Havoc

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Autor: Aleš Podbrežnik

Interpret: Circus Maximus
Label: Frontiers Records
Erschienen: 2016
Laufzeit: 54:12
Wertung: 4/5

Progressive Metal im »klassischen« Sinne des Wortes – also jener, der in weiten Teilen durch das Auftreten von Dream Theater auf der Szene definiert wurde – ist heute aufgrund der rasanten Entwicklung des Metal-Handwerks, des generellen genreübergreifenden Fusionierens und der unglaublichen technischen Aufrüstung, mit der Musiker der neuen Generation ausgestattet sind, und damit einhergehend mitunter schon extrem komplexer Formate ihrer eigenen Kompositionen, etwas angestaubt, weniger interessant. Zwar verliert er nichts von seinem Ansehen und seiner Wertschätzung, aber die Zeiten ändern sich. Da sind Animals As Leaders, da ist der ewig provokante »Sonderling« Devin Townsend, bis zu einem gewissen Grad sogar das Äquivalent dessen, was Steven Wilson heute im Prog Rock darstellt, und ähnliche »Herausforderer« – ganz zu schweigen vom Fusionieren von Death Metal mit progressiven Elementen (Alkaloid). Bei alledem kann Progressive Metal im klassischen Sinne des Wortes beim Hören sogar langweilig werden.  Mit Ausnahme einiger etablierter Namen auf der Szene wie eben Dream Theater, die eine gesicherte breite Hörerschaft haben, sind die übrigen Bands (auch wenn es sich um außergewöhnliche Musiker handelt, die außergewöhnliche Alben geschaffen haben), die eben unter dem Einfluss von Dream Theater entstanden sind, heute in ein randständiges Dasein gedrängt.

In diesen Sack des Obskuren, der heute die Sphäre des Progressive-Metal-Genres bedeckt, sind folgerichtig auch Circus Maximus geraten – dabei eigentlich namhafte norwegische Schöpfer von Progressive-Metal-Perfektionismus, wie er von der anerkannten und geschätzten Schule der skandinavischen Progressive-Metal-Feinmechanik vorgegeben wird.

Das Quintett Circus Maximus agiert weiter in unveränderter Besetzung und liefert, vier Jahre nach dem Erscheinen des Albums »Nine«, sein viertes Langspielwerk mit dem Titel »Havoc«. In ihrem Stil, natürlich. Obwohl sich die Herren beim Komponieren einiger modischer Klangkosmetika bedient haben, die gelegentlich durch einzelne Motive in den Stücken wahrnehmbar sind – wie im Titelstück des Albums gezeigt (fetter Sound mit tieferer Stimmung, die »abgehackte« Art der Betonung der Verses im Metrum, zusätzliche »Gang-Shouts«) –, pflegen sie erwartungsgemäß durch die Kompositionen hindurch eine außergewöhnliche, fast schon fanatische Treue zum hohen musikalischen Wert und damit zu einmal mehr schnell erschließbaren Formen, wie sie den Hörer auf Anhieb packen (Loved Ones).

Die Distanzierung von Ähnlichkeiten mit Dream Theater fällt noch deutlicher aus. Von Platte zu Platte. Mit der Reifung. Der künstlerischen natürlich. Havoc vertieft die eigenständige musikalische Haltung der Band. Neue Fans wird es der Gruppe nicht bringen, aber die Handvoll Hartgesottener – sprich die bestehenden – wird es zufriedenstellen. An Dream Theater erinnern Circus Maximus eigentlich nur im Rahmen der längsten und komplexesten Komposition, nämlich After the Fire, wegen des mittleren instrumentalen Teils, wo sich Keyboards und Gitarre in einem typischen Kreuzfeuer beziehungsweise in einer Abfolge ultrasonischer Solosalven befinden. Ansonsten ist der Sound ausgewogen. Gitarren und Keyboards ergänzen sich im Klangwall gekonnt. Besonders klanglich. In dieser Hinsicht leisten sich die Keyboards – um die atmosphärische Kulisse aufrechtzuerhalten – viele verschiedene Sounds, darunter auch den Klang einer Hammond-Orgel-Imitation. Vokalist Michael Eriksen bleibt beeindruckend in seiner erlebten Empfindsamkeit. Seine Stimme hat sich etwas abgesenkt, und das ist spürbar – er treibt nicht mehr in extreme Höhen, also jene Höhen, bei deren Re-Kreation er auf Konzerten Schwierigkeiten hätte.

»Havoc« ist also ein Album, das düster, aber unglaublich musikalisch wirkt. Es besitzt die unverkennbare Charisma der Band und liefert acht klar definierte Tracks mit hoher gegenseitiger ideeller Bewegtheit. Daher ist es ein Album, das gespickt ist mit hochdramatischer Ereignisentwicklung. Die solistischen Eskapaden sind jedes Mal geschickt verpackt und an den richtigen Stellen der Kompositionen platziert, damit diese durchgehend eine feste Form des Arrangierens und Komponierens und damit eine musikalisch unterschwellige Verführungskraft bewahren. Mit dem neuen Album bringt die Band keine musikalische Revolution, sondern liefert auf unaufdringliche, wenn nicht gar bescheidene Weise einen neuen Moment außergewöhnlicher kompositorisch-interpretatorischer Pracht sowie künstlerischer Reifung, die sie nun einmal im Genre des Progressive Metal (im klassischen Sinne des Wortes) erreichen kann.

Circus Maximus – Remember (offizielles Video):

 

Besetzung

Michael Eriksen – Gesang
Mats Haugen – Gesang, Backing Vocals, Programmierung
Truls Haugen – Schlagzeug, Percussion, Backing Vocals
Lasse Finbråten – Keyboards, Programmierung, Sampling
Glen Møllen – Bass

Produktion

Mats Haugen

Tracklist

1. The Weight
2. Highest Bitter
3. Havoc
4. Pages
5. Flames
6. Loved Ones
7. After the Fire
8. Remember
9. Chivalry
 

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