Heavy Metal Thunder – Live: Eagles Over Wacken (DVD/2CD)

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Autor: Aleš Podbrežnik

Künstler: Saxon
Label: UDR
Erscheinungsjahr: 2012
Laufzeit: 240min (DVD) / 120min (2CD)
Bewertung: 4.8/5

Suchst du vielleicht nach einer Ausgabe namens »Eagle Has Landed pt. IV«? Nichts leichter als das. Es war auch höchste Zeit. Man könnte kaum behaupten, dass irgendein anderes Duo schicksalhafter miteinander verbunden wäre als Saxon und Wacken. Vielleicht Jeans (denim) und Leder (leather), Heavy Metal und Donner (thunder), Hengste  (stallions) und Autobahn (highway) – die Liste ließe sich endlos fortführen. All das hat aber einen einzigen gemeinsamen Nenner. Saxon.

Saxon? Viel, geradezu zu viel wurde bisher über Saxon gesagt. Aber diese Band tritt mit solcher Leidenschaft um sich und trotzt dem rostbringenden Lauf der Jahre mit solcher Hartnäckigkeit, dass man gar nicht anders kann. Um die Bedeutung des Titels  des neuen Saxon-Konzertdokuments »Heavy Metal Thunder Live – Eagles Over Wacken« besser einordnen zu können, muss man kurz die Saxon-Karriere faktisch auffrischen.  Die Band wurde 1976 in Barnsley (Yorkshire) in Großbritannien gegründet und gilt unter den europäischen Heavy-Metal-Bands auch im Jahr 2012 noch als eine der aktivsten und größten. Hand aufs Herz. Saxon zählte tatsächlich bis 1987 zu den größten Metal-Bands überhaupt und füllte Stadien. Dank der goldenen Achtziger haben sie bis heute über 13 Millionen Alben verkauft und jede Menge Hit-Singles in  die Top-20 diverser  Charts geschossen. Und dann kam der kommerzielle Schiffbruch. Mit einem Album, das zwar richtig gut ist, aber zu lautstark an die Tür des amerikanischen Markts klopfen wollte.  »Destiny«. Danach erholte sich die Band eine ganze Weile nicht. Mit dem Album »Solid Ball Of Rock« kehrte sie zurück und wandelte sich schrittweise  zu einer Gruppe, die fast ausschließlich der deutsche Markt am Leben hält. Das treue deutsche Publikum. Wer im Metal das deutsche Publikum einmal auf seiner Seite hat, dem gilt die Faustregel: die Treue hält bis ins Grab. Mit ihren folgenden Studioalben modernisierten Saxon ihren Sound in vielen Attributen des Heavy Metal klanglich in Richtung »deutsch klingend« und näherten sich damit den Bands an, die in der zweiten Hälfte der Neunziger das »Revival« des melodischen Prinzips im Metal prägten (der bekannte Power-Metal-Ausbruch mit HammerFall an der Spitze). Zu Beginn des neuen Jahrtausends war diese Bewegung auf ihrem Höhepunkt, und Saxon hielten mit ihr Schritt – was sie in einem weiten Bogen wieder in den Fokus der Metal-Massen zurückbrachte. So standen Saxon 2001 erstmals als Headliner auf der Bühne eines der heute größten und wichtigsten Metal-Festivals der Welt. Sie betraten die Bühne des deutschen Wacken Open Air.

Saxon und Wacken. Dass das so zusammenpasst wie der Schlüssel ins Schloss, dafür braucht es auch etwas Glück. In diesem Fall ist der Schmied dieses Glücks für Saxon zweifellos Thomas Jensen – einer der Hauptköpfe hinter der Festivalorganisation, gleichzeitig Chef des Saxon-Managements und Leiter der Booking-Agentur ICS GmbH, die die Hand über den Großteil der Dinge hält, die rund um das heutige Erscheinungsbild und Wirken von Saxon laufen. So erschien bereits 2003 die Doppel-DVD »The Saxon Chronicles« mit der vollständigen Aufzeichnung des Saxon-Auftritts in Wacken 2001. Die Band kehrte anschließend immer wieder auf die Hauptbühne des Festivals zurück und trat dort in den Jahren 2004 (zur Zeit der Veröffentlichung des Albums »Lionheart«), 2007 (zur Zeit des Albums »The  Inner Sanctum«) und 2009 (zur Zeit des Albums »Into the Labirynth«) auf. Die neue DVD sichtet die Highlights aus allen drei Wacken-Auftritten und mixt sie zu einer Minestrone – einem ausgewachsenen Marathon aus 30 Saxon-Songs. Die Reihenfolge ist »zufällig«, also von der Band selbst festgelegt; dabei kommt kein Stück doppelt vor, und alle sind fester Bestandteil des eisernen Pflichtrepertoires, das bei keinem Saxon-Gig fehlen darf. 

Die Band besuchen wir seit Jahren in der Regel in Clubräumen – außerhalb Deutschlands und Großbritanniens, sofern keine interessanteren Vorbands auf Tour dabei sind –, während Saxon in  Deutschland zwingend in Hallen mit 1.000 bis 2.000 Besuchern auftreten, was ein Beweis für die deutsche Treue zur Band ist (egal, wer als Vorband dabei ist). Da die Band regelmäßig auf Tour geht, sind ihre Konzerte sowohl in Deutschland als auch anderswo in Europa stets ausverkauft. Die Wacken-Auftritte dagegen versammelten ein Meer von Menschen – mehrere Zehntausend Köpfe vor der Bühne. Jedes Mal, wenn Saxon dort spielten. Die riesige Bühne nutzten Saxon auch, um ihren legendären Adler aus Scheinwerfern einzusetzen, dazu zusätzliche Bühnenkulissen passend zum jeweils aktuellen Studioalbum;  außerdem füllten sie die Bühne mit weiteren Leinwandprojektionen,  einem üppig ausgeweiteten Spiel aus Lichteffekten und Nebelwolken. Da Biff Byford heute der einzige aktiv über die Bühne laufende Saxon-Mann ist, beeindruckt die Band kinetisch kaum – die Show ist ziemlich statisch, von den halsbrecherischen Aktionen von Bassist Nibbs Carter abgesehen. Deshalb hinterlässt die Band mancherorts oft den Eindruck, dass die Bühne während des Konzerts zu wenig genutzt wird – eine Folge davon, dass Saxon in ihrer heutigen Besetzung fast zwei Jahrzehnte lang gewohnt sind, überwiegend in Clubs und etwas größeren Hallen aufzutreten, und bei Massenveranstaltungen wie diesem neuen DVD-Träger nicht mehr auf pompöse Inszenierung setzen.

Der Sound ist wahnsinnig, die Ausführung nicht weniger. Die Magie zwischen Publikum – Band: ungetrübt und einzigartig. Einzig der Blick in den breiten »Abgrund«, der Bühnenrand und erste Reihe trennt (den sogenannten »photo pit«), ist ein Minuspunkt, wenn man die Cluberfahrung eines Saxon-Konzerts mit dem Festival-Massenauftritt ihrer Bühnenshow vergleicht.

Aber der alte Fuchs Biff, mit allen Wassern gewaschen, ist ein derart erfahrener Bandleader und Frontmann, dass er mit seiner außergewöhnlichen Charisma und seinem geschickt gespitzten Mundwerk in den Pausen zwischen den Songs mit  federleichter Hand ganze Ozeane von Publikum vor der Bühne führt und beherrscht. Dazu spricht die Ausführung der Saxon-Klassiker für sich. Darin gelten Saxon auch heute noch als eine der besten Livebands des modernen Heavy Metal. Und das mit einem Erfahrungsschatz von fast 40 Jahren – genauer gesagt 36. Biff hält mit seinem Dienstalter freilich nicht mehr durchgehend die Frische seines Vocals über ein ganzes Konzert, weshalb einige Gesangslinien angepasst sind, damit der Mann seine Kräfte einteilen kann; manche Linien überlässt er dem Publikum (besonders bei den Klassikern des eisernen Repertoires) – und die Tontechniker sorgen natürlich stets dafür, dass Biffs Stimme mit einem satten Echo-Effekt unterstützt wird, was den Eindruck außergewöhnlicher Stimmkraft des Sängers auch im neuen Jahrtausend festigt. Also, ein bisschen gemogelt wird schon – aber das kann man ihm nachsehen. Nicht jeder, der als Sänger in unserem Sonnensystem geboren wird, ist eben ein Mann mit verchromten Stimmbändern – »the voice of rock«, Mr. Glenn Hughes.

Die Band hat klug erkannt, dass der Standard ihrer drei Wacken-Auftritte auf sehr ähnlichem Niveau liegt, und hat alle drei deshalb für diese DVD zu einem einzigen Stück zusammengeführt. Zu einem echten Konzertmarathon, der in seiner Gesamtlänge exakt zwei Stunden und 40 Minuten dauert. Und Saxon bekommst du dabei aus allen erdenklichen Blickwinkeln. Bis in die Finger, in jeden Schweißtropfen – die Kameras schmeißen dich direkt mitten ins tobende Publikum. Kurz gesagt: Auch wenn drei Konzerte zu einem zusammengeführt werden, mangelt es keineswegs an authentischer Echtheit des Saxon-Konzertstandards für das neue Jahrtausend. Die 30 Songs in einem Stück berühren buchstäblich jedes Studioalbum aus der Karriere der Band.

Damit das Maß voll ist, hat die Band auch noch eine Version dieser DVD herausgebracht, der das komplette Konzertdokument auf zwei zusätzlichen Audioträgern beiliegt – also eine Doppel-Konzert-CD. Mitgeschnitten bei einem Auftritt im Rahmen der »Call To Arms«-Tournee, am 14.04.2011 in Glasgow. Also eineinhalb Monate vor der Ankunft von Saxon in Ljubljana, als sie am 30.05.2011 im Kino Šiška spielten. An der Form der Band gibt es nichts zu zweifeln – und es handelt sich wieder um ein eigenwilliges Dokument, das diesmal erneut von den britischen Inseln stammt, genauer gesagt aus den schottischen Highlands, mit einer deutlich intimeren Atmosphäre als in Wacken. Dieses Dokument bringt willkommene Abwechslung ins Konzertrepertoire: Neben den »Call To Arms«-Klassikern, den neueren Demon Sweeney Todd, Man And Machine und den beiden urzeitlichen »Denim And Leather«-Schätzen Play It Loud und Never Surrender erweitert es den Rückblick auf die Saxon-Musik auf dankbarste Weise – eine echte Wohltat für alle, die die Band erst kennenlernen wollen, ohne gleich irgendwelche Best-of-Kompilationen dubioser Herkunft zu kaufen.

Das ist eine Ausgabe, die solch eine Fülle an neuem Konzertmaterial der Band liefert, dass man sie kaum in einem einzigen Stück konsumieren kann – es sei denn, man ist aus dem widerstandsfähigsten Teig geknetet. Dieses neue Dokument lässt sich durchaus auch als »The Eagle Has Landed pt. IV« bezeichnen, worauf auch der zweite Teil des offiziellen Titels hindeutet (»Eagles Over Wacken«). Die Veröffentlichung dieses Dokuments in der Version  DVD/2CD ist schlicht Pflicht!

Die Regel, dass jede neue Konzertveröffentlichung von Saxon eine ganz eigentümliche Wonne der reinsten und heiligsten Konzerttaufe ist, die nur das ureigene Gesicht des Heavy Metal bieten kann, bleibt auch mit diesem neuen Dokument vollkommen ungetrübt. Es ist eine Pflichtergänzung für die Sammlung jedes rechtgläubigen Saxon-Fans und gleichzeitig ein hervorragender Einstiegspunkt für alle neu »angeheizten« Neugierigen, die sich intensiver in die Welt dieser großartigen Band einarbeiten wollen – einer Band, die schlicht nicht altert. Nächstes Jahr folgen ein neues Studioalbum und eine neue Tournee. So läuft das bei Saxon. Kein Abgespeist-werden mit üppig vermarkteten Krümeln großer Kuchenstücke, wie es Saxons Zeitgenossen aus den Tagen der N.W.O.B.H.M.-Eruption heute gerne und regelmäßig tun – das große Unternehmen namens Iron Maiden. Der Reichtum dieses Dokuments bewahrt den Reichtum solcher offiziell gelieferter Dokumente einer Band, die kein Tricksen kennt und den Hörer (und Zuschauer) stets mit dem vollen Ausspeien des heiligen Feuers einer ungezügelten Kanonensalve aus allen verfügbaren Rohren versorgt. So ist das immer, wenn »Heavy Metal Thunder« live donnert!

Besetzung

Biff Byford – Gesang
Paul Quinn – Gitarre
Doug Scarratt – Gitarre
Nibbs Carter – Bassgitarre
Nigel Glockler – Schlagzeug
Joerg Michael – Schlagzeug (nur DVD)

Trackliste

DVD:
01. Batallions Of Steel
02. Heavy Metal Thunder
03. Metalhead
04. Let Me Feel Your Power
05. To Hell And Back Again
06. If I Was You
07. Killing Ground
08. Unleashed The Beast
09. Dogs Of War
10. Rock‘n Roll Gipsy
11. Travellers In Time
12. The Eagle Has Landed
13. 747 (Strangers In The Night)
14. Dallas 1 p.m.
15. Witchfinder
16. Solid Ball Of Rock
17. 20.000 Feet
18. Red Star Falling
19. Rock The Nations
20. The Power And The Glory
21. Stallions Of The Highway
22. Live To Rock
23. And The Bands Played On
24. Princess Of The Night
25. I‘ve Got To Rock (To Stay Alive)
26. Attila The Hun
27. Denim And Leather
28. Ashes To Ashes
29. Crusader
30. Wheels Of Steel

Extras:
01. Behind the scenes (Interview mit der Band)
02. Slideshow

CD 1:
1. Hybrid (Intro)
2. Hammer Of The Gods
3. Heavy Metal Thunder
4. Back In 79
5. Never Surrender
6. I ve Got To Rock (To Stay Alive)
7. Dallas 1 p.m.
8. Call To Arms
9. Solid Ball Of Rock
10. Demon Sweeney Todd
11. And The Bands Played On
12. Man And Machine
13. Play It Loud
14. When Doomsday Comes(Hybrid Theory)
15. To Hell And Back Again

CD 2:
1. Motorcycle Man
2. Denim And Leather
3. Princess Of The Night
4. Crusader
5. 747 (Strangers In The Night)
6. The Eagle Has Landed
7. 20,000 Feet
8. Strong Arm Of The Law
9. Wheels Of Steel

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