Harlequin
Autor: Aleš Podbrežnik
Interpret: House Of Lords
Label: Frontiers Records
Erscheinungsdatum: 2017
Laufzeit: 53:56
Bewertung: 4/5
Unglaublich. Woher kommt noch die Inspiration, woher kommen die Ideen nach so vielen Jahren und so vielen Alben, die man mit immer derselben musikalischen Rezeptur veröffentlicht. Was kann man überhaupt noch recyceln, neu verpacken und nochmal servieren. Wahrscheinlich nur noch die eigene Herzlichkeit und Aufrichtigkeit – was natürlich der Kern der Sache ist. Genau das ist es auch, woran es uns heute so schmerzlich mangelt. James Christian und seine House Of Lords melden sich also wieder zurück. Ausgerechnet in den reifen Jahren ihres Schaffens, in denen House Of Lords sich von einer einst massiv erfolgreichen Band in eine bescheidene Clubband verwandelt haben, die weltweit von einer fanatischen Handvoll glühender Anhänger begleitet wird – vollgepackt mit nostalgischen Gefühlen.
Diesmal hat sich der Mann immerhin zwei Jahre Zeit für das neue Album genommen. Nicht vergessen: zwischen »Precious Metal« (2014) und »Indestructible« (2015) lag kaum ein Jahr. Und das Ergebnis? James Christian gibt nicht nach. Wieder hat er meisterhaft die Siegerformel des Komponierens unterschoben, die in der Vergangenheit schon unzählige Male gezündet hat. Auch diesmal ist es nicht anders. House-Of-Lords-Fans werden das neue Album mit offenen Armen empfangen.
Das Album »Harlequin« öffnet sich geheimnisvoll, geradezu mystisch. Es ist der Titeltrack, der das Album einleitet. Als würde man auf das Album »Cartesian Dreams« (2009) katapultiert, wobei in den kompositorischen Feinheiten Anleihen bei orientalischen Tonleitern gemacht werden – was aus weiter Vergangenheit den Geist des Stücks Sahara und das gleichnamige, längst kultisch verehrte Gruppenalbum ins Gedächtnis ruft. Die Produktion ist natürlich modern, abgespeckt, nackt, kompakt, deutlich riff-lastiger, lebendig und organisch. James Christian hat wieder alles selbst in die Hand genommen. Er ist ein Meister seines Fachs und im Studio ist ihm alles klar. In der Rolle des Produzenten schlägt er sich ausgezeichnet – über seine Rolle als Komponist brauche ich gar keine Worte zu verlieren.
Christians Stimme ist etwas dünner geworden. Das deutet zum Beispiel der Refrain des Stücks Ocean Divine an, wo er die Leadgesangs-Melodie meisterhaft in eine Vielzahl mehrschichtiger Vokalharmonien taucht, die den Leadgesang umhüllen. Der abgebrühte Fuchs weiß genau, wie man die modernen Errungenschaften des AOR und Melodic Rock arrangiert – ein Terrain, auf dem House of Lords seit jeher regieren. »Harlequin« ist damit eine überaus gelungene Fortsetzung der musikalischen Geschichte der beiden Vorgängeralben. Es klingt etwas sophistizierter, die Keyboards dringen eindringlicher vor, setzen stellenweise sogar symphonische Momente, und im absoluten Vordergrund steht wieder die Suche nach der musikalischen Ansteckungskraft, die in den Refrains sofort wirkt. Das Stück The Sun Will Never Set Again öffnet sich mit akustischer Gitarre – etwas, das das neue Studioalbum dem letzten Soloalbum von James Christian annähert. Ehrlich gesagt ist es manchmal gar nicht so leicht, sie auseinanderzuhalten. Der Schöpfer ist immer derselbe – James Christian. Ein Stück wie The Sun Will Never Set Again festigt den AOR-Moment des Albums. »Harlequin« ist ein Album für Träumer, Märchenerzähler. Es spricht einen auch so an – teils persönlich-bekenntnishaft, teils fantasievoll. James Christian ist in dieser Hinsicht ein echter Prediger-Guru.
Auch diesmal stehlen sich die Refrains gegenseitig die Schau, das wahre Schmuckstück aber ist das Stück New Day Breakin‘ in der Albummitte. Ein ungeschliffener AOR-Brillant, der in den Achtzigern auf allen Hitparaden der kommerziellen Radiostationen gezündet hätte. Christian ist heute ein viel besserer Komponist als in den Achtzigern. Unglaublich geschickt ist er darin, musikalische Verführungskraft zu formen. Für »Harlequin« lässt sich sagen, dass House Of Lords seit langer Zeit kein Album mehr vorgelegt haben, das einen so ausgeprägten retro-nostalgischen AOR-Puls trägt. Das Tüpfelchen auf dem »i« setzt wieder der überragende Jimi Bell, der in den fantastischen Gitarrensoli erneut glänzt! Ein Meister, auf den sich Christian immer wieder hundertprozentig verlassen kann. Jimi ist wieder in jedem Moment des Albums genau am richtigen Platz. Ein außergewöhnlicher Gitarrist.
»Harlequin« ist ein neues, herausragendes Album von House Of Lords. Christian hat wieder geschickt die musikalische Rezeptur-Formel unterschoben, die vollblütig zündet und wirkt – und nicht nur ihn, sondern die ganze Band (im künstlerischen Sinne) auch in den reifen Jahren lebendig hält. Fans der Band werden wieder begeistert sein. »Harlequin« serviert fünfzig Minuten detailliert ausgearbeiteten Melodic Rock, der keine Sekunde langweilt – was bedeutet, dass die Band wieder eine Reihe von Stücken mit bunter kompositorischer und stimmungsmäßiger Abwechslung vorgelegt hat. Kein kompositorischer Ausrutscher also!
House Of Lords – Harlequin (offizielles Video):
Besetzung
James Christian – Gesang
Jimi Bell – Gitarre
Chris Tristram – Bassgitarre
BJ Zampa – Schlagzeug
Produktion
James Christian
Trackliste
01. Harlequin
02. Oceans Divide
03. Hit the Wall
04. Saint of the Lost Souls
05. The Sun Will Never Set Again
06. New Day Breakin‘
07. Reign of Fire
08. Concussion
09. Art of Letting Go
10. Grains of Sand
11. The Other Option