Heavy Weather
Autor: Peter Podbrežnik
Interpret: Weather Report
Label: Columbia Records
Erscheinungsjahr: 1977
Spielzeit: 37:39
Bewertung: 5/5
Mit „Heavy Weather“ erreichten die Jazz-Fusion-Legenden Weather Report einen ihrer künstlerischen Höhepunkte und den größten kommerziellen Triumph ihrer gesamten Karriere. Während es nach dem Meisterwerk „Black Market“ (1976) irgendwie zu erwarten war, dass sie ihre gegenseitige kreative Chemie weiter steigern und ausbauen würden, war der außergewöhnliche Verkaufserfolg dieses Albums für die Bandmitglieder und ihre Fans wirklich eine große Überraschung. Wer hätte noch vor wenigen Jahren von den Meistern der Langform-Improvisationen und innovativen Instrumentaltechniken erwartet, dass sie mit einem Radiohit, dem mitreißenden Instrumental „Birdland“, plötzlich an die Spitze der weltweiten Musikcharts aufsteigen würden?
Das klingt noch unglaublicher, wenn man bedenkt, dass dies zu einem Zeitpunkt geschah, als die Popularität des Jazz Fusion bereits im Niedergang begriffen war und Disco und Punk die damaligen musikalischen und sozialen Trends dominierten. Ihre einstigen musikalischen Mitstreiter und Freunde hatten zu diesem Zeitpunkt bereits ihren früheren kreativen Schwung verloren und sich lieber anderen Projekten oder neuen musikalischen Richtungen zugewandt. Miles Davis, der damals bereits vom Fusion gesättigt war, gönnte sich eine mehrjährige Auszeit und war bis Anfang der 80er nicht mehr auf der Bildfläche. Coreas Return To Forever hatten bereits ausgedient und sich in mehrere verschiedene Soloprojekte aufgelöst. Ähnliches war mit McLaughlins Mahavishnu Orchestra passiert. Diese waren, nachdem John sich entschlossen hatte, mit Shakti in akustische und Ethno-Gewässer aufzubrechen, bereits seit einem Jahr selig begraben. Wenn man die starke britische Jazz-Fusion-Szene mit Bands wie Brand X, Colosseum II, Soft Machine und Nucleus sowie die deutschen Passport außer Acht lässt, waren Weather Report die einzigen der Jazz-Fusion-Pioniere, die nicht das Handtuch geworfen und sogar ihre Popularität gesteigert hatten.
Auf „Heavy Weather“ ist sofort der abrupte Übergang von längeren und hochexperimentellen Formen mit zahlreichen komplexen Improvisationen hin zu etwas kürzeren, weniger komplexen Instrumentalformen mit immer raffinierteren Arrangements und Rhythmen erkennbar. Vor allem in den rhythmischen Passagen, wo es sie häufig auch in Funk-Gewässer verschlägt, spürt man ihre riskante, aber überaus gelungene Verbindung verschiedener melodischer und radiofreundlicher Motive mit ernsthaftem Spiel und beneidenswert hohen kompositorischen Qualitäten.
Der Großteil der acht Instrumentalstücke entstand unter der Regie des unschlagbaren Duos, das die beiden Bandbosse bildeten, nämlich Keyboarder Joe Zawinul und Saxofonist Wayne Shorter. Beide Künstler waren seit jeher die Schöpfer des Löwenanteils ihrer besten Werke. Auf „Heavy Weather“ bekamen sie jedoch plötzlich einen starken und gleichwertigen kompositorischen Mitstreiter. Dieser wurde vom fantastischen Bassisten Jaco Pastorius verkörpert, für viele Musikliebhaber, nicht nur in der Jazzwelt, sogar der beste Bassist aller Zeiten. „Heavy Weather“ war ihr erstes Album, auf dem Jaco von Anfang bis Ende als reguläres Mitglied mitwirkte, da seine instrumentale und kompositorische Rolle auf „Black Market“ deutlich geringer gewesen war.
Seine monumentalen Fähigkeiten am Fretless-Bass sind bis heute ein ganz eigenes Kapitel. Sie liefern die offensichtliche Antwort darauf, warum Weather Report nie in Versuchung gerieten, irgendwann einen E-Gitarristen in ihre Reihen einzuladen. Jaco spielte auf seinem Bass wie im Handumdrehen Tonleitern, schüttelte doppelte Improvisationen aus dem Ärmel und behielt dabei stets ein ungewöhnliches Maß an Melodik bei. Besonders hervorzuheben ist, dass er die Entwicklung fortschrittlicher musikalischer Trends und Techniken hervorragend verstand und verfolgte und all das in sein einzigartiges und innovatives Bassgitarrenspiel einflocht.
Zawinuls vielschichtige Experimente mit Elektronik und spielerische Rhythmen auf den für jene Zeit fortschrittlichen Synthesizern und dem E-Piano sowie Shorters energische Beiträge am Saxofon, die seit jeher die meisten Elemente des traditionellen Jazz einbrachten, sind es, die den zentralen Sound dieses Albums prägen. Neben dem legendären Trio darf man auch die rhythmischen Beiträge des hervorragenden Schlagzeugers Alex Acuña nicht übersehen, der noch aus der „Black Market“-Ära in der Besetzung verblieben war, sowie des neuen Perkussionisten, des Puertoricaners Manolo Badrena. Beide brachten auf energische Weise bildhafte rhythmische Verzierungen in ihre Kompositionen ein. Diese schöpften in vielerlei Hinsicht aus traditionellen Ethno-Elementen, die für die lateinamerikanische Musik charakteristisch sind, die Zawinul als großer Weltreisender schon immer geliebt hatte.
Auf „Heavy Weather“ spürt man, mehr als auf jedem ihrer anderen Alben, die geradezu dramatische Art und Weise, wie sie in ihre einzigartige Form des Jazz Fusion zahlreiche neue Elemente einbrachten, vor allem aus der Popmusik und dem Rock. Die Natur der einzelnen Kompositionen wurde rhythmisch weniger komplex und dadurch auch für jene Hörer zugänglich, die nicht zu den eingefleischten Jazz-Fusion-Fans zählen. Ihre charakteristischen, hochkomplexen Improvisationen vereinfachten sich, was jedoch bei Weitem nicht bedeutet, dass es auf dem Album nicht eine außergewöhnliche Kohäsion und Intelligenz beim Aufbau dramatischer Arrangements, geistreicher rhythmischer Verzierungen und vor allem einer überragenden Atmosphäre gegeben hätte. Zu den rhythmischen Elementen von Funk und Weltmusik, die bereits auf „Black Market“ eine wichtige Rolle gespielt hatten, gesellten sich noch einige Feinheiten, die für die Popmusik charakteristisch sind. Damit ist bereits die halbe Antwort gegeben, woher der plötzliche und gewaltige Erfolg dieses Albums kam.
Weather Report laden uns mit den Eröffnungsklängen des Albums ins „Vogelland“ ein, wo eine außerordentlich ausgelassene Atmosphäre herrscht, die schon an einen Tanzkarneval grenzt. Die Rede ist natürlich von Zawinuls großem Hit „Birdland“, dem bekanntesten Werk ihrer gesamten Karriere, das eine äußerst seltene Leistung in der Geschichte der Instrumentalmusik darstellt: ein Instrumental, das an die Spitze der Musikcharts kletterte. Dieser immergrüne Jazz-Standard eröffnet mit Jacos unvergesslicher, künstlich erzeugter Harmonie, die er durch spezielle Vibrationen der Saiten seiner Bassgitarre erzeugt. Es folgt ein schelmischer und fast tänzerischer Rhythmus mit dem schrittweisen Einbeziehen der übrigen Instrumente. Während Zawinul auf den Keyboards das zentrale Arrangement aufbaut, flicht Shorter am Saxofon seine geistreichen Passagen ein. Die rhythmische Kombinatorik und Melodik wird noch gesteigert durch lebhafte Perkussion, Jacos begleitende Vokalharmonien im Hintergrund und Händeklatschen. Zwischenzeitliche instrumentale und vokale Improvisationen verbinden auf unterhaltsame und lebhafte Weise die vielschichtigen Passagen an Bass und Keyboards. Die Wurzeln der Komposition reichen übrigens bis in die Zeit vor Jacos Ankunft zurück, als das zentrale Arrangement ausschließlich auf den Keyboards aufgebaut war. Der Name leitet sich vom berühmten Jazzclub Birdland ab, der sich in New York befindet. Der Club bekam seinen Namen nach dem legendären Jazz-Saxofonisten Charlie Parker, dem laut Zawinul auch dieses Stück gewidmet ist.
Mit dem rhythmisch ruhigen, geradezu meditativen „A Remark You Made“ schlägt die Stimmung plötzlich in völlig andere Gefilde um und erreicht eine Qualität, die ein Gefühl außergewöhnlicher Nostalgie weckt. Dies ist einer der seltenen Momente auf dem Album, in denen der Schwerpunkt stärker auf dem Aufbau vielschichtiger, geradezu orchestraler Arrangements liegt als auf rhythmischen Spielereien. Dafür ist vor allem Maestro Zawinul verantwortlich, der zentrale Architekt dieser Komposition. Das ist bereits aus den zarten Eingangspassagen auf dem E-Piano erkennbar, die durch Shorters Beiträge am Tenorsaxofon eine Atmosphäre außergewöhnlicher Subtilität und Romantik erzeugen. Joe war schon immer ein großer Romantiker. Sein feinfühliges Gespür für den Aufbau melancholisch gefärbter sinfonischer Arrangements im Bereich des Jazz Fusion hatte seinesgleichen nicht. Zwischendurch ist stets das melodische Klingen von Pastorius‘ Basslinien und kleinere improvisatorische Einlagen schön zu hören.
„Teen Town“ sagt von allen Kompositionen auf „Heavy Weather“ am meisten über Jacos instrumentales und kompositorisches Genie aus. Dieses sein Meisterwerk ist aus einer Reihe ungewöhnlicher Akkorde und Improvisationen am Bass aufgebaut, während im Hintergrund Shorters Saxofonpassagen umherwandeln. Zawinul baut auf den Keyboards die zentrale Melodie auf, während Badrena an den Congas im Hintergrund Pastorius dabei hilft, einen rhythmischen Leckerbissen ungewöhnlicher Dimensionen zu schaffen. Genau diese hypnotischen und innovativen Rhythmen sind verantwortlich für den Titel eines weiteren zeitlosen Jazz-Standards.
Shorters „Harlequin“ ist eine überaus köstliche Mischung aus vielschichtigen Arrangements und lebhaften Improvisationen. Hier glänzt vor allem Onkel Wayne mit seinen geistreichen Saxofonsoli. Keinesfalls zu vernachlässigen sind aber auch Zawinuls lebhafte Verzierungen auf Klavier und Synthesizer, ganz zu schweigen von Pastorius‘ Kletterpartien am Hals der Bassgitarre. Trotz energischer rhythmischer Intervalle, vor allem was die Schlagzeugübergänge im abschließenden Teil betrifft, überwiegt eine außerordentlich ruhige Atmosphäre.
Den einzigen schwächeren Moment des Albums bildet das enigmatische „Rumba Mama“, das sich aufgrund seiner besonderen Natur nicht am besten mit den übrigen Stücken darauf einfügt. Es handelt sich um einen kürzeren Live-Einschub in solistischer Ausführung beider Perkussionisten, nämlich Acuña und Badrena. Dabei stört keineswegs ihre hervorragende Darbietung in energischen Rhythmen der Karibikmusik, sondern Badrenas völlig unnötiges Schreien und der Applaus des Publikums. Zum Glück handelt es sich nur um einen kurzen Einschub, der die Atmosphäre des Albums keineswegs verdirbt.
Die Dinge werden sofort ernster mit Shorters „Palladium“, das eines der rhythmisch bewegtesten Werke in der Geschichte der Band ist, mit einem Überfluss an eigenwilligen Improvisationen und solistischen Einlagen. Die saftigen Saxofonpassagen von Shorter werden von einer außergewöhnlichen rhythmischen Kombinatorik begleitet. Hier gelingt es Pastorius mit seinen einzigartigen Bass-Griffen in Verbindung mit mächtigen Schlagzeugübergängen und dem farbenprächtigen Spiel der Perkussion, eine eigentümliche karibische Atmosphäre zu schaffen. Das Bild einer exotischen Meeresküste beim Sonnenuntergang vervollständigen noch Zawinuls Kreationen auf Klavier und Synthesizer, die in rhythmisch entscheidenden Momenten erscheinen.
Auf dem exzellenten „The Juggler“ demonstriert Joe einmal mehr seine Vielseitigkeit und seinen Ruf als einer der versiertesten Keyboard-Zauberer in der Geschichte der modernen Musik. Nach dem einleitenden, orientalisch gefärbten Arrangement auf den Synthesizern steigert er langsam die ätherische Atmosphäre. Einzelne rhythmische Muster schaffen eine Atmosphäre, als würde jemand die ganze Zeit mit den einzelnen Instrumenten jonglieren. Pastorius‘ Bassimprovisationen sind wieder einmal pure Fantasie, während Shorters Saxofon innerhalb der Komposition den Löwenanteil an Romantik einbringt.
Das abschließende „Havona“ ist in erster Linie ein Leckerbissen für alle Anhänger des Großmeisters der Bassgitarre. Jaco demonstrierte diesmal nicht nur eine weitere eigentümliche Vorstellung im Bassspiel, sondern es gelang ihm, eines der besten Werke des Albums zu schreiben. Es handelt sich um eine rhythmisch außerordentlich intensive Komposition mit einer ganzen Reihe dramatischer Übergänge und geistreicher Improvisationen. Nach den dramatischen, geradezu epischen Eingangspassagen auf den Keyboards fallen scharfe Basslinien ein, begleitet von dynamischen Schlagzeugübergängen. Alle Instrumentalisten zeigen hier unglaubliche Improvisationen und solistische Einlagen, dennoch sind Jacos Streiche am Bass erneut hervorzuheben. Seine Geschwindigkeit beim Greifen der Akkorde, intensive Kletterpartien durch Tonleitern und Übergänge in doppelte Improvisationen nehmen einem schlicht den Atem. Einen besseren Abschluss für das Album kann man sich nicht vorstellen.
„Heavy Weather“ bleibt eines der besten und bedeutendsten Alben in der Geschichte des Jazz Fusion. Es stellt jenen bedeutenden Wendepunkt in der Geschichte des Jazz dar, an dem es der legendären Band durch die Einbeziehung einiger Einflüsse der damaligen Popmusik gelang, den Jazz Fusion auf die nächste evolutionäre Stufe seiner Entwicklung zu heben. Zu einer Zeit, als die anderen Jazz-Fusion-Pioniere hilflos die Hände hoben, gelang es Weather Report, das Interesse der breiteren Öffentlichkeit für dieses Musikgenre zu erneuern. Darauf erreichten Weather Report ihren Höhepunkt als Komponisten und schufen eines der glanzvollsten Juwelen in der Geschichte der Jazz-(Fusion-)Musik sowie einen ebenbürtigen Nachfolger zum Meisterwerk „Black Market“. Dem legendären Dreigestirn Zawinul, Shorter und Pastorius gelang das Unmögliche: Sie wurden zu den wenigen Jazz-(lies: ernsten) Musikern, die in puncto Massenbeliebtheit mit den Rock- und Pop-Stars jener Zeit mithalten konnten. Damit wurde auch das Fundament ihrer klassischen Besetzung gelegt, die entscheidend dafür war, dass Weather Report am längsten aller Jazz-Fusion-Pioniere am Leben blieben.
Besetzung
Joe Zawinul – 2 ARP 2600, Rhodes E-Piano, Yamaha Flügel, Oberheim polyphoner Synthesizer, Gesang, Melodica, Gitarre, Tabla
Wayne Shorter – Sopran- und Tenorsaxofon
Jaco Pastorius – E-Bass, Mandocello, Gesang, Steel Drums
Alex Acuña – Schlagzeug, Congas, Toms, Händeklatschen
Manolo Badrena – Tamburin, Congas, Gesang, Becken, Perkussion
Produktion
Joe Zawinul, Jaco Pastorius und Weather Report
Trackliste
1. Birdland
2. A Remark You Made
3. Teen Town
4. Harlequin
5. Rumba Mamá
6. PalladÃum
7. The Juggler
8. Havona