I Am
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Moonlight Sky
Label: Nika Records
Erschienen: 2009
Laufzeit: 51:16
Wertung: 4.5/5
Moonlight Sky ist eine heimische Progressive-Rock-Band, die die besondere Aufmerksamkeit all jener Musikkenner verdient, die nicht auf die billigen Tricks gieriger Plattengiganten hereinfallen und eine echte Liebe zur eklektischen Musiksprache pflegen, befreit von Genregrenzen. Für unsere Verhältnisse handelt es sich quasi um eine einzigartige Band, die erstmals mit ihrem sehr guten gleichnamigen Debütalbum auf sich aufmerksam machte. Dieses stellte ein bedeutendes Ereignis für die ausgesprochen obskure slowenische Progressive-Rock-Szene dar, da es bewies, dass auch bei uns eine Band entstehen kann, die sich mit etablierten internationalen Namen aus der Welt der progressiven und experimentellen Musik messen kann. Darauf überzeugten sie mit musikalisch und emotional farbenfrohen Kompositionen, die eine interessante Mischung aus Elementen des Jazz, Hard Rock, Blues, Ambient und Sinfonik enthielten. Mit ihren instrumentalen Darbietungen übertrafen sie zudem bei weitem die üblichen slowenischen Standards. Nach einem so erfolgreichen Start waren natürlich die hohen Erwartungen an das nächste Album absolut berechtigt.
Auf „I Am“ ist sofort der Fortschritt der Bandmitglieder als Komponisten und Instrumentalisten spürbar, denn sie haben ihr reiches musikalisches Spektrum noch erweitert und noch abwechslungsreichere Atmosphären sowie komplexere Arrangements geschaffen. Teils gelang ihnen das mit Hilfe von Gastmusikern an Bläsern und Violine sowie begleitenden Frauenvokalen, teils durch einen höheren Anteil ausgedehnter Jazz-Improvisationen. Im Vergleich zu den meisten unserer experimentellen Rockbands, die in der Regel hauptsächlich auf einem Jazz-Fundament aufbauen, stehen Moonlight Sky in ihrer musikalischen Ausdrucksweise auch auf „I Am“ dem Prog-Rock-Revivalismus am nächsten, wobei sie ihre Sympathie für einige Legenden des Progressive Rock der 60er und 70er nicht verbergen. Ebenso vernachlässigen sie ihre Liebe zum Jazz Fusion nicht, und hin und wieder amüsieren sie sich auch mit Hard-Rock-Experimenten.
Die Bandmitglieder glänzen mit gleichwertig ausgeprägter instrumentaler Ausdruckskraft. Neben der hervorragenden Kombinatorik der Keyboards sticht in ihrer musikalischen Ausdrucksweise der erstklassige Einsatz von E- und Akustikgitarre hervor, der mit seiner Flüssigkeit zwischen Raffinesse und Impulsivität die slowenischen Verhältnisse bei weitem übertrifft. Moonlight Sky erlebten vor der Veröffentlichung von „I Am“ eine wichtige Besetzungsänderung. Žiga Kožar ersetzte Bor Zakonjšek am Schlagzeug und brachte meiner Meinung nach noch mehr rhythmische Dynamik mit.
Jede Komposition auf dem Album ist ein eigenes klangliches und atmosphärisches Kapitel für sich. Alle Songtitel und Texte sind jetzt auf Englisch, was ein willkommener Schritt für größere internationale Bekanntheit und einen potenziellen Durchbruch auf ausländischen Märkten ist. „I Am“ ist eine romantische Eröffnungsvorspeise auf der klassischen Gitarre. Darauf folgt ein dramatischer Kontrast in Form des knackigen „That Look In Your Eyes“, das mit seinem Reichtum an Hard-Rock-Phrasen, vor allem wuchtigem Gitarrenriffing und dem Gesangsstil, die Nähe zum Erbe der legendären Deep Purple nicht verbirgt. Auf dem ambitionierten „King of the Golden Ring“ sind auch Einflüsse der Weltmusik spürbar, da es eine pastorale Einleitung auf der Flöte enthält, worauf temperamentvolle orientalische Skalen folgen. Atmosphärische Keyboard-Schichten und melodischer Gesang verleihen den impulsiven Takten eine Atmosphäre der Entspannung. Die Band beweist immer wieder, dass sie in der Lage ist, innerhalb einer einzelnen Komposition auf äußerst subtile Weise zwischen verschiedenen Motiven und Atmosphären zu wechseln.
Mit „Secrets“, das sehr schöne akustisch-sinfonische Arrangements und emotional aufgeladenen Gesang enthält, bestätigen sie sich auch als sehr gute Schöpfer romantischer Balladen. „One Day One Night“ stellt nach „King of the Golden Ring“ einen weiteren epischen Höhepunkt des Albums dar und biegt sich geradezu unter der Last der stilistischen und atmosphärischen Vielfalt. Hier wechseln sie auf raffinierte Weise zwischen Elementen des Jazz-Rock-Fusion, wobei zahlreiche improvisatorische Verzierungen und saftige Soli nicht fehlen. Auch energische Bläsereinlagen und der Einsatz der Violine fehlen nicht, die die hervorragende Komposition zusätzlich bereichern. Das Tüpfelchen auf dem i setzt der atmosphärische Abschluss mit Synthesizer-Wellen und einem bewegenden Gitarrensolo. „I Am Blues“ ist der Moment, in dem bluesgespickte Gitarrenpassagen, knackige Heavy-Rock-Riffs und ein wild entfesselter Gesang in den Vordergrund treten.
Moonlight Sky lassen auch im weiteren Verlauf des Albums nicht nach und begeistern mit stilistisch vielfältigen Kompositionen, durch die sie eine Fülle hypnotischer Atmosphären vermitteln. „Chautauqua“ ist ein weiterer Leckerbissen für alle Liebhaber des instrumentalen Jazz Fusion. „Family Wound“ ist eine bezaubernde Ballade, auf der begleitende weibliche Vokalharmonien und der warme Klang der Hammond-Orgel hervorragend eingesetzt werden. „Caviar“ stellt den dritten Höhepunkt des Albums dar, auf dem sie erneut eine stilistische Collage aus beneidenswerten klanglichen Dimensionen und Atmosphären schaffen, wobei auch Demonstrationen solistischer Fertigkeiten mit einem exzellenten abschließenden Schlagzeugsolo nicht fehlen. Mit dem Ausklang auf der klassischen Gitarre kommt der ideale Abschluss dieses hervorragenden Albums.
„Moonlight Sky“ haben mit „I Am“ einen Klassiker des slowenischen Progressive Rock geschaffen, der sich vor allem durch die Schaffung grandioser und abwechslungsreicher Atmosphären auszeichnet, mit denen sie den Hörer im Nu in einen Zustand der Verzückung versetzen. Das Album glänzt mit begeisterndem Fluss und stilistischer Vielfalt, bei der sich alle Musikromantiker die Finger lecken werden, die die goldene Ära der progressiven und experimentellen Musik lieben. Von Herzen wünsche ich der Band, dass „I Am“ ihnen mehr Bekanntheit in internationalen Progressive-Rock-Kreisen bringen möge. Im Vergleich zum Debütalbum gibt es darauf etwas weniger Space-Rock-Träumerei, dafür aber umso mehr stilistische Dynamik, Unvorhersehbarkeit und abwechslungsreiche Atmosphären. Ich kann sagen, dass sie in ihrer Entwicklung einen wichtigen Schritt nach vorne gemacht und die nächste Stufe kompositorischer und instrumentaler Reife erreicht haben, die für slowenische Verhältnisse weit über den üblichen Standards liegt. „I Am“ ist die Bestätigung der Tatsache, dass wir im eigenen Land eine hervorragende Progressive-Rock-Band mit internationalem Potenzial haben, auf die wir außerordentlich stolz sein können.
Besetzung
Miha Petric – E- und Klassikgitarre
Andraž Kržič – Gesang, Akustikklavier, Keyboards Korg M3, Hammond C3 Orgel
Janez Moder – E-Bass, Fretless Bass
Žiga Kožar – Schlagzeug, Perkussion
GASTMUSIKER:
Miha Hawlina – Saxofon
Igor Matkovič – Trompete
Vasilij Centrih – Violine
Asja Grauf – Querflöte
Lili Landeka – Begleitgesang
Maja Vargazon – Begleitgesang
Klara Kos – Begleitgesang
Saša Vipotnik – Begleitgesang
Andreja Palatinus – Begleitgesang
Katja Sever – Begleitgesang
Produktion
Moonlight Sky
Trackliste
1. I Am (Intro)
2. That Look in Your Eyes
3. King Of The Golden Ring
4. Secrets
5. One Day One Night
6. I Am Blues
7. Chautauqua
8. Family Wound
9. Caviar
10. I Am (Outro)