ja, dieses Projekt ist in großer Eile entstanden. Aber wir haben wirklich mit vollem Einsatz daran gearbeitet, und viele Leute haben das Album am Ende besser aufgenommen als seinen Vorgänger. Unser Label hat sogar vorgeschlagen, noch das eine oder andere Album in so einer Hauruck-Aktion und unter Druck aufzunehmen, weil das Ergebnis so erfolgreich war. Aber ich habe ihnen klargemacht, dass ich damit nicht einverstanden bin.

Rockline: Wie siehst du die Situation mit eurem Sänger Michael Sadler, der die Band nach 30 Jahren verlässt?
Jjim Gilmour: Klar waren wir traurig, dass er geht, aber für uns ist das keineswegs das Ende der Welt. Wir planen, mit unserer musikalischen Mission weiterzumachen. Im Moment zerbrechen wir uns noch nicht den Kopf darüber, wie es weitergeht. Wenn wir die Tour zu Ende gebracht haben, gönnen wir uns über die Weihnachtsfeiertage ein bisschen Pause, und dann machen wir uns Anfang nächsten Jahres, wahrscheinlich schon im Januar, an die Suche nach einem Ersatz beziehungsweise lüften wir unsere Zukunftspläne.

Rockline: Wenn wir mal durch eure Diskografie gehen: Welche Alben und Songs gehören zu deinen Favoriten beziehungsweise bedeuten dir am meisten?
Jim Gilmour: Normalerweise mag man immer die Sachen am liebsten, an denen man zuletzt gearbeitet hat. Wenn ich mein Lieblingsstück von unserem neuen Album wählen müsste, wäre es das Instrumental „Corkentellis“. Von den Alben würde ich „Worlds Apart“ als das wichtigste hervorheben. Für dieses Album haben wir sechs Monate gebraucht, und das hört man ihm auch an. Es enthält einige unserer besten Sachen. Sehr gern mag ich auch das Album „Generation 13“. Es gibt aber auf jeden Fall auch ein paar Alben, die mir ziemlich egal sind.

Rockline: Du meinst wahrscheinlich die Alben „Pleasure & The Pain“ und „Steel Umbrellas“, die große stilistische Schwankungen hatten und von eurem typischen Sound abgewichen sind. Auch eure treuesten Fans lieben diese beiden nicht gerade.
Jim Gilmour: Ja, ein Beispiel dafür ist das Album „Pleasure & The Pain“, um das ich mich nicht mal mehr ein bisschen schere. „Steel Umbrellas“ hat ein paar helle Momente, aber man merkt ihm an, dass es nicht als Album gedacht war, sondern als Filmmusik für eine Fernsehserie. Das ist der Hauptgrund, warum diese Songs stilistisch so anders waren. Danach mussten wir das Ganze als Album veröffentlichen, sodass wir am Ende nicht viel Wahl hatten.

Rockline: Wie erinnerst du dich an die Zeit in der zweiten Hälfte der 80er, als du eine Weile nicht Teil der Band warst? Ich weiß, dass du damals zusammen mit dem ehemaligen Saga-Drummer Steve Negus ein gemeinsames Projekt namens Gilmour-Negus Project veröffentlicht hast.
Jim Gilmour: Ja, Steve und ich haben damals das erwähnte Album bei Virgin herausgebracht. Für dieses einzige gemeinsame Album sind wir auch auf Tour gegangen. Das Album hat die Welt nicht aus den Angeln gehoben (lacht). Auf jeden Fall war es eine interessante, andere Erfahrung. Wie damals nehme ich bei einem Soloalbum auf, was immer ich will. Wenn ich an Soloprojekten arbeite, laufen keine Leute um mich herum, die mit allen möglichen eigenen Wünschen ankommen. Zum Beispiel, wo ein bestimmtes Gitarrensolo hinsoll. Bei Solosachen haben natürlich die Keyboards Vorrang.

Rockline: Und wie sieht es aktuell mit deiner Solokarriere aus? Hast du dort neue Pläne?
Jim Gilmour: Eigentlich geht es da nicht um eine Karriere, sondern eher um ein Nebenprojekt. Bisher habe ich zwei Soloalben veröffentlicht. Zuletzt arbeite ich an einem Nebenprojekt für eine andere Band. Dort werde ich hauptsächlich E-Piano spielen. Außerdem ist bei dem Projekt Tony Levin als Bassist dabei, es wird also eine ziemlich druckvolle Sache. In der Zeit werde ich bestimmt auch ein Solostück aufnehmen.

Rockline: Kannst du uns sagen, wer den größten Einfluss auf dein Keyboard-Spiel hatte?
Jim Gilmour: Mein größter Einfluss war Eddie Jobson von UK. Er war der Hauptgrund, warum ich überhaupt mit den Keyboards angefangen habe. Ich habe auch großen Respekt vor Keith Emerson. Aber es war Eddie Jobson, der ungefähr in meinem Alter ist, wegen dem ich mir damals meinen ersten Yamaha-CNC-Synthesizer zugelegt habe. Mit den Keyboards habe ich erst mit 20 angefangen, mit dem Klavier mit 17, ich musste also ordentlich üben, wenn ich an dieses Niveau herankommen wollte.

Rockline: Habt ihr für heute Abend etwas Besonderes vorbereitet, wo es doch der letzte Termin dieser Tour und euer letzter Europa-Auftritt mit Michael ist? Gibt es vielleicht Überraschungen bei der Setlist?
Jim Gilmour: Größtenteils spielen wir das, was wir auf der ganzen Tour gespielt haben, aber ich glaube, wir bauen auch ein paar Überraschungen ein. Wir versuchen, dass das Ganze nicht traurig rüberkommt, denn es ist nichts Dramatisches. Das Leben geht weiter. Michel hat jetzt eine andere Lebensweise für sich gefunden, und wir bleiben weiter gute Freunde. Zwischen uns gibt es keinerlei negative Gefühle.

Rockline: Ist das für Saga ein Neuanfang oder die Fortsetzung von etwas, das es bis dahin schon gab?
Jim Gilmour: Ich glaube, diesmal werden wir versuchen, etwas ein bisschen anderes zu machen. Wir können uns ja nicht einfach selbst kopieren. Wie es weitergeht, sehen wir wirklich erst in ein paar Monaten.

Rockline: Ihr macht also nach dem Ende dieser Tour eine Pause?
Jim Gilmour: Ja, zumindest ich muss, denn meine Hand ist schon richtig geschwollen (lacht). Nächstes Jahr nehme ich wahrscheinlich auch etwas Musik fürs Theater auf. Wir gönnen uns etwas Pause, aber nicht zu lange.

Rockline: Und was machst du am liebsten, wenn du gerade keine Musik machst oder von der Tour nach Hause kommst? Hast du irgendwelche besonderen Hobbys?
Jim Gilmour: Mein Lieblingsding auf der Welt ist ein Ausflug in die kanadische Wildnis. Da verbringe ich zwei, drei Wochen im Busch, im Kanu, beim Angeln oder beim Zelten.

Rockline: Was sind die größten Unterschiede, wenn du das europäische, kanadische und amerikanische Publikum vergleichst?
Jim Gilmour: Unterschiede gibt es definitiv. Unser Publikum in Europa zeigt deutlich mehr Emotionen. Aber auch zwischen den einzelnen europäischen Ländern gibt es spürbare Unterschiede. In den meisten deutschen Städten haben wir vom Publikum regelrechte Euphorie erlebt. Am Samstag spielen wir unsere letzte Show dieses Jahres in Puerto Rico. Von ihrem lateinamerikanischen Temperament können wir besonders einen riesigen Ausbruch aufgewühlter Gefühle erwarten.

Rockline: Der heutige Auftritt ist ausverkauft. Die Leute in Deutschland lieben Saga offensichtlich.
Jim Gilmour: Ja, wir haben hier viel Zeit verbracht, und ein paar Saisons haben wir sogar hier gelebt. Trotzdem finde ich keine richtige Antwort darauf, warum sie unsere Musik hier lieber mögen als zum Beispiel in den USA.

Rockline: Wie würdest du eure Musik einordnen? Die meisten Leute zählen euch zu den Progressive-Rock-Bands. Oft auch zum Art Rock.
Jim Gilmour: Ja, das sind einige der Etiketten, die uns die Leute verpassen, wenn sie versuchen, unsere Musik einzuordnen. Ich denke, unsere Musik ist etwas ganz Besonderes. Sie unterscheidet sich auch deutlich von den meisten Progressive-Rock-Bands. Sie kann einerseits viele Prog-Rock-Elemente enthalten, andererseits können wir auch Liebesballaden machen, die meist eher den Mädels gefallen. Wenn wir wollten, könnten wir auch irische Musik machen, wo ich ja Schotte bin, und Jim und Ian Iren. Wir haben auch in Kneipen gespielt, und ich spiele hin und wieder auch Jazz. So können wir viele verschiedene Elemente anbieten, die die Leute in unserer Musik bis dahin noch nicht gehört haben.

Rockline: Werdet ihr in Zukunft noch ein Konzeptalbum wie „Generation 13“ aufnehmen?
Jim Gilmour: Vielleicht. Ich mag den Konzeptansatz generell. Wir werden sehen, wohin uns die musikalischen Ideen der Zukunft führen. Normalerweise entscheiden wir vorher nicht, dass etwas ein Konzept sein soll, sondern es ist ein ganz natürlicher Prozess, der beim Musikmachen passiert.

Rockline: Aber eure Science-Fiction-Geschichte über Einsteins gestohlenes Gehirn, die in Kapiteln in Abständen auf einigen eurer Alben auftauchte, ist jetzt definitiv zu Ende?
Jim Gilmour: Ja, das können wir nicht endlos weiterführen. Das würde langsam zu billig (lacht).

Rockline: Wie läuft das Aufnehmen eurer Musik normalerweise ab?
Jim Gilmour: Normalerweise ist es ein kollektiver Ansatz. Bei den letzten paar Alben haben allerdings Jim, Ian und ich die meisten Ideen beigesteuert. Als Beispiel für das Komponieren unserer Stücke nenne ich den Song „On The Air“ vom Album „Network“, der aus meiner Sammlung verschiedener Ideen entstanden ist. Aus diesen Ideen hat Jim am Ende die beste ausgewählt, und gemeinsam haben wir sie dann ausgebaut und passend ausgearbeitet. Manche Sachen passieren ziemlich spontan, manchmal muss man aber ordentlich schuften, bis ein interessanter Teil dabei herauskommt. Um noch das Instrumental „Corknetellis“ von unserem neuen Album zu erwähnen: Ich habe persönlich viele der zentralen Motive beigesteuert. Im Sommer in Berlin haben wir die einzelnen Abschnitte am Computer ausgearbeitet. Wir halten uns nie an eine bestimmte Formel, sondern gehen jedes Mal anders an die Entstehung heran.

Rockline: Was hält euch nach all den Jahren immer noch aufrecht?
Jim Gilmour: Vor allem unser Publikum. Am Ende einer Tour sind wir meistens ziemlich müde, aber dieses Gefühl, auf der Bühne zu stehen und so viel Unterstützung vom Publikum im Rücken zu haben, ist unglaublich.

Rockline: Hast du noch eine Botschaft für unsere Leser?
Jim Gilmour: Ich würde gern alle unsere slowenischen Hörer grüßen. Eines Tages würden wir auch bei euch vorbeischauen.

Rockline: Das wäre wunderbar. Leider ist es bei uns immer noch ein Problem, Konzerte von Bands zu organisieren, deren Musik nicht jeden Tag im Radio oder Fernsehen läuft. Wir sind ein kleines Land und haben einen kleinen Markt. Langsam wachsen wir zwar auch in dieser Richtung, aber es braucht noch einen langen Weg, bis wir das Konzertniveau erreichen, das für die westliche Welt typisch ist. Hoffen wir, dass sich in Zukunft die richtigen Leute zusammenfinden, die Saga auch nach Slowenien holen können.
Jim Gilmour: Das würde uns wirklich freuen.

Rockline: Vielen Dank für das Interview, Jim. Wir wünschen dir einen erfolgreichen Auftritt.

Interview geführt von: Peter Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

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