Homesick Blues
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: No Rules
Label: Front Rock Records
Erscheinungsjahr: 2011
Laufzeit: 36:14
Wertung: 4/5
Das dritte Studioalbum der ausgezogenen Tuzlaer Rock-’n‘-Roller No Rules ist eine Platte, bei der die Band ihre Energie noch stärker dem Flirt mit der Blues-Rhetorik gewidmet hat. „Homesick Blues“ wirkt dabei intimer, noch organischer als die beiden Studiovorgänger, und immer stärker tritt die hervorragende instrumentale Versiertheit des Quartetts zutage, angeführt zweifellos vom breiten Gitarrenarsenal Dražen Mulaosmanovićs.
Natürlich bleibt die gewohnte Form des No Rules-Musikformats klar im Vordergrund — ein Format, das auf einem durchdringenden Rock-’n‘-Roll-Drive basiert, der vor allem durch Goran Čamparas eingängig-rauen Gesang verkörpert wird, mit der typisch südländischen „Desperado“-Konnotation des Gitarren-Bendings. Den Hauch amüsant-machistischen Sarkasmus haben No Rules auch diesmal nicht ausgelassen. Man spürt aber, dass die Band reifer geworden ist und das neue Material intimer präsentiert als je zuvor. Die Produktion ist lebendig, die Gitarrenriffs tragen jenen (von den beiden Vorgängeralben ererbten) erogen-hedonistischen Beiklang und passen perfekt zum desillusionierten Gesang Gorans.
Auf dem neuen Album sind sie also einen Tick weiter gegangen und haben in jeden Song spürbar mehr Blues eingebracht, was jenen urwüchsigen Rolling-Stones-Klang, den viele Songs der beiden Vorgängeralben hatten, sukzessive verwischt. Mulaosmanović gelingt es in diesem neu gesteckten musikalischen Rahmen, noch mehr Raum für die Entfaltung und Ausschöpfung seines breiten Gitarrenarsenals herauszuschlagen. Der Song Ne okreći leđa sreći (Übersetzung: Dreh dem Glück nicht den Rücken zu) ist mit seiner einzigartigen, detailliert ausgearbeiteten Einbettung der Lap-Pedal-Gitarre zweifellos einer der Höhepunkte des Albums.
Trotz der Erweichung der Herzen der Künstler — eine Folge des Reifens mit den Jahren — hält „Homesick Blues“ nach wie vor eine dauerhafte, brüderliche Nabelschnurverbindung zu Bands aus dem ehemaligen jugoslawischen Raum aufrecht: von den slowenischen Hic Et Nunc und Res Nullius bis hin zu den serbischen Partibrejkers oder den kroatischen Majke. No Rules bleiben in ihrer Predigt klar eigenständig und sich selbst treu. Diese Punk-Rock-’n‘-Roll-Verbindung kommt in den direkter zugeschnittenen Songs Pjevajuči Blues oder dem Opener Uzmi moje srce sowie Sirovi i biijesni besonders deutlich zum Tragen.
Ein besonderer Moment des Albums ist die Hommage an Rory Gallagher im Song Preko neba, der die ideale Mischung aus nacktem Rock-’n‘-Roll-Drive verkörpert, mitgezogen in einem saftigen Blues-Melos mit südländischer Melodramatik, in das sich ein Gitarrensolo mit dem Fingerpick einzigartig einwebt. Čamparas Gesang wirkt so authentisch, dass man darin unschwer ordentliche Schwaden von Whiskey wahrnimmt. Brillant!
Das düstere, mit einem soliden Rhythm-’n‘-Blues-Fundament umgürtete Umrli su u čizmama (Übersetzung: Sie starben in ihren Stiefeln) wirkt im direkten und unmittelbaren Vortrag seiner Botschaft besonders überzeugend. Der wiegende Beat, an dem die tief hängenden, lebendig surrenden Gitarrenriffs des südländischen Melos hängen, ist eine ideal gezeichnete Klanglandschaft, in der Gorans Gesang die volle Reichweite der No Rules-Poesieinterpretation entfaltet.
Dass die Band diesmal wirklich für etwas mehr motivisch-instrumentale Abwechslung gesorgt hat, bestätigt das Instrumentalstück El Pussy, wo der Klang erneut saftig von Lap-Pedal-Gitarrensoli durchdrungen ist. Dieser Song leitet dankenswerterweise zum abschließenden Track San über (sogar eine Mandoline ist in der Begleitung dabei), der aus dem Rahmen fällt. Diese Country-Melodie mit Gastgesang einer Frauenstimme wird euch Puristen, die ihr nach dem rockigen Kern sucht, verwirren und stören. Das hat die Band selbst gemerkt, weshalb sie den Song ans Ende des Albums gestellt hat. Er wirkt eher wie ein Bonustrack und ohne ihn würde das Album genauso gut, wenn nicht sogar besser funktionieren.
„Homesick Blues“ bewahrt also die traditionellen Klangsignaturen von No Rules, während die Band mit dem Album gleichzeitig ihren klanglichen Ausdrucksraum erweitert. Es besitzt eine etwas ausgefeiltere und organischere Produktion, die noch intensivere Gefühle von Intimität hinterlässt. Es ist eine hervorragende Mischung aus südländischem Desperado-Machismus, untermauert von einer saftigen Dosis brillanten Musizierens — ein Album, mit dem No Rules in künstlerischer Hinsicht ihr ausdrucksmäßig abwechslungsreichstes Karrierewerk abgeliefert und mutig einen neuen Entwicklungsschritt gesetzt haben; es bleibt spannend zu verfolgen, wohin ihr musikalischer Weg sie künftig führen wird.
Besetzung
Goran Čampara – Gesang, Gitarre, Mundharmonika
Dražen Mulaosmanović – Gitarre, Lap-Slide-Gitarre, Mandoline
Danijel Stuhli – Bassgitarre
Bojan Divković – Schlagzeug
GASTMUSIKERIN:
Biljana Pejić – Gesang auf Track Nr. 11
Produktion
Dražen Mulaosmanović
Trackliste
1. Uzmi moje srce
2. Hladan dan
3. Ne reci da me voliš
4. Homesick Blues
5. Sirovi i bijesni
6. Ne okreći leđa sreći
7. Pjevajući Blues
8. Preko neba
9. Umrli su u ćizmama
10. El Pussy
11. San