Headline News
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Atomic Rooster
Label: Eagle Records
Erscheinungsjahr: 1983
Wertung: 2.5/5
»Headline News« war das siebte und letzte Studioalbum der legendären Heavy-Prog-Rock-Band Atomic Rooster. Der Kult-Keyboarder und Hauptkomponist Vincent Crane (1943-1989) war, wie so oft zuvor in seiner turbulenten und von Tragödien gezeichneten Karriere, vor Beginn der Aufnahmen gezwungen, eine völlig andere Truppe um sich zu versammeln als jene, die am Vorgängerwerk »Atomic Rooster« (1980) mitgewirkt hatte, denn sein ‚bester Freund‘, Gitarrist/Sänger John Du Cann, hatte ihn 1982 ohne jede Erklärung und Vorankündigung verlassen.
Crane und der auf die Bühne zurückgekehrte Schlagzeuger Paul Hammond (1942-1992) mussten sich bei »Headline News« mit Gelegenheitsgitarristen behelfen, unter denen der legendäre David Gilmour (Pink Floyd) am deutlichsten herausstach, wobei auch Bernie Torme (Gillan) und John Mizarolli keineswegs von schlechten Eltern waren. Jon Field (Jade Warrior) kümmerte sich um zusätzliches Schlagwerk, während Jean Crane, Vincents Frau, und Tareena Craze für die Backing Vocals sorgten. Frau Crane half ihrem unglückseligen Mann außerdem, die Texte für die Songs »Metal Minds«, »Time« und »Watch Out/Reaching Out« zu schreiben. Die drastischsten Änderungen waren jedoch der Einsatz von Synthesizern sowie Cranes neue Rolle als Leadsänger, obwohl er nie mit sonderlich ausgeprägtem Gesangstalent gesegnet war. Eine andere Wahl hatte er damals leider nicht, weshalb »Headline News« vor allem gesanglich ihr mit Abstand schwächstes Album ist, während auch die meisten kompositorischen Ideen nicht besonders geglückt waren. Zusätzlich gelähmt wurde das Album durch eine schwache Produktion als Folge des geringen Budgets.
Die logische Konsequenz all dieser Rochaden in der Besetzung war eine erneute klangliche Mutation, was bei Atomic Rooster nichts Neues war. Auf dem Vorgängeralbum hatten sie sich erfolgreich als Hard-Rock-Band etabliert, die den Sprung in eine neue Ära schaffte und die Aufmerksamkeit der NWOBHM-Szene auf sich zog. Damit war auf »Headline News« Schluss, denn dank des Synthesizer-Einsatzes mutierten sie zu einem ziemlich merkwürdigen und wenig geglückten Hybrid aus Hard Rock, melodischem Rock und New Wave. Das Einzige, was noch an den alten Atomic Rooster erinnerte, war Cranes charakteristisches, virtuoses Hammond-Orgelspiel – die einzige Konstante ihrer ganzen Karriere.
Die eröffnende pazifistische Hymne »Hold Your Fire« mit melodramatischen Synthesizer-Texturen zeigt anschaulich, wo sie sich stilistisch zu jenem Zeitpunkt befanden. Das hätte ein wirklich gelungenes Stück sein können, doch Cranes technisch begrenzter Stimmumfang zieht es ein Stück weit nach unten. Der legendäre Organist hatte eine melodische, aber dünne Stimme, die bei langsameren, ruhigeren Stücken noch am besten wirkte. Gilmours ‚weinende‘, absolut unverkennbare Gitarrensolos sind nicht zu überhören, und sie fügen sich hervorragend in die melodramatische Atmosphäre ein. Der Titeltrack ist eines der bizarreren Experimente – und das nicht im guten Sinne, denn es handelt sich um eine wahre Collage eilig zusammengeklebter Klangelemente, aus der Cranes solistische Orgel-Meisterleistungen mit Abstand am besten herausragen. Alles andere ist vergesslich – seien es die wenig überzeugenden weiblichen Vokalharmonien, der repetitive Rhythmus, das langweilige Gitarrenriff, von Cranes ‚märtyrerhaftem‘ Gesang ganz zu schweigen.
Der melodische Rocker »Taking A Chance« ist ein solides Stück, das mit dem richtigen Leadsänger sogar echtes kommerzielles Potenzial gehabt hätte – denn es hat einen schönen Refrain, melodische Harmonien auf Orgel und Gitarre und ein ausgelassen-optimistisches Ambiente. »Metal Minds« ist ein ziemlich matter, im gemächlichen Tempo angelegter Hard Rocker mit einem etwas billigen Science-Fiction-Text über intelligente Roboter, bei dem nur die temperamentvollen Orgel- und Gitarreneinlagen Aufmerksamkeit verdienen. Das von heiterer Atmosphäre durchdrungene »Land Of Freedom«, bei dem die weiblichen Vokalharmonien neben einem feinfühligen Klaviereinsatz ausnahmsweise überzeugend wirken, erschien auch als Single, stieß aber auf keinerlei kommerziellen Widerhall. Cranes Gesang ist wieder ausgesprochen schwach, und manchmal fragt man sich, ob es nicht besser gewesen wäre, ein rein instrumentales Album zu veröffentlichen – aber das wäre in den Achtzigern kommerziellem Selbstmord gleichgekommen.
Das schizophrene »Machine« ist einerseits eine gesangliche Katastrophe, enthält andererseits aber eine brillante Instrumentalpassage mit einer wahren Orgel-Orgie, komplexen Klavierarrangements und herrlich verästelten Schlagzeug-Übergängen. Manchmal wirkt es, als verkörpere es Cranes innere Zerrissenheit. Das in langsamem Rhythmus angelegte »Dance Of Death« erinnert mit seiner düsteren Atmosphäre und dem okkultistischen Text sogar ein wenig an den klassischen Atomic-Rooster-Sound und ist daher in vielerlei Hinsicht der beste Moment auf »Headline News«. Neben »Time« ist es das einzige Stück auf dem Album, bei dem Cranes Gesang wirklich funktioniert, da er einen veränderten, tiefer intonierten und ‚erzählerischen‘ Singstil einsetzt, der sich hervorragend mit den wogenden Synthesizer-Texturen, den enigmatischen Klavierarrangements und dem dramatischen Einsatz des Schlagwerks verbindet.
»Carnival«, ein bizarrer Hybrid aus Hard Rock und New Wave mit einer Prise Prog-Rock-Eklektizismus, ist seinerseits wieder ein ziemlich chaotisches Stück mit düsterer Atmosphäre, bei dem Cranes vokale Exzentrik nicht begeistert – dafür wirken die ätherischen weiblichen Vokalharmonien umso überzeugender. Der melodische Rocker »Time« bietet einen soliden Abschluss des Albums, bei dem die feinfühligen Klavierarrangements, einzelne melodramatische Gitarrenpassagen und der melodische Refrain für ein für Atomic Rooster völlig untypisches, mitreißendes und positives Ambiente sorgen. Cranes Gesang fällt diesmal überraschenderweise überzeugend aus, was er nicht zuletzt den gelungenen Backing-Vocal-Harmonien verdankt, während er an Klavier und Orgel ein letztes Mal beweist, warum er einer der größten Keyboard-Talente aller Zeiten war.
Auf der CD-Neuauflage finden sich als Bonustracks das knallharte »Future Shock«, das von Gitarrist Mizarolli geschrieben wurde, sowie das letzte Prog-Rock-Experiment »Watch Out/Reaching Out«. Etwas ironisch ist, dass beide Kompositionen zu den besseren Stücken auf »Headline News« gezählt hätten, wenn Crane sie in den regulären Teil des Albums aufgenommen hätte.
Herr Crane wäre auf »Headline News« ganz sicher nicht stolz gewesen, wenn er heute noch am Leben wäre – aber angesichts des kleinen Produktionsbudgets, eines Trios an Gitarren-‚Söldnern‘, die ihren Job so schnell wie möglich erledigten, und seines eigenen Vokalanteils, der nicht für große Projekte gemacht war, ist er am Ende noch ganz passabel durchgekommen und hat ein in vielerlei Hinsicht interessantes Album erschaffen, das sich von allen Vorgängern grundlegend unterscheidet. Das alles muss man beim Hören dieses Abschiedswerks der ‚atomaren Hähne‘ im Hinterkopf behalten, um zu verstehen, in welchem Chaos sich die legendäre Band damals befand. Nach der Veröffentlichung von »Headline News« trat Crane noch ein letztes Mal auf Konzerttournee an, begleitet von Schlagzeuger Hammond sowie Torme und Mizarelli (letzterer nur für den britischen Teil der Tournee), bevor er Ende 1983 Atomic Rooster auflöste.
In den folgenden drei Jahren arbeitete er gemeinsam mit Peter Green (ex-Fleetwood Mac) und Ray Dorset (ex-Mungo Jerry) am Projekt Katmandu sowie mit der Pop-Band Dexys Midnight Runners zusammen. 1987 beschloss er, gemeinsam mit Du Cann, mit dem er sich auf wundersame Weise wieder versöhnt hatte, Atomic Rooster wiederzubeleben. Eine Deutschlandtournee hätte 1989 beginnen sollen. Leider kam Cranes heimtückische psychische Erkrankung dazwischen, und der legendäre Keyboarder beendete durch eine Überdosis Anästhetika auf tragische Weise sein von zahlreichen bitteren Enttäuschungen geprägtes Leben – während sein Atomic-Rooster-Vermächtnis weiterlebt.
Besetzung
Vincent Crane – Hammond-Orgel, Klavier, Synthesizer, Schlagwerk, Bassgitarre, Gesang
Paul Hammond – Schlagzeug, Schlagwerk
GASTMUSIKER:
Bernie Tormé – Gitarre
David Gilmour – Gitarre
John Mizarolli – Gitarre
Jon Field – Schlagwerk
Jean Crane und Tareena Craze – Backing Vocals
Produktion
Vincent Crane
Trackliste
1. Hold Your Fire
2. Headline News
3. Taking a Chance
4. Metal Minds
5. Land of Freedom
6. Machine
7. Dance of Death
8. Carnival
9. Time