Harem Scarem und ein Triestiner Abend voller AOR-Perfektion!
Location: Triest (Trieste) / Macaki klub / Italien
Datum: Donnerstag, 31.10.2013
Kanada war schon immer ein Land außergewöhnlicher Musiker – nicht nur der ganz Großen, die Geschichte des Rocks geschrieben haben, sondern auch zahlreicher Bands aus der zweiten Reihe, die dazu verdammt sind, ihre Geheimnisse weit weg von den Ohren der breiten Masse zu hüten. Eine dieser Bands ist Harem Scarem, die melodic-rock-Meister aus Toronto, die ich persönlich erst 2008 kennenlernte, als das Album »Hope« erschien und nach zwanzig produktiven Jahren ihr Ende ankündigte. Die Bandmitglieder hatten entschieden, dass es Zeit war, ein neues Kapitel aufzuschlagen und sich auch ihren anderen musikalischen Projekten zu widmen. Nach fünf Jahren Pause brachte sie die Chemie offenbar wieder zusammen: Im Herbst machte sich Harem Scarem auf eine europäische Clubtournee, deren Höhepunkt in der zweiten Oktoberhälfte kam, als sie beim renommierten britischen Festival Firefest als einer der Headliner des Tages auftraten. Die Nachfrage nach ihrer Musik ist also trotz der fast fünfjährigen Pause noch immer da – wenn auch, wie Frontmann Harry Hess beim Konzert selbst anmerkte, weitgehend auf den europäischen Markt beschränkt.
Obwohl als Mekka des Melodic Rock in Europa traditionell die skandinavischen und wohlhabenden westeuropäischen Länder gelten, passieren manchmal Wunder – und eine exklusive Band wie Harem Scarem verschlägt es auch in unsere Nähe. Diesmal wieder nur einen Steinwurf von der Westgrenze entfernt, genauer gesagt ins Herz von Triest, wo die Kanadier am letzten Oktobertag auftraten.
Als Vorband traten die stilistisch verwandten Rocker aus Modena auf: Perfect View. Die Band ist in bester Konzertform, was letztlich die stattliche Anzahl an Auftritten in diesem Jahr belegt. Perfect View präsentierten sich als technisch brillante Gruppe von außerordentlicher Energie. Die Eigenkompositionen bauten auf dem Zusammenspiel von Gitarre und Keyboards auf, die mal mit Van-Halen-hafter Spritzigkeit agierten und sich ein anderes Mal zugunsten gitarrenriff-getriebener Themen im Klangbild zurückzogen. Die italienischen Rocker suchten zweifellos auch bei den amerikanischen Größen Journey ihre Inspiration – denen sie mit einer Version von Separate Ways huldigten – wenngleich ihr Stil auch mit der neueren Schule des skandinavischen Melodic Rock gefährlich flirtet, vor allem beim vokalen und backing-vokalen Einsatz in den Kompositionen. Wenn man während Vorbandsauftritte oft ständig auf die Uhr schaut und auf den Headliner wartet, war das diesmal anders: Perfect View hinterließen in einer schulstundenlagen Show einen ausgesprochen positiven Eindruck.
Dann war es Zeit für Harem Scarem, die ohne jeglichen Pomp die Bühne des kleinen Clubs Macaki in Besitz nahmen, in dem sich gut hundert Leute eingefunden hatten. Die Kanadier haben bei ihrer Rückkehr auf die Bühne ihr klassisches Album »Mood Swings« neu aufgenommen (Rezension hier), da sie aufgrund von Label-Tricks nicht Eigentümer ihrer Songs waren. Auf der aktuellen Tour widmeten sie sich anlässlich des zwanzigjährigen Jubiläums der Erstveröffentlichung ganz der Präsentation dieses Albums – und so eröffneten sie den Triestiner Abend mit dem Opener Saviors Never Cry.
In der ersten Konzerthälfte streifte Harem Scarem kurz durch ihre Diskografie – natürlich mit dem Schwerpunkt auf ihrem selbstbetitelten Debütalbum, aus dem sie Hard To Love, Slowly Slipping Away und Honestly präsentierten. Obwohl viele dieses Album für ihr bestes halten, machten sie mit dem bereits erwähnten »Mood Swings« kompositorisch noch einen Schritt nach vorne – weshalb auch die Setlist auf die Linie einer künstlerischen Steigerung der Band ausgerichtet war.
Die klassischen AOR-Kompositionen mit ihrer hervorragenden instrumentalen Ausführung gipfelten in ansteckenden Refrains, die miteinander um Eingängigkeit wetteiferten und bei denen das Publikum – größtenteils echte Kenner der Band – aus einem Mund mit der Band mitsang. Genau die mehrstimmigen Vokalharmonien sind der Punkt, auf den Harem Scarem am stärksten setzen! Ob bei der hard-rock-lastigen Darbietung des Hits Slowly Slipping Away oder dem stimmungsmäßig intensiven Empty Promises – die Kanadier schöpften mit ihren gestimmten Mehrstimmigkeiten aus den Refrains stets das Maximum heraus! In der Mitte des Auftritts blieben nur Sänger Hess und Gitarrist Lasperance auf der Bühne und spielten Jealousy und Just Like I Planned – in der intimen Atmosphäre des Clubs wirkte Harry Hess‘ nach wie vor makelloser Gesang noch bezwingender, ja geradezu magisch, wenn man so will. Dass auch die Finger von Gitarrist Pete Lasperance noch immer gelenkig und des Rufs der Band würdig sind, bewies er in den instrumentalen Intros von Had Enough und Mandy, die den regulären Teil des Auftritts abrundeten. Die wuchtige Rückkehr auf die Bühne mit No Justice fasste die melodische Perfektion des Abends noch einmal zusammen – und weil man das Beste stets für den Schluss aufheben muss, beendeten Harem Scarem das neue Triestiner Rockfest mit dem virtuos angelegten Sahnestück Change Comes Around.
Harem Scarem haben mit ihrem Auftritt in Triest die magische Kraft konzertanter AOR-Perfektion unter Beweis gestellt – getragen von technischer Meisterschaft und einem eingespielten Zusammenspiel auf der Bühne. Damit liegt wieder ein Treffen mit einer Band hinter uns, von der ich noch ein halbes Jahr zuvor gesagt hätte, dass ein Konzert in Reichweite slowenischer Musikfans so gut wie Science-Fiction ist.
Autor: Urban Bolta
Fotos: Aleš Podbrežnik
HAREM SCAREM:
1. Saviors Never Cry
2. Dagger
3. Hard to Love
4. If There Was a Time
5. Sentimental Blvd.
6. Slowly Slipping Away
7. Honestly
8. Karma Cleansing
9. Stranger Than Love
10. Jealousy
11. Just Like I Planned
12. Empty Promises
13. Had Enough
14. Mandy
—Zugabe—
15. No Justice
16. Change Comes Around
PERFECT VIEW:
1. One More Time
2. A Better Place
3. Hold Your Dreams
4. A Reason
5. Believe
6. Separate Ways (orig. Journey)
7. Don’t Turn Away
8. Run
9. Speed Demon
10. Easy Come Easy Go (orig. Winger)
11. Closer
































































