Infra & Ultra (3LP)
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Siddharta
Label: Nika Records
Erschienen: 2016
Wertung: 4.5/5
Siddharta ist eine Band, von der ich guten Gewissens behaupten kann, dass sie die führende Formation in der slowenischen Musikszene ist. Das legendäre Quintett hat 2015 in einem halbjährigen Abstand zwei neue Studioalben veröffentlicht. Das erste war »Infra«, das im Juni erschien, »Ultra« folgte noch vor Ende desselben Jahres.
Die Band hat so bereits 2015 auf sehr konkrete Weise die ersten fünfundzwanzig Jahre ihres Bestehens gefeiert. Mit beiden aktuellen Studioalben hat sie künstlerisch das Beste geliefert, was sie derzeit drauf hat, und zugleich die Kritik mit diesen Werken erneut daran erinnert, dass die Qualität von Siddhartas Kunstschaffen eine Konstante bleibt und dass sich Sound und Stil der Band weiterhin evolutionär weiterentwickeln. Diese letzte Beobachtung ist eigentlich das Wesen jedes Bereichs künstlerischen Schaffens.
»Infra« und »Ultra« sind Geschwisteralben, im expressiven Sinne quasi siamesische Zwillinge, weshalb ihr gemeinsames Dasein auf demselben Tonträger vollkommen sinnvoll ist – eigentlich selbstverständlich. Galt »Infra« als das Album, das nach dem etwas eilig entstandenen »VI« (2011) den Sentiment früherer Zeiten in das Ausdrucksformat des Band-Artismus zurückbrachte (denn es sind einige Songs auf dem Album, die mühelos auf den ersten drei Alben der Band hätten landen können), so hat »Ultra« bei ansonsten vertrauter artistischer Rezeptur der Band einen Hauch stilistischen und klanglichen Experimentierens hinzugefügt. Mit der Entscheidung der Band, beide Alben auf Tripel-Vinyl herauszubringen, setzt sich die Bandfeier auch 2016 fort. Im Zuge des ersten »25-Jährigen« haben sich die Bandmitglieder entschlossen, auch ein neues Video zu drehen – und zwar für den Song Do konca (den ihr unten in voller Länge sehen könnt).
Die Idee der Bandmitglieder, die Feier ihres 25-jährigen Bestehens zu verlängern, erscheint aus mehreren Gründen nachvollziehbar. Der erste ist sicher der, dass dieser Schritt Siddharta aktuell hält und damit medial präsent, der zweite ist, dass die Jungs in ihrer Karriere etwas völlig Neues ausprobiert haben, als sie sich auf dieses Projekt einließen. Der dritte ist, dass die Vinyl-Veröffentlichung, wenn auch nicht vollständig neu, doch eine spürbar andere Geschichte ist als die Original-CDs, auch wenn der musikalische Inhalt auf dem Tripel-Vinyl im Grunde identisch bleibt – also in identischer Track-Reihenfolge »zusammenaddiert«. Noch etwas Mathematik: Die ersten drei Seiten des Tripel-Vinyls, also A, B und C, gehören dem Album »Infra«, auf den nächsten drei Seiten, also D, E und F, befindet sich das komplette Album »Ultra«.
Für die Vinyl-(Re)veröffentlichung wurde das gesamte Material beider Alben einem Remastering unterzogen, das speziell auf die Übertragung auf Vinyl ausgerichtet wurde. Angeblich haben die Bandmitglieder die remasterten Aufnahmen im Vorfeld gleich zweimal abgelehnt, weil sie mit den Ergebnissen schlicht nicht zufrieden waren. Die Mission ist geglückt. Die Songs reagieren in der neuen klanglichen Umgebung nämlich deutlich anders als in der CD-Version. An der Oberfläche des Vinyl-Remasterings treten so manche Nuancen bzw. Schattierungen des Arrangements hervor, die in der Klanglandschaft der CD-Version zuvor nicht so gut wahrnehmbar waren oder beim Anhören anders wirkten (sich beim Abspielen anders verhielten). Die Hauptentdeckung beim neuen Sound ist natürlich die organische Wärme, die dem Werk natürlich gefärbte Töne verleiht. Vor allem ist der »Boden« des Klangbilds reicher – also das Wirken der tiefen Töne und die Färbung des Tieftonbereichs des Klangspektrums. Es geht vor allem um die deutlichere Betonung der Basslinien, die mehr Volumen und breiteren Raum im Klangbild bekommen – und damit einhergehend auch einen kräftigeren Drumsound.
In der Gesamtbilanz führt das neue Klangkolorit zu mehr »Groove«-Sogwirkung sowie neu konturierten und betonten Stimmungszuständen und Atmosphären. Auch Tomis Vocals, als einziges »organisches Instrument«, wirken in der Expression noch organischer, wobei seine Emotionen im leidenschaftlichen Ansatz dieses hervorragenden Vokalisten noch intensiver »greifen« – auch wenn der Gesang in der neuen Kulisse tiefer ins Instrumentalarrangement eingebettet ist. Zugleich wird auch der Kern mancher anderer Arrangementdetails der Songs besser wahrnehmbar, etwa beim Einsatz von Hintergrundgesang. Die Gitarren klingen fetter und voller. Sie schaffen nicht nur effektiver einen ausgewogenen Dialog mit Tomaž‘ Keyboards, sondern übernehmen öfter die Initiative bei der Erschaffung der Klangwand der musikalischen Begleitung.
Unterm Strich ist dieses Tripel-Vinyl für alle Fans der Band schlicht Pflicht – und wenn du ein echter Audiophiler bist und natürlich vorausgesetzt, dass dir Sidharta stilistisch liegt, wirst du gar nicht erst daran denken, dir die CD-Versionen zuzulegen. Für mich persönlich steht fest: Beide Alben laufen von jetzt an nur noch auf Vinyl. Gleichzeitig ist die Entscheidung der Band, beide Alben zum 25-jährigen Bestehen auf Vinyl herauszubringen, eine wunderschöne Hommage an ihre Fanbasis. Das ist also dieser berühmte Siddhartas Perfektionismus, genannt »do konca«!
Die RockLine-Rezension des Albums „Infra“ (2015) könnt ihr HIER lesen.
Die RockLine-Rezension des Albums „Ultra“ (2015) könnt ihr HIER lesen.
Siddharta – Do konca (offizielles Video):
Besetzung
Tomi M. – Gesang, Gitarre
Primož B. – Gitarre, Hintergrundgesang
Tomaž O. R. – Keyboards, Hintergrundgesang
Jani H. – Bassgitarre, Hintergrundgesang
Boštjan M. – Schlagzeug
Produktion
Dejan Radičević
Tracklist
LP INFRA:
Seite A
1. Dios
2. Do konca
3. Onna
Seite B:
4. Ledena
5. Da Sedere
6. Phatyuppie
Seite C:
7. Diamanti
8. Love Love
9. Piknik
10. Gianna
LP ULTRA
Seite D:
11. Volk Q Ovce
12. Premladi
13. Nastalo bo
14. Flip
Seite E:
15. Calvi
16. Dolga pot domov
17. Terminal
18. Korakamo
Seite F:
19. In Levitation (feat. Umek)
20. Strele v maju (feat. Urban)
21. Road (Bonus – Siddharta Crew)