Höllenlärm greift die Schweiz an! (2011)

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Autor: Urban Bolta
Fotos: Urban Bolta

Ort: Z7 / Pratteln / Schweiz
Konzertdatum: 03.10.2011
Besucherzahl: 1000
Kartenpreis: 31€

Der erste Oktobertag brachte eine überaus interessante Erfahrung. Fünf Rockerärsche haben das stählerne Pferd vollgepackt und sich Richtung Nordwesten aufgemacht, ins Land, wo sprichwörtlich Milch und Honig fließen. Die ganztägige Fahrt war interessant, vor allem die Reise durch die Schweiz, die wirklich ein wunderschönes und mit natürlichem Reichtum gesegnetes Land ist. Das Reiseziel war das Städtchen Pratteln, das im Norden der Schweiz direkt vor Basel liegt.

Ziemlich weit nach Norden musste man also fahren, um Pretty Maids live zu erwischen, eine der treibenden Kräfte des dänischen Heavy Metal der letzten Jahrzehnte. Unter dem Einfluss der NWOBHM-Bewegung Anfang der Achtziger entwickelten sie über die Jahre einen eigenen, unverwechselbaren Stil mit ausgeprägtem melodischen Vorzeichen, den sie auch auf dem letztes Jahr erschienenen Album „Pandemonium“ erfolgreich weiterführten (Rezension hier). Pretty Maids wurden von Fans in Skandinavien und den deutschsprachigen Ländern adoptiert, weshalb man für ihre Konzerte in der Regel den Blick nach Norden richten muss. Diesmal war es nicht anders.

Der Klub Z7 ist eine jener Locations, die fast jede Tour eines mittelgroßen Künstlers ansteuert, und schon deshalb war es verlockend, wieder einen dieser gefragten Clubs von Weltrang kennenzulernen. Das Ding liegt im Industrieviertel von Pratteln direkt neben der Umgehungsstraße. Das Innere ist ziemlich länglich und erinnert etwas an das Layout der Tonhalle in München, allerdings mit noch etwas größerer Kapazität. Angeblich passen bis zu 1500 Besucher in den Z7. An diesem Abend war die Location schön gefüllt, aber nicht ausverkauft. Umso interessanter war der Blick ins Publikum! Während bei uns auf Konzerten die Jugend dominiert und ich selbst normalerweise irgendwo in der Mitte der Altersskala liege, war ich diesmal unter den Jüngsten in der Halle. Die Tradition der Rockkultur ist auch in der Schweiz noch höchst lebendig!

Diesmal handelte es sich nicht um ein gewöhnliches Konzert. Pretty Maids versprachen ein echtes Spektakel, das sie künftig mit einer DVD-Veröffentlichung verewigen wollen. Auf ihrer Website sammelten sie Vorschläge, die bei der Zusammenstellung des Repertoires berücksichtigt wurden. Aus der Heimat Dänemark sollten auch zwei Busse mit den treuesten Fans anreisen, die aber leider aufgrund massenhafter Absagen nicht losgefahren sind. Dennoch warteten wir in angenehmer Atmosphäre bis neun Uhr abends und damit auf das Erscheinen der eisernen Dänen auf der Bühne.

Als die Lichter ausgingen, war klar, dass die Zeit für den Showbeginn gekommen war. Pretty Maids stürmten die Bühne mit den zwei schnellen, atmosphärischen Brechern Pandemonium und I.N.V.U.. Dann traf der Scheinwerfer zum ersten Mal an diesem Abend den hinten links verborgenen Keyboarder Morten Sandager, der die Ballade Hell On High Heels eröffnete. Das ist ein Track, den die Dänen nie auf ihre Setlists setzen, der aber diesmal von den Fans herausgewählt wurde.

Pretty Maids sind echte Bühnenexekutoren – selbst ein Blinder würde ihre natürliche Freude am Auftreten bemerken. Das führende Duo der Band, Frontmann Ronnie Atkins und Ken Hammer, wechselten ständig die Positionen und richteten sich direkt vom Bühnenrand aus mit Vocal-Ausflügen / Gitarrensoli an die ersten Reihen. Seinen Beitrag leistete der neue Bassist Rene Shades, der in diesem Jahr den legendären King Diamond-Bassisten Hal Patino ersetzte. Der sympathische Shades, gekleidet in eine schneeweiße Jacke und Hut, folgte dynamisch den erfahreneren Kollegen auf der Bühne, wird aber aufgrund mangelnder Ausstrahlung noch einige Zeit brauchen, bis wir Fans ihn als vollwertiges Mitglied akzeptieren. Über dem Geschehen wachte hinten der kleingewachsene Schlagzeuger Allan Tschicaja, der kaum über sein Drumkit hinaus zu sehen war. Tschicaja pflegt einen interessanten Schlagzeugstil, denn er steckt in jeden einzelnen Schlag doppelt so viel Energie wie nötig, weshalb er sich bei den Zuschauern als härtester Schufter der Band schnell Sympathiepunkte geholt hat.

Die Dänen haben für das Festkonzert einen ansprechenden Mix aus älterem und neuerem Material zusammengestellt. Das neueste Album „Pandemonium“ war mit gleich vier Songs vertreten, dazwischen eingebettet eine erlesene Collage aus den Achtzigern und Neunzigern. Das intensive Finale gehörte den Songs der Alben „Red, Hot and Heavy“ (1984) und „Future World“ (1987), dazwischen reihten Pretty Maids noch die Ballade Please Don’t Leave Me ein, mit einem einfachen, zweizeiligen Refrain, den wir zur Begleitung von Kens Gitarre, ein anderes Mal von Sandagers Keyboards, unzählige Male mitgesungen haben. Dem Spektakel angemessen durften in der Zugabe auch visuelle Hilfsmittel in Form von pyrotechnischen Einlagen nicht fehlen.

Pretty Maids ist eine Band, der es selbst in ihren besten Zeiten nicht gelungen ist, den großen Wurf zu landen, der ihnen Startstatus ermöglicht hätte. Deshalb müssen sie sich heutzutage genauso beweisen wie früher. Das Räderwerk ihrer Bühnenmaschinerie trieben die Gründungsmitglieder Atkins und Hammer an, die Höhepunkte kamen in der Regel beim Einstieg in die Refrains, wenn sich Ronnie die Background-Sänger zugesellten und für sündhaft eingängige Melodien sorgten. Aber eines ist klar: Mit den Jahren bröckelt Ronnies Stimme beständig, weshalb er die anspruchsvolleren Linien mit angezogener Handbremse anging, und in den Instrumentalteilen benetzte er seine Kehle vorbeugend mit einem Schluck oder zwei Wasser. Auch nach dem Konzert ließ er sich nicht mit den anderen Mitgliedern und den Besuchern nieder, sondern schlüpfte ins Bett, um neue Kräfte für das Konzert am nächsten Tag in Bochum, Deutschland, zu sammeln. Das unglaubliche, zwei Stunden und fünfzehn Minuten lange Set hat alle Anwesenden ordentlich ausgewrungen und uns zumindest für einen Moment in eine Zeit zurückversetzt, als Musik noch mit Herz gespielt wurde. 

Fotos:  Urban Bolta, Jani Mihevc Cah (1,20)

Setlist

1. Pandemonium 2. I.N.V.U. 3. Hell On High Heels 4. Wake Up To The Real World 5. Destination Paradise 6. Another Shot Of Your Love 7. Scream 8. Walk Away 9. Lethal Heroes 10. Nightmare In The Neighbourhood 11. It Comes At Night 12. Queen Of Dreams & drum solo 13. Spooked 14. Savage Heart 15. Clay 16. Yellow Rain 17. Rock The House 18. Back To Back 19. Rodeo 20. Love Games —————- 21. Future World 22. Little Drops Of Heaven 23. Please Don’t Leave Me 24. Red, Hot And Heavy

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