I Can Destroy

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Gilbert, Paul
Label: Ear Music Records
Erscheinungsdatum: 27.05.2016
Laufzeit: 54:35
Wertung: 4/5

Paul Gilbert kehrt in diesem Jahr mit seinem insgesamt 14. Solo-Studioalbum zurück. Nach dem Cover-Album »Stone Pushing Uphill Man« (2014), auf dem Gilbert Originale von Künstlern coverte, die er in der Rock’n’Roll-Welt besonders schätzt (u.a. Loverboy, The Beatles, Elton John, Aerosmith, James Brown,…), kehrt der Meister der gitarristischen Rock-»Lustspielkunst« bzw. des Gitarren-»Spaßtheaters«, also einer der eigenwilligsten, einzigartigsten, geschicktesten und technisch ausgefeiltesten Gitarristen des Sonnensystems, in die Sphären des Albums »Vibrato« zurück. So hat er erneut eine Truppe mitwirkender Musikmeister um sich versammelt, die im Format einer »Band« agiert.  Genauso funktioniert auch das Album »I Can Destroy«. In seiner Gesamtheit wieder »bandmäßig«. Thomas Lang, Tony Spinner und Kevin Chown sind alte Bekannte Gilberts und gleichzeitig nicht nur seine Studio-, sondern auch seine treuen Live-Mitstreiter. Also bewährte Namen, denen Paul 100% vertraut, die er sehr, sehr gut kennt und die er sicher auch wieder in die Begleitband der neuen Konzerttournee zur Promotion des Albums »I Can Destroy« einbinden wird.

Das Album »I Can Destroy« knüpft nicht nur an den künstlerischen Reifegrad an, den der Hörer beim Vorgänger »Vibrato« erlebt, sondern umspannt inhaltlich ein noch breiteres Spektrum an Genre-Schichtungen, mit denen Paul Gilbert diesmal hantiert.  Immer wenn sich Gilbert von den Sphären des Heavy Metals entfernt hat, näherte sich sein Ausdruck dem an, was auch die Musik seiner Stammband Mr. Big charakterisiert. Also Hard Rock, der mit Blues-Einflüssen flirtet, aber auch mit melodischem Rock und Pop.  Mit dieser Hard-Rock-Lebendigkeit eröffnet das Album, eingeleitet durch das überaus klarsinnige Everybody Use Your Goddamn Turn Signal. Es handelt sich um das am komplexesten strukturierte Stück des Albums, mit mehreren tonalen und rhythmischen Wechseln, wobei der erfahrene Gilbert dabei keinen Moment  den roten Faden der Kompaktheit und hohen Eingängigkeit verliert.

Abgesehen davon, dass die mittleren Instrumental-Parts der Album-Tracks wieder perfekt fein gewürzt sind mit den solistischen Abenteuern der zahlreichen (atemberaubenden) Gitarren-Orgien Meister Gilberts, ist der Aufbau der Songs durchgehend höchst eingängig. Die Vocals teilen sich Gilbert, Spinner und Freddie Nelson. Die Kontraste zwischen ihnen sind ausdrucksstark, was gut ist für den zusätzlichen Schub an Abwechslung der eingefangenen Stimmungen und die hochdynamische Entwicklung des Albums.  Ebenso hat Gilbert nicht vergessen, die Lead-Vocals mit mehrstimmigen Vokalharmonien auszustatten (eingängige Refrains). Auch diesmal geht es nicht ohne Füllmaterial, so wie das süßliche balladeske Instrumental Love We Had, das die Süßlichkeit des bekannten Mr. Big-Hits To Be With You heraufbeschwört. Da wir schon dabei sind: Gilbert hat dem Album auch einen Song hinzugefügt, der als Allegorie des besagten Mr. Big-Songs verstanden werden kann, der nur den Titel I’m Not the One (Who Wants to be With You) trägt. Wenn man die Struktur dieses Songs genauer unter die Lupe nimmt, gelangt man zum Schlussurteil, dass er auf die Form des Mr. Big-Songs Addicted to Rush hinausläuft.

»Bissige« und höchst unterhaltsame Rock’n’Roll-Ohrfeige: Die Knocking On A Locked Door streift sogar die Aligator’s Farm-Ära von Gilberts Schaffen, während der Mann in One Woman To Many geschickt mit Elementen von Funk-Pop und entspanntem Hard Rock der Siebziger von ansteckender Eingängigkeit hantiert, wobei die Basslinie von Kevin Chown die zentrale Rolle übernimmt. Nicht sonderlich andere Gefühle der Begeisterung für den Hard Rock der Siebziger ruft danach auch Woman Stop hervor, wo der Hauch von Southern Rock unverkennbar ist. Unter ähnlichen Momenten des Albums bietet das hervorragende, »von den Siebzigern inspirierte« Adventure and Trouble im abschließenden Teil eine besonders bravouröse Hard-Rock-Elegie, die mit einem ausgedehnten abschließenden Instrumental-Jam der Band endet. Der Titelsong ist ein gelungenes Crossover zwischen Elementen des klassischen Heavy Metal (führende Phrase vor der Strophe) und melodischem Hard Rock (Refrain). Mit entspanntem Rock’n’Roll-Pop der Siebziger ist auch Gonna Make You Love Me ausgestattet, das in der Eröffnungsphrase der Strophe inspiriert durch die Nutbush City Limits-Rhetorik von Tina Turner unterstützt wird, genauso wie Make It (If We Try) eine Menge charmanter Pop-Anleihen vergangener Rock’n’Roll-Zeiten aufgreift und Gilbert an der Wende von den Siebzigern zu den Achtzigern einen mustergültigen Radio-Hit hätte bescheren können.

Nicht wenig Inspiration durch das Werk und Wirken der großen Bands der Siebziger (Queen, Lynyrd Skynyrd) und sogar älterer (The Beatles) offenbart Gilbert auf dem neuen Album, und den Weg dazu hat er mit dem Album »Stone Pushing Uphill Man« gepflastert, auf dem er nebenbei die pionierischen Grundlagen des Rock-Songwritings jener Künstler erneuerte, die den Rock’n’Roll auf die Beine gestellt haben.  

»I Can Destroy« ist also ein Album, das bei aller Vernarrtheit in die Rock-Geschichte auch in Bezug auf Gilberts Solo-Karriere retrospektiv wirkt. Genauso schön ist die Erkenntnis, dass  Gilbert in den reifen Jahren seiner künstlerischen Schaffenskraft an erster Stelle die musikalische Eingängigkeit und die Wirkung des Teams als Ganzes setzt (die Wirkung der Gruppe als Einheit ist wichtiger als die des Einzelnen). Das Element des bloßen gitarristischen Instrumentalspiels ist diesmal auf ein Minimum reduziert, ebenso das Element des experimentellen Exzentrikertums. In beiden Bereichen hat sich Gilbert in der Vergangenheit bereits bewährt und bewiesen, und das muss er auf seinen neuen Studio- Alben nicht mehr betonen. »I Can Destroy« ist also ein wunderschönes Album, das entspannt, locker und durchgehend klarsinnig wirkt (Schelmerei ist nämlich durchgehend ein anderer Name für Paul Gilbert), geschickt aus dem Schatz des Rock’n’Roll schöpft und dabei auch die bravourösen Fähigkeiten von Gilberts Einzigartigkeit im meisterhaften Umgang mit der Sechssaiter-Bibel und ihrer Theorie nicht vernachlässigt.  

Besetzung

Paul Gilbert – Gitarre, Gesang
Freddie Nelson – Gitarre, Gesang
Tony Spinner – Gitarre, Gesang
Kevin Chown – Bassgitarre
Thomas Lang – Schlagzeug

GASTMUSIKERIN:
Emi Gilbert – Keyboards auf Track Nr. 12

Produktion

Paul Gilbert

Tracklist

1. Everybody Use Your Goddamn Turn Signal
2. I Can Destroy
3. Knocking On a Locked Door
4. One Woman Too Many
5. Woman Stop
6. Gonna Make You Love Me
7. I Am Not the One (Who Wants To Be With You)
8. Blues Just Saving My Life
9. Make It (If We Try)
10. Love We Had
11. I Will Be Remembered
12. Adventure and Trouble

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