Höllischer Rock in Šiška! (2013)
Autor: Rok Klemše
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Kino Šiška, Ljubljana
Konzertdatum: 18.03.2013
Besucherzahl: 600
Kartenpreis: 29,00€ / 32,00€
Kurz nach acht betraten die brasilianischen Shadowside eine überraschend ordentlich gefüllte Halle und zeigten, dass das Einzige, was sich an ihnen exotisch nennen lässt, die Tatsache ist, dass sie aus Brasilien stammen und die Band von Sängerin Dani Nolden angeführt wird. Shadowside servierten in einem zu langen, vierzigminütigen Set nämlich generischen Power Metal, den man an jeder Ecke hören kann. Dass die Sache noch schlechter und schwerer verdaulich wurde, dafür sorgte auch noch ein katastrophaler Sound, der die einzige Gitarre irgendwo unter dem unerträglichen Dröhnen des Basses vergrub. Der ziemlich solide Gesang der Sängerin, der zum Glück weit von irgendwelchem Gothic-Gezwitscher entfernt war, konnte trotz aller Bemühungen das Erlebnis nicht aufwerten, das Publikum blieb verschlafen und spendete der Band nur gelegentlichen Applaus, den sie nach der katastrophalen Darbietung des Motörhead-Klassikers »Ace of Spades« ohnehin nicht verdient hätte.
Aber natürlich warteten wir diesmal nur auf die beiden Meister des deutschen Power Metals, auf die Ersten vielleicht noch mehr als auf die Anderen, denn die deutschen Schwergewichte Gamma Ray mit dem legendären Kai Hansen traten bei uns diesmal zum allerersten Mal auf. Die Erwartung war auch und vor allem deshalb groß, und umso schöner war es, dass Gamma Ray ihr gleich zu Beginn mit dem Power Plant-Knaller »Anywhere in the Galaxy« gerecht wurden. Das Publikum atmete von Anfang an mit der energischen und hervorragend aufgelegten Band und unterbrach das Quartett mehrfach und überraschte sie sichtlich mit spontanen »Gamma Ray, Gamma Ray!«-Chören. Der charismatische Frontmann und Legende der deutschen Metal-Szene Kai Hansen ließ uns nichts schuldig, wofür er durch perfekte Publikumsanimierung, eine fantastische Gesangsdarbietung und ein glänzendes Repertoire sorgte, in dem Hymnen wie »Men, Martians and Machines«, »The Spirit«, »Empathy« und »Rise« nicht fehlen durften. Kai hatte die ganze Zeit ein breites Lächeln im Gesicht, und die Band strahlte von der Bühne eine fast kindliche Freude am Spielen aus. Natürlich durfte auch das Springen nicht fehlen, das Klettern auf die Podeste auf beiden Seiten des Schlagzeugkessels des neuen Drummers Michael Ehrej, das »Manowar«-artige Posieren des Bassisten Dirk Schlächter sowie das »Judas Priest«-hafte Hüfteschwingen. Genau Letzteres sorgte zusammen mit der glänzenden Darbietung der Gitarrenharmonien des Duos Kai Hansen/Henjo Ricther für die meiste Begeisterung. Da Gamma Ray gerade die neue EP „Master of Confusion“ veröffentlicht haben (die Rezension könnt ihr HIER lesen), bekamen wir noch zwei brandneue Tracks serviert, den Titeltrack sowie »Empire of the Undead«, die nach dem eher durchschnittlichen To the Metal! einen neuen Gamma Ray-Kracher versprechen. Kai und Gesellschaft rissen das Publikum bis an die Decke, als Kai mit dem berühmten Gitarrenintro den eisernen Helloween-Klassiker »Future World« ankündigte, verabschiedeten sich mit der klischeehaften und mittelmäßigen Metal-Ode »To the Metal« und nahmen mit dem fantastischen »Send Me a Sign« endgültig in großem Stil Abschied.
Die Veteranen Helloween betraten die Bühne nach einer halben Stunde Vorbereitung ausgesprochen pompös. Die obligatorische AC/DC-Hymne »For Those About To Rock (We Salute You)« ging in das live gespielte »Intro« »Wanna Be God« über, und die Kürbis-Soldaten traten von hinter einem Tarnvorhang auf die Bühne. Eine postapokalyptisch zerstörte Bühne, geschmückt mit Kürbissen hinter Gasmasken, kündigte an, dass die Kürbis-Soldaten die Herrscher der neuen Welt sein würden – doch Helloween versetzten uns trotzdem gleich zu Beginn in eine Fantasiewelt mit der ersten Single des neuen Albums Straight Out of Hell (RockLine-Rezension HIER), »Nabatea«. Der überzeugte mit seinem epischen »Darkride«-Feeling live noch mehr als auf Platte, und es ist wirklich schade, dass Helloween den vielversprechenden Anfang im weiteren Verlauf etwas mit einer unglücklich gewählten Setlist trübten. Vom durchschnittlichen aktuellen Werk bekamen wir gleich fünf Tracks, leider genau die, die nicht zu den besseren gehören. Statt »Live Now!« und der langweiligen Ballade »Hold Me In Your Arms« wäre zum Beispiel »Burning Sun« oder »World of War« eine viel bessere Wahl gewesen. Aber Helloween rissen das Publikum trotzdem mit dem linken kleinen Finger gleich zu Beginn in die Luft mit einer hervorragenden Darbietung des ewigen Klassikers »Eagle Fly Free«. Hier muss betont werden, dass Andi Deris den ganzen Abend sehr souverän agierte – sein Gesang konnte in der Vergangenheit bisweilen enttäuschen. Diesmal lief es wie am Schnürchen, auch wenn das Mischpult bei den höchsten Tönen hin und wieder nachgeholfen hat – aber es sagt genug, dass er sich auch mit den Songs der Kiske-Ära solide durchschlug. Im weiteren Verlauf dämpften trotz erstklassiger Darbietung, gutem Sound und den immer aufgelegten Markus Grosskopf und Michael Weikath (deren Gesten, Posen und entgleisten Grimassen lassen absolut niemanden kalt) die Energie etwas der 7 Sinners-Track »Where the Sinners Go« sowie der neue Song »Waiting For the Thunder« – aber dann folgte der erste Höhepunkt des Abends, der Time of the Oath-Hammer »Steel Tormentor«, den nur das überflüssige und sinnlose Schlagzeugsolo von Dani Löblej zunichte machte, der neuerdings hinter einer Festung mit gleich vier Bassdrums sitzt. Völlig unnötig und übertrieben poserisch. Den Geschmack retteten zum Glück Weikis »I’m Alive« sowie das unglaubliche »Falling Higher«. Es ist wirklich schade, dass die Helloween der Neunziger so verkannt bleiben. Deris sind die Songs eindeutig auf den Leib geschrieben, und das Material vom hervorragenden Dreigestirn Master of the Rings–The Time of the Oath–Better Than Raw bleibt das Beste, was dem Heavy Metal in den Neunzigern passiert ist – eine zu Unrecht übersehene Ära. In dieser Hinsicht haben Helloween bei der ersten Ausgabe der Hellish Rock-Tournee deutlich mehr begeistert. Dennoch verdienen Helloween keine allzu harte Kritik, denn sie begeistern vor allem durch energische Darbietung und sympathische Bühnenpräsenz, und diesmal schlug sich vor allem Deris mit Kiss-Shirt und seiner Imitation von Gene Simmons sehr gut durch – noch mehr aber damit, dass er das Publikum während »Power« nicht endlos mit abgekauten Gags hinhielt. Im ersten Encore zündeten Helloween mit dem ansteckenden Hit »Dr. Stein«, der am sehnlichsten erwartete Moment war aber zweifellos das Finale, bei dem sich Kai Hansen seinen alten Kollegen, besser gesagt Markus und Weiki, wieder anschloss. Die Jungs zündeten ein fantastisches Medley aus ewigen Halloween-Klassikern (schade, dass nicht in voller Länge, wie bei der ersten Tournee), noch mehr begeisterte aber die Rückkehr zum Debütalbum Walls of Jericho mit »How Many Tears« und »Heavy Metal (Is the Law)«. Eine unglaubliche Darbietung vor allem dank des fantastischen Kai, der vor allem Gänsehaut verursachte, als er sich neben Weiki stellte und die beiden mit phänomenal gespielten Harmonien aufwarteten. Den letzten und zweifellos größten Moment bildete das Finale mit dem wohl größten Hit des deutschen Metals, »I Want Out«, bei dem sich Helloween auf der Bühne noch Gamma Ray anschlossen (mit Ausnahme von Drummer Michael). Die Darbietung riss das Publikum in Ekstase, störend war vielleicht nur das zu lange Hinauszögern mit »I Want Out«, aber der Anblick von Kai neben Markus und Weiki wog alle etwaigen Schwächen auf.
Der höllische Rock war ein Erfolg – gut sechshundert Köpfe ließen Helloween zufrieden, aber dennoch etwas hungrig nach einer besseren Songauswahl zurück. Die Kürbisse sind zweifellos eine der größten deutschen Bands, die bei uns immer willkommen ist, aber sie können auch deutlich mehr, und die Setlist müsste gründlich durchgelüftet werden. Dafür begeisterten Gamma Ray umso mehr, und hoffen wir, dass Kai sein Versprechen hält und in unsere Gefilde auch mit einer Headliner-Tournee zurückkehrt.
- Das Interview mit Helloween-Drummer Dani Löblej, das RockLine vor dem Konzertauftritt der Band am 18. 3. 2013 im Ljubljanaer CUK Kino Šiška geführt hat, könnt ihr HIER lesen.
Setlist
SHADOWSIDE:
1. I’m Your Mind
2. A.D.D.
3. Highlight
4. Hideaway
5. Gag Order
6. Ace of Spades
7. Waste of Life
8. Angel With Horns
GAMMA RAY:
1. Anywhere In the Galaxy
2. Men, Martians And Machines
3. The Spirit
4. Gamma Ray
5. Master of Confusion
6. Empire of the Undead
7. Empathy
8. Rise
9. Future World
10. To the Metal
— Zugabe —
11. Send Me a Sign
HELLOWEEN:
1. Wanna Be God (intro)
2. Nabatea
3. Eagle Fly Free
4. Straight Out of Hell
5. Where the Sinners Go
6. Waiting For the Thunder
7. Steel Tormentor
8. Drum Solo/I’m Alive
9. Live Now!
10. Hold Me In Your Arms
11. Falling Higher
12. Hell Was Made In Heaven
13. Power
— Zugabe 1 —
14. Are You Metal?
15. Dr. Stein
— Zugabe 2 —
16. Halloween/How Many Tears/Heavy Metal (Is the Law)
17. I Want Out
Bildergalerie

















































