Herbstliches Godi Bodi 2012!

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Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik

Ort: Ljubljana / Lutkovno gledališče Ljubljana (Oder pod zvezdami) / Slowenien
Konzertdatum: 24.11.2012
Besucherzahl: 180
Kartenpreis: 10,00€

Das Festival für zeitgenössische Autor- und Ethnomusik Godi Bodi bereichert das Konzertangebot Sloweniens bereits zum fünften Mal in Folge. Normalerweise kennen wir es als Frühlingsveranstaltung, in der zweiten Aprildekade. Doch dieses Jahr hat es seinen jüngeren Zwillingsbruder bekommen – sprich eine Herbstausgabe. Die ist programmatisch zwar deutlich kürzer, aber deshalb kein bisschen weniger süß.

Oder pod zvezdami bietet mit seinen ausgezeichneten akustischen Eigenschaften die ideale Bühne für Aufführungen, bei denen die organisch klingende Begleitung die Hauptrolle spielt und der Gesang den Kern der musikalischen Substanz mit Poesie bildet – wo Emotionen sich vollständig entfalten müssen.

Als Erster betrat Rudi Bučar kurz nach acht Uhr abends die Bühne. Dieser Kerl, der eine enorme vokale Strahlkraft besitzt, mit der er buchstäblich alle Barrieren zu den Herzen der Zuhörer einreißt, hat dieses Jahr sein drittes Studioalbum mit dem Titel »Rudi Bučar & Istrabend« veröffentlicht. Es ist die logische Weiterführung seiner Vorgänger »Kapot« (2004) und »Kambiament« (2007). Obwohl auf dem neuen Album neben Rudi noch ein Quartett an Begleitmusikern seine musikalischen Funktionen erfüllt, stand Rudi an diesem Abend nur mit zwei Unterstützern auf der Bühne – dem »Atom und der Mamo« des Labels Celinka sowie des Festivals Godi Bodi: Janez Dovč an der Harmonika und Goran Krmac an der Tuba.

Rudi ist ein verschmitzter Kerl, ein echter istrischer »žlahtnik«, der mit den Ursprungswurzeln seiner istrischen Vorfahren so feurig und überzeugend umgeht, dass es dem Zuhörer nicht schwerfällt, sich ein lebhaftes Bild der verwitterten, von Salz und Bora durchfurchten, aber edlen »terra rose« vorzustellen. Mit der offenen, unbeschwert-lebhaften Art des Küstenlandes hat der Troubadour den Großteil der Stücke vom neuen Album gespielt. Obwohl er das Konzert mit (J)one dvi naranče (Album »Kambiament«) eröffnete, war genau dieses Stück – in dem er seinen Gesang anschaulich aufwärmte und ihn im Mittelteil in ein echtes Falsett übergehen ließ, sodass man das Gefühl hatte, hinter der Bühnenkulisse verberge sich ein Gastvokal –, der perfekte Einstieg in den Kern von Bučars musikalischer Predigt. Bučar ist ein cleverer Interpret. Unglaublich feinfühlig, tief in seine Musik versunken. Er kann spöttisch sein, sogar provokant, lässig-gleichgültig, wenn er sich seinem Temperament hingibt – so wie es für mediterrane Herkunft eben passt. Bessere Bilder als jene in den neuen Songs Wana je lbezn, Mama Piero me poca oder in der abschließenden traditionellen Volkslieder-Medley Vstala Primorska und O, Bella Ciao! wirst du kaum finden. Im nächsten Moment aber verwandelt er die Charaktereigenschaften der von istrischem Melos und echtem Istrianisch durchdrungenen Stücke in eine sanft-beschauliche Landschaft, in der vor allem seine warme vokale Feinfühligkeit voll zur Geltung kommt. Schlicht gesagt: Rudis sinnlich-vibrierendes Sentiment entfaltet sich am vollsten in der zart-zerbrechlichen Edina sowie in der erotisch angehauchten Ohrmassage mit Blues-Konturen Še malo – die natürlich im Repertoire nicht fehlen durften.

Der unterhaltsame Künstler ließ seine Schlagfertigkeit auch zwischen den Songs aufblitzen und unterhielt das Publikum mit Anekdoten, die scharenweise Lachen hervorriefen. Besonders viele »Späßchen« gingen auf Kosten von Anika Horvat, vor dem Vortrag von Samo ti – einem Song, den Rudi Bučar für Anika geschrieben hat und mit dem sie 2009 die Slovenska popevka gewann. Der Kerl würzte den Auftritt außerdem mit der Einladung von Gastsolistin Ksenija Benedetti (ex-Pleksus Solaris) – bekannt als Chefin des slowenischen Protokolls –, die für den Song Noč uničuje an den Nord-Keyboards Platz nahm und dem Stück, das noch für das Projekt Rudi and the Cool Vibes entstanden war, wirkungsvoll neues Leben einhauchte. Farbenfroh, funkensprühend und vor allem ein Auftritt, der ein großes Herz verlangt – den schloss der Musiker mit einem weiteren sanften Stück ab. Gemeint ist Naj traja, mit dem Rudi 2011 die Slovenska popevka gewann. Für diesen Moment lud er Eva Hren auf die Bühne ein, und das Duo schuf eine spürbar starke chemische Verbindung zweier sensibler Vokalkontraste – eine vollendete gegenseitige Ergänzung. Bleibt zu hoffen, dass aus solch einem gemeinsamen Bühnenmoment in Zukunft vielleicht auch die eine oder andere gemeinsame eigene Komposition erblüht.

Eva Hren brachte ihre Begleitband Sladcore auf die Bühne – allerdings ohne Gitarristen. An den Keyboards saß der »gesprächige Doktor« der scharfsinnigen Band Nula Kelvina, Marko Boh, am Schlagzeug der vielseitige Blaž Grm, und Bass sowie Kontrabass »zupfte« Klemen Krajc. Für die Würze der Arrangements sorgten mit gelegentlichen Soloeinlagen der akademische Jazzist Igor Matkovič an der Trompete sowie Harmonikaspieler Janez Dovč.

Genau wie Rudi Bučar zuvor füllte auch Eva Hren schon allein durch ihre Vokalinterpretation den Großteil der Energie aus, die von der Bühne ausging. Neben der unglaublich ansteckenden Klangfarbe ihrer Stimme – einer sinnlichen Soul-Verwurzelung – überzeugt vor allem die außergewöhnliche Ausstrahlung dieser Sängerin, mit der sie die Herzen der Anwesenden im Nu für sich gewann. 

Eva präsentierte das Repertoire der Alben  »SLO« (2009) und »Etnosoul« (2012), mit dem Schwerpunkt auf letzterem, das auch ihre aktuelle, diesjährige Veröffentlichung ist. Das Album »Etnosoul« erlebte mit dem Auftritt von Eva Hren & Sladcore im Rahmen der Herbstausgabe des Festivals Godi Bodi in Ljubljana überhaupt seine erste Bühnenpräsentation. Die traditionellen Volkslieder der slowenischen autochthonen Schule – die Pfadfinder und Mütter singen und an die uns das Spielen auf den Wellen verschiedener Radiofrequenzen regelmäßig erinnert –, erlebten im Gewand von Sladcore eine neue künstlerische Aufbereitung, die ausgesprochen besonders, anziehend und überzeugend ist. Das hervorragende Zusammenspiel der Jazz-Gang auf der Bühne, die sich gegenseitig den Ball der exzessiven experimentellen Solokapriolen zuspielt und dem an sich schlichten Urmelodie dieser Lieder das Element des unvorhersehbaren Verlaufs hinzufügt. Eine neue Ausdrucksqualität also. 

Also: eine unterhaltsame und dynamische Show, bei der die Musiker mit ihrer neuen musikalischen Dimension – auf der Brücke zwischen slowenischer Volksmusiktradition und jazzigem »Freiheitsschweben« – vollends überzeugten. Das »i-Tüpfelchen« zum Konzertfinale lieferte in eben dieser Stimmung das an diesem Abend bereits bewährte und ungemein wirkungsvolle Vokalduett von Eva Hren und Rudi Bučar. Neben den Hauptstücken vom neuen Album »Etnosoul« mischten Eva und Kompanie auch Songs vom Album »SLO« ein, wobei besonders Lisička je prav zvita zver herausstach (ein verschmitzter minimalistischer Kontrast zwischen Evas Gesang und Klemen Krajcs Kontrabassbegleitung), dazu Po jezeru, Dekle je po vodo šlo (mit Rudi Bučar im Duett), das besonders zarte Mamica je kakor zarja sowie im abschließenden Crescendo Oblaki so rdeči (erneut mit Rudi Bučar im Duett).

So endete das erste herbstliche Godi Bodi Festival – und wir hoffen, dass es künftig zu einer festen Herbst-Konstante des Konzertangebots in der slowenischen Hauptstadt wird! Dieses Festival trägt nämlich zur engen Vernetzung von Singer-Songwriter-Musikern sowie aller experimentellen musikalischen Spielarten bei, die in ihrem Repertoire die farbenprächtige Leidenschaft für Weltethnomusik, Jazz und Blues vereinen – und vor allem in ihrer künstlerischen Aussage aus den Wurzeln des traditionellen Erbes slowenischer Volksmusik schöpfen, in all seinen echten, natürlichen Kontrasten. Eigenständig, im Geist der Herausforderung und avantgardistischer Aufbrüche.

Setlist

RUDI BUČAR & ISTRABEND:
1. (J)one dvi naranče
2. Edina
3. Wana je lbezn
4. Draga
5. Mama Piero me toc
6. Noč uničuje
7. Trajna
8. Še malo
9. Dajte, dajte
10. Naj traja
11. Slon
12. Drugačna
13. Samo ti
—Zugabe—
14. Vstala Primorska / O, Bella Ciao

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