Honkin‘ On Bobo
Künstler: Aerosmith
Label: Columbia Records
Erscheinungsjahr: 2004
Laufzeit: 43.55
Bewertung: 4.5/5
Honkin‘ on Bobo ist eine überaus willkommene Sammlung von Bearbeitungen mehr oder weniger bekannter Blues-Motive, mit der Aerosmith an ihre nie wirklich abgegoltene Schuld gegenüber dem Erbe der Giganten der Bluesmusik erinnert haben. Angesichts der lauwarmen Ergebnisse, in deren Genuss wir im letzten Jahrzehnt eigentlich jedes Mal kamen, wenn Tyler und Kompanie irgendeinen neuen kommerziellen Schachzug zugunsten des Geldverdienens unternahmen, konnte der Durchschnittshörer leicht die unbestreitbare Tatsache vergessen, dass das Fundament für das Schmieden des beachtlichen Erbes der Bostoner Band, deren Schaffenskraft und Gespür für die innovative Bahnung des evolutionären Wegs des Rock & Roll der 70er Jahre in der Enzyklopädie des Hard Rock einen unauslöschlichen Abdruck hinterlassen hat, einst weit zurück in der Vergangenheit genau beim Durchspielen von Blues-Klassikern in verrauchten Klubräumen geschmiedet wurde, wo regelmäßig Werke der Helden Yardbirds und Fleetwood Mac auf dem Spielplan standen. Mit Honkin‘ On Bobo greifen Aerosmith diesmal noch weiter in die Vergangenheit zurück.
Die gut eingespielte Aerosmith-Maschinerie entfaltet auf dem Album vor uns die ganze Magie von zwölf phänomenalen Geschichten aus der geheimnisvollen Welt des Blues, deren Auswahl überwiegend obskurer Natur ist. Irgendwo inmitten des turbulenten Servierens dieser Songs stoßen wir auch auf ein eigenes Juwel namens The Grind, dessen emotionale Intensität das grobkörnige Klangbild dieses sensationellen Dokuments wirkungsvoll ergänzt. Der böse Geist des Mississippi-Deltas ist hier allgegenwärtig. Du findest ihn eingefangen in der eindringlichen Hommage an die Person und das Werk von Fred McDowell, er gedeiht unter der Regie des bedrohlichen Back Back Train und seiner etwas ausgelasseneren Schwester You Gotta Move. Selbst beim Durchbeißen durch Eyesight To The Blind lassen sich in Tylers in alle möglichen Richtungen gedehntem Gesang die Spuren von Sonny Boy Williamson erahnen. Begeisternd frisch klingt Stop Messin‘ Round in Perrys überzeugender Gesangsinterpretation; erstklassige Pflege erfahren Didleys Road Runner und Big Joe Williams‘ Klassiker Baby, Please Don’t Go. Dabei muss betont werden, dass sich das Album nicht mit dem buchstäblichen Retuschieren der Formen meist längst vergessener Blues-Juwelen beschäftigt. Das wäre für Aerosmith Selbstmord. Die Motive werden hier behutsam bis auf die Knochen entkleidet, und auf ihren rohen Fundamenten entfaltet sich vor uns eine wahrhaftige Modenschau der traditionellen Aerosmith-Garderobe. Damit haben unsere Bostoner Freunde zu Recht selbstbewusst auf eine Innovation der außergewöhnlichen klanglichen Adaption gesetzt, die auf die Wiedererkennbarkeit der Elemente der ursprünglichen Aerosmith-Musik schwört, ohne dabei das Wesen der Aussage der Originale in irgendeiner Weise zu beschneiden.
Wenn dich Stärke und Farben der Gewürze der traditionellen Blues-Küche interessieren, du sie aber bisher noch nicht gewagt hast zu kosten, dann ist Honkin‘ On Bobo sicher das Album für dich. Damit haben Aerosmith bewiesen, dass der Blues über die Jahre den Status eines treuen Begleiters der „Aero“-Blutkörperchen behalten hat, die fröhlich durch die Adern dieses außergewöhnlichen Musikkollektivs gleiten. Dass die Veröffentlichung von Honkin‘ On Bobo ohne nennenswerte Resonanz der breiten Masse vorüberging, muss nicht extra betont werden, geschweige denn, dass sich das Album durch eine seltsame Laune des Schicksals sogar in Millionenauflage verkauft hätte. All das ist völlig unwichtig! Wichtig ist einzig die Liebe zur Musik sowie das Bewusstsein für die Schuld, die die „weiße“ Musik seit Generationen gegenüber dem Blues als Genre pflegt! Auch die Größe von Aerosmith genießt in dieser Hinsicht keinerlei Privilegien.
Besetzung
Steven Tyler: Gesang, Mundharmonika
Joe Perry: Gesang, Gitarre, Slide-Gitarre
Brad Whitford: Gitarre
Tom Hamilton: Bass
Joey Kramer: Schlagzeug
Paul Santo: Orgel
Tracy Bonham: Hintergrundgesang
Produktion
Steven Tyler, Joe Perry, Jack Douglas
Trackliste
1. Road Runner
2. Shame, Shame, Shame
3. Eyesight To The Blind
4. Baby, Please Don’t Go
5. Never Loved a Girl
6. Back Back Train
7. You Gotta Move
8. The Grind
9. I’m Ready
10. Temperature
11. Stop Messin‘ Around
12. Jesus Is On The Main Line