I Will Survive
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: Seventh Key
Label: Frontiers Records
Erscheinungsjahr: 2013
Spielzeit: 53:21
Wertung: 5/5
Wenn dich interessiert, wie ein perfektes Melodic-Rock-Album – oder kurz gesagt ein Hard-Rock-Album – aussieht, lohnt sich ein Blick auf das neueste Werk der Band Seventh Key namens I Will Survive. Das ist ein Album, bei dem alle Elemente auf den Punkt absoluter schöpferischer Brillanz zusammenfallen. Weiter zu gehen ist kaum möglich. Was Komposition und Produktion angeht. Das ist ein Album, das alles hat.
Die Partnerschaft zwischen dem Amerikaner Billy Greer und dem Briten Mike Slamer ist lang und reicht bis in die Zeiten der Band Streets zurück. Also in die frühen Achtziger. Billy Greer war all die Jahre bei Kansas persönlich so etwas wie der verborgene »siebte Schlüssel« der Band. Er hat stets außergewöhnliche Arrangierfertigkeiten unter Beweis gestellt. Das belegt das Debütalbum »Seventh Key« aus dem Jahr 2001 – Greer hatte damals die Hälfte der Songs, die ursprünglich für seine Stammband gedacht waren, darauf untergebracht. Kansas. Billy ist nach wie vor eng mit den Mitgliedern von Kansas verbunden. Immer noch, weil er ein Teil davon ist – und Kansas-Kollegen sind daher auch regelmäßig auf Seventh Key-Werken zu Gast. Da der Apfel nicht weit vom Stamm fällt, finden sich auf Seventh Key-Werken jede Menge arrangiertechnischer und atmosphärischer Parallelen zu Klang und Werk von Kansas. Auch das neue Seventh Key-Album »I Will Survive« macht da keine Ausnahme.
Slamer ist ein Musiker, der ein echter Studio-Zauberer ist. Mit Greer harmoniert er brillant. Greer besitzt den perfekten Gesang für Melodic Rock. Einen Gesang, der beim chorischen Harmonisieren direkt in die Pomposität der Refrainmelodien greift, wie wir sie von Kansas und/oder Styx kennen. Wenn man diese beiden Bands erwähnt, wird klar, dass das musikalische Erbe des neuen Seventh Key-Werks künstlerisch sehr, sehr weit über dem Durchschnitt der Veröffentlichungen im heutigen Hard-Rock-Bereich liegt. Slamer aber ist ein Mann, der genau weiß, wie man sich im Studio zu bewegen hat! Er weiß genau, was zu tun ist, damit das Arrangement im melodischen Ergebnis sofort zündet. Schon beim ersten Durchlauf eines beliebigen eigenen Songs. Der Mann hat seine großen Fähigkeiten auch in der Hard-Rock-Band Steelhouse Lane unter Beweis gestellt. Es handelt sich um einen brillanten Gitarristen, der den richtigen Gitarren-Riff in einen Song einzubringen versteht und gleichzeitig ein außergewöhnliches Gespür für die Brillanz der gitarristischen Improvisationseinlagen besitzt. Jede Note, jede Geste, die auf irgendeine Weise mit der Entstehung dieses Albums verbunden ist, hat darin ihren richtigen Platz gefunden. Deshalb handelt es sich in dieser Hinsicht um ein Meisterwerk.
Neun Jahre sind seit der Veröffentlichung des Vorgängers »The Raging Fire« (2004) vergangen. Ganze neun Jahre. Das ist auch ein ausreichend langer Abstand, damit bei den außergewöhnlichen Talenten und der Erfahrung, die Greer und Slamer besitzen, die Ideen bis zur Phase absoluter Perfektion reifen können, wenn sie sich in der Kompaktheit der melodischen Eingängigkeit der Songs vereinen.
Das neue Seventh Key-Album ist unvergleichlich abwechslungsreicher als seine beiden Studiovorläufer. Sowohl was die Auswahl der tragenden Ideen betrifft, die die einzelnen Kompositionen aufbauen, als auch in dem Sinne, dass das Album als Ganzes eine Spur progressiv wirkt. Auf eine solche spürbare Abweichung stoßen wir bereits bei der Eröffnung des Albums mit dem Titelsong I Will Survive. Klanglich ist das neue Album eine Fortsetzung des Weges beider Vorgänger. Kompositorisch hingegen überrascht es überaus positiv und angenehm, da man hätte erwarten können, dass Seventh Key lediglich den mit dem Album »The Raging Fire« eingeschlagenen künstlerischen Weg weiterführen würden. Doch sie haben noch höher gegriffen und sind einen Schritt weiter gegangen.
Im Titelsong sind natürlich alle typischen Elemente der eingängigen melodischen Rhetorik von Seventh Key zusammengefasst, und der Song ist zusätzlich mit Improvisationseinlagen von Keyboards und Gitarre gewürzt, die ihm vor allem im mittleren und abschließenden Teil das typische, von Kansas geerbte Progressive-Element verleihen. Diesem Song kommen Seventh Key in der Arrangierform noch ein weiteres Mal einen Schritt nahe. Und kurz vor dem Ende des Albums, mit dem Schlusssong I Want It All. Die außerordentliche Abwechslung der Stimmungen und die hohe dynamische Entfaltung des Geschehens auf dem Album werden auch vom organisch klingenden, sanft lebhaften, mystischen Sea Of Dreams aufrechterhalten, wo das Team erneut mit außergewöhnlicher Farbgebung der Leadgesänge beeindruckt, die bravourös von harmonischen Begleitstimmen untermauert werden. Sea Of Dreams weckt in Kombination mit Akustikgitarre und Ragsdales Violineneinlagen das Gefühl, als befände man sich an einem Meeresufer, wo sanfte Meereswellen beim Sonnenuntergang im Nachhall des verblassenden Rauschens zarte Furchen in den Sandstrand zeichnen. Als eine der schönsten Kompositionen des Albums gelten vor allem die mitreißende Ballade What Love’s Supposed To Be, die im abschließenden Teil in Kombination mit dem Schlusssong I Want It All für den atmosphärischen Höhepunkt des Albums »I Will Survive« sorgt, sowie das in der Mitte platzierte Time And Time Again, mit außergewöhnlicher Steigerung eines Stimmungscrescendos, das in der meisterhaft eingefangenen Melodie des Refrains gefangen ist.
Auf diesem Album begegnen wir jedoch auch einigen etwas dunkleren Momenten. Sie sind in Moll gehalten, und deshalb ist das Melos der Melancholie in Kombination mit der fesselnden Melodiosität des jeweiligen Stücks klar hervorgehoben. So ist es vor allem bei I See You There, mit einer der eingängigsten Refrainmelodien des Albums, sowie beim besonders rockigen, mit einem Hauch Blues-Ästhetik unterlegten Down. Die direkte Rockwirkung der kompakten Exposition des Dialogs zwischen Gitarrenphrase und Hammond-Sound verkörpert besonders effektiv Lay In On The Line. Die Songs sind nach dem Muster Strophe-Vorrefrain-Refrain geschnitten, mit einer obligatorischen Middle-Eight-Figur vor der letzten Refrainwiederholung. Die beiden Musiker schmücken dieses Grundmuster natürlich mit einer Reihe brillanter melodischer Passagen, die die Grundform der Songs durchgehend beleben. In die Middle-Eight-Figur kann eine neue Gesangsmelodie eingeflochten sein, gefolgt von einem zusätzlichen Gitarrensolo (The Only One). Das ist die Versiertheit der beiden Meister, die genau wissen, wo sie eine bestimmte Figur in einem Song platzieren müssen, damit dieser seine optimale Wirkung entfaltet. Das ist Brillanz und eine Art von Vorzüglichkeit, bei der ihr dieses phänomenale Studiowerk wirklich lange erforschen könnt, das euch dankbar und reichlich belohnen wird.
Ihr werdet es schwer haben, Favoriten auf diesem Album zu finden. Die Songs sind nämlich in ihrer Aussage allesamt erstklassig detailliert – und wie gesagt. Weiter zu gehen ist kaum möglich. Das ist der Punkt des Artismus, an dem man einem Kunstwerk nichts mehr hinzufügen und auch nichts mehr wegnehmen darf. Neun Jahre haben wir auf dieses musikalische Juwel gewartet, und angesichts der Tatsache, dass Kansas in den letzten 13 Jahren keine Studioalben mehr aufnehmen, übernehmen Seventh Key mit diesem Album bis zu einem gewissen Grad glaubwürdig die Rolle der Nachfolge des musikalischen Vermächtnisses der legendären Progressiv-Meister. Angesichts des Nachweises der erstklassigen Kunst-Ästhetik dieses Werks kann das für die Liebhaber des musikalischen Erbes von Kansas keine Provokation sein, sondern eine neue Tatsache.
Besetzung
Billy Greer – Gesang, Bassgitarre
Mike Slamer – Gitarre, Keyboards, Programmierung
Chet Wynd – Schlagzeug
GASTMUSIKER
David Ragsdale – Violine
Billy Trudel – Begleitgesang
Terry Brock – Begleitgesang
Barry “The Blade” Johnson . Gitarre
David Manion – Keyboards
Produktion
Mike Slamer
Trackliste
1. I Will Survive
2. Lay In On The Line
3. I See You There
4. It’s Just A State Of Mind
5. Sea Of Dreams
6. Time And Time Again
7. When Love Sets You Free
8. Down
9. The Only One
10. What Love’s Supposed To Be
11. I Want It All