Inconstantinopolis
Künstler: Analena
Label: Moonlee Records
Erscheinungsjahr: 2009
Laufzeit: 34:53
Wertung: 4/5
„Inconstatinopolis“ ist der Nachfolger des Albums „Carbon Based“, das die Zagreber Gruppe Analena vor fünf Jahren veröffentlicht hat, und ihr zweites in Folge für das unabhängige Label Moonlee Records. Warum wir so lange auf gerade mal knappe 35 Minuten Musik gewartet haben, wird irgendwie zur überflüssigen Frage, sobald man sich erst ins Material „verbeißt“.
Analena beweisen, dass sie exzellente Musiker sind, die auf druckvollen, soliden Gitarrenmustern aufbauen und den Raum mit Gitarren effektiv füllen. Diese sind so ausgerichtet, dass sie vielfach effektiv ein krachendes, dissonantes Geräusch freisetzen, das den Großteil des Klangbildes überlagert. Dabei ist es nicht zwingend, dass sie immer nur eine einzige Phrase spielen. Oft hält sich (vereinfacht gesagt) etwa eine Gitarre an ihre (eigene) Gitarrenphrase, während die andere darüber ein anderes (eigenes) motivisches Muster „fährt“ – das zum Beispiel bloßes, mit der Handfläche gedämpftes Zupfen sein kann (Strophe im Eröffnungsstück 108: Cedar Calling Down) –, was eine gelungene Ergänzung zur erwähnten Ausnutzung des verfügbaren Klangraums darstellt. Genau dieser Kontrast im Gitarreneinsatz, der eine interessante melodische Kombination in dieses Stück bringt, lenkt sofort die gesamte Aufmerksamkeit des Hörers auf das Album „Inconstantinopolis“. Das soll auch die Funktion des Eröffnungsstücks jedes Albums sein – und darin waren Analena diesmal sehr erfolgreich.
Auch der weitere Verlauf des Albums bestätigt, dass Analena Stücke schaffen, die in ein grundlegendes Punkgerüst mithilfe der Gitarren ein ganz schönes Paket an Melodie einbringen – eine Melodie, die unter anderen Umständen noch zugänglicher sein könnte. So aber werden Vocals hinzugefügt, Gesangskombinationen, die manchmal so nervig wirken, dass sie einen buchstäblich an die Grenze der Erträglichkeit treiben. Nerven aus Stahl brauchst du, um damit fertigzuwerden. Egal ob der weibliche Gesang klar ist – er sucht oft die Kurven der Dissonanz und geht ins Kreischen über –, in Kombination mit männlichem Gebrüll erhält die Musik ein Attribut, das gelegentlich typisch für das ist, was man in den „-core“-Genres antrifft. Die Refrains von Valley Of Things und Off With My Heads tragen melodische Riff-Linien, die von den Vocals im Kreischen und punkig bellenden Ausbrüchen buchstäblich zerfetzt werden – und die Musik gewinnt dadurch eine neue, ganz andere Qualität. Diese interessante Kombination wirkt ziemlich ungewöhnlich, und beim ersten Hören kann man dieses „Detail“ sehr leicht überhören. Heads Or Tails ist der Moment des Albums mit der meisten erhaltenen Melodiosität. Dieses Stück bedient sich in der Strophe Gitarrenmotiven, die sogar jene zu schätzen wüssten, die auf die wesentlich gefälligeren MTV-Lieblinge Editors oder Interpol stehen. Auch im Refrain bewahren Analena hier die Melodiosität, trotz des Einsatzes einiger „Screamo“-Tricks moderner Alternativkonzepte. Dieses Stück klingt auf dem Album am ohrfreundlichsten, und vielleicht wäre es für die Band überlegenswert, es als „Single“ herauszubringen oder anderweitig zu versuchen, es tiefer in den Markt zu „drücken“ (Videodreh usw.)
Besonders im ruhigeren „Verweben“ der Gitarrenmuster (Strophen) streifen Analena oft unbeabsichtigt einige Elemente des Post-Punk-Rocks (Horror Vacui). Kontrastierend dazu gesellt sich auch eine voluminöse Basslinie, und die Musik gewinnt an dynamischer Beweglichkeit und Authentizität (Garagen-Lebendigkeit). Ansonsten ist die durchgehend kontrastreiche und arrogant pulsierende Rhythmuslinie dem simplen Garagen-Drive verschrieben, was das Gefühl von Rohheit und Lebendigkeit der Stücke weiter unterstreicht.
„Inconsantinopolis“ ist keine alltägliche Platte, die man sich oberflächlich durch den CD-Player laufen lassen könnte, bloß um dabei zu headbangen. Analena gelingt es, diese Trivialität zu überwinden, und sie stellen in ihrer Predigt eine Absprungplattform für ein neues Qualitätsniveau bereit – das Niveau, auf dem die Stücke so strukturiert sind, dass sie dir noch lange im Ohr bleiben und mit dir wachsen. Doch wenn sie dir erst unter die Haut gehen, wirst du dem Album „Inconstantinopolis“ mehr als dankbar sein. Wie einem guten Freund für einen selbstlosen Gefallen. „Punk“, der den Hörer noch sehr lange belohnt. Analena besitzen auch einen Hauch von Experimentierfreude. Gerade das Titelstück kann sich einer größeren Dosis davon rühmen. Es ist aus mehreren motivischen Strukturen zusammengesetzt, die sich durch das Stück winden – Analena fügen darin einen Hauch von Spontaneität und Unvorhersehbarkeit hinzu und sorgen gleichzeitig dafür, dass das Stück durchgehend den roten Faden, den Sinn und seine gesamte Integrität bewahrt.
Analena sind absolute Ausnahmeerscheinungen. Kaum zu vergleichen – ihr Ausdruck auf „Inconstantinopolis“ wirkt frisch, inspiriert und neugierig. Grob könnte man sie als Alternative Rock bezeichnen, der im Kern Punk ist, aber mit Ausreißern Richtung Hardcore wie auch Post-Punk. Doch klare Genre-Definitionen beanspruchen Analena nicht für sich, und das ist ungemein begeisternd – denn das bedeutet, dass sie ihr eigenes Feld der Wiedererkennbarkeit und Einzigartigkeit gefunden haben. „Inconstantinopolis“ ist für die Band ein kräftig dosierter Schritt nach vorne. Damit bewahrt die Gruppe weiterhin die spöttische Haltung des rebellisch-avantgardistischen Punk-Charmes, mit einer ordentlichen Dosis Trash auf der einen und hoher Intelligenz auf der anderen Seite. Gerade mal 35 Minuten Musik, die in erster Linie besonders all jenen Feinschmeckern der alternativen Musik auf den Leib geschrieben ist, die geduldig, aufgeschlossen und nervenstark sind!
Besetzung
Ana
Mijo
Miran
Zet
Trackliste
1. 108:Cedar Calling Dawn
2. Comic Relief
3. Valley Of Things
4. Off With My Head
5. Horror Vacui
6. Inconstantinopolis
7. City Of Sunday Afternoons
8. Life In Exclamation Marks
9. Heads Or Tails
10. Seven Cakes Of Toilet Soap: An Alternative Ending