Hunde

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Künstler: Tumido
Label: Interstellar Records
Erscheinungsjahr: 2011
Laufzeit: 30:47
Bewertung: 3.6/5

Wie gesagt: zehn Jahre aktives Schaffen reichen vollkommen aus, um ein unverwechselbares Gespür zu entwickeln, eine fanatische Fangemeinde aufzubauen und ein eingespieltes System zu etablieren. Im Fall des Wiener destruktiven Duos mit seinen bizarren Klangtexturen – des unkonventionellen Drum’n’Bass-Derivats Tumido – ist das alles glasklar vorhanden und bis ins Mark ausgearbeitet, wenn auch nicht unbedingt weltweit angenommen und anerkannt. Diesmal, nach dem 2008 erschienenen Album Orgy, präsentiert sich das Duo, bestehend aus Bernhard Breuer (in Underground-Kreisen vor allem durch seine Arbeit bei Malycee und Elektro Guzzi bekannt) und Gigi Gratt, mit der provokanten Scheibe Hunde – ihrem dritten, nennen wir es mal Langformat.

 

Den Track Hunde kannst du HIER reinhören.

Die scheinbar kurze Platte, die nur aus zwei Tracks besteht, entpuppt sich schnell als ziemlich anstrengendes Hörerlebnis, denn die beiden Destruktoren haben sich vorgenommen, nahezu jede einzelne Hirnzelle mit einem Mix aus experimentellem Noise, dem bereits erwähnten Drum’n’Bass und sauschweren Schichten künstlerischer Anmaßung zu massakrieren. Als erstes nimmt dich der Titeltrack Hunde in Beschlag, der 14 Minuten braucht, um eine wirklich lärmige Kulisse aus kakophonischen Rhythmen und artikuliertem Gebrüll eines fett verzerrten, effektgetränkten Basses aufzubauen. Tumido baut langsam und mit einem Gespür für strukturelle Monumentalität, das sich nur die Crème de la Crème unabhängiger Musiker leisten kann, denen Verkaufszahlen völlig egal sind. Sie bezeichnen sich selbst als children/thrash/tropical, aber Etiketten sind hier völlig überflüssig, denn das Endergebnis ist eine komplette Vergewaltigung deiner Ohren – im Ejakulat des Lärms marinieren sie dein Gehirn so gründlich, dass du kaum noch Stuhl und Urin zurückhalten kannst. Sagen wir, der Kern des musikalischen Angebots ist mit Rock unterfüttert, aber diesmal ist diese Komponente wirklich ausgesprochen noiserig ausgearbeitet. Zum Ballast des Schunds streut man eine Prise Jazz, wie ihn die Vogonen geschrieben hätten, und die schier kosmische Tektonik samt Atmosphäre garantiert, dass das Duo sich getrost ein Schild mit der Aufschrift „Vorsicht! Avantgarde!“ umhängen darf. Diese Avantgarde ist diesmal wirklich nur für Leute mit stahlharten Nerven und Mägen zu empfehlen – und ich rate dringend davon ab, beim Hören psychogene Substanzen zu konsumieren, denn du wirst das Gefühl haben, von einer Meute Höllenhunde zerrissen zu werden, während dich rektal der Wächter des Hades himself bearbeitet, der dreiköpfige Cerberus. Der zweite Akt ist der Track Potop, der – der Wahrheit zuliebe – seinen rhythmischen Tanz zur Beschwörung aller Höllenqualen beginnt, mit einem Sound, der am ehesten dem Untergang eines Überseedampfers gleichkommt und die berstenden gigantischen Strukturen unter Druck auf dem Weg in die Tiefe des Marianengrabens dokumentiert. An Groove mangelt es dennoch nicht. Die Trompeten stechen hervor mit ihrem minimalistischen zweitonigen Druck auf die Nervenenden, und das Ganze wird von der Rhythmik eines dribbelnden, fett aufgelegten Basses und elektronischen Zusätzen dominiert. Und nach der 16-minütigen Massage ist die Geschichte – ob ihr’s glaubt oder nicht – zu einem Zyklus geschlossen, der euch, da bin ich sicher, in völliger Benommenheit zurücklässt.

Genau deshalb ist es beinahe unglaublich, dass du nach der Platte wahrscheinlich noch einmal greifen wirst – zumindest wenn du dich als mutigen Musikenthusiasten betrachtest, der jeden Klangexperiment begeistert aufgreift. Wenn dir solch vollendete musikalische Folter am Herzen liegt, wirst du nach dem Hören dieser Scheibe mit einem Grinsen auf den Lippen eine Kippe anstecken, dir den Schweiß von der Wange wischen wie nach einem guten Fick und masochistisch den Knopf für eine erneute Exkursion in die Sphären des Unbekannten drücken.

Besetzung

Gigi Gratt – Bass, Trompete
Bernhard Breuer – Schlagzeug, Noisecymbal

Produktion

Alexander Jöchtl & Tumido

Trackliste

1. Hunde
2. Potop

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