Happy The Man
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Happy The Man
Label: Arista Records
Erschienen: 1977
Laufzeit: 49:07
Wertung: 4.5/5
Happy The Man waren eine amerikanische Progressive-Rock-Band, die 1973 entstand, nachdem Gitarrist Stanley Whitaker und Bassist Rick Kennell festgestellt hatten, dass sie ähnliche musikalische Visionen teilten. Die klassische Happy-The-Man-Besetzung, die Ende der Siebziger ihre beiden besten Alben einspielte, wurde noch ergänzt durch Keyboarder/Saxofonist/Flötist Kevin Wyatt und Keyboarder Kit Watkins (später Camel), während die Position am Schlagzeug deutlich weniger stabil war. Auf dem Debüt wirkten sie mit dem Originaldrummer Mike Beck zusammen, während verschiedene Versuche mit Sängern erfolglos blieben – so übernahm ab Mitte der Siebziger Gitarrist Whitaker einfach selbst die Gesangsaufgaben.
Nach zahllosen Mühen veröffentlichten Happy The Man 1977 schließlich bei Arista ihr gleichnamiges Debüt – mit seiner unberechenbaren, überwiegend instrumentalen Natur eines der besten Werke in der Geschichte des amerikanischen Progressive Rock. »Happy The Man« wurde von Ken Scott produziert, der sich mit Produktionsarbeiten für Alben von David Bowie, Supertramp, Kansas und Level 42 einen Namen gemacht hatte – um nur einige der bekanntesten Künstler zu nennen, mit denen er zusammenarbeitete –, kein Wunder also, dass das Album mit einer beneidenswert hochwertigen Produktion aufwartet.
Happy The Man entlehnten ihren Namen einem gleichnamigen, weniger bekannten Genesis-Song – was nicht weiter überraschend war, denn Genesis hatten neben King Crimson, Yes, Gentle Giant und Van Der Graaf Generator den größten Einfluss auf die Entwicklung ihres ziemlich eklektischen und faszinierenden Sounds, der mit ausgedehnten Improvisationen und längeren Instrumentalpassagen mit mächtigen Keyboard-Harmonien aufwartete. Auch die Einflüsse der Jazz-Fusion-Szene auf ihren Sound waren nicht zu unterschätzen, und so unterschieden sich Happy The Man schon bald von den meisten vergleichbaren Bands der obskuren amerikanischen Prog-Szene der Siebziger. Whitaker war ein brillanter Gitarrist, der sich von den Gitarrenhelden der Jazz-Fusion-Szene – allen voran John McLaughlin – eine Menge abgeschaut hatte, während Wyatt mit seinen Saxofoneinlagen für feurige Jazzpassagen sorgte.
Der Einsatz doppelter Keyboards – allen voran Watkins‘ Schichten subtiler Synthesizer-Texturen – brachte eine Reihe ätherischer sinfonischer Arrangements hervor, was sich bereits beim Opener des atmosphärisch außergewöhnlich tiefgründigen Stücks »Starborne« zeigt, das einen stellenweise ein wenig an bestimmte Werke von Camel erinnert. Kein Wunder, dass Letztere Watkins zwei Jahre später zur Mitarbeit einluden. Doch das erste Stück war erst die Aufwärmrunde für die ‚Symphoprog-trifft-Jazz-Fusion‘-Kanonade, die sich über leidenschaftliche Saxofonpassagen in »Stumpy Meets the Firecracker in Stencil Forrest« entlädt, wo schräge und knackige rhythmische Wendungen das Sagen haben. Die hätten womöglich sogar Frank Zappa gefallen – was wohl das größte denkbare Lob für eine amerikanische Prog-Band ist. Whitaker begeistert zwischendurch mit seinen fingerflüchtigen Jazzimprovisationen, während die Band trotz zahlreicher abrupter Übergänge in komplexe Abschnitte das Gespür für melodische Arrangements nicht verliert.
In »Upon the Rainbow (Befrost)« regiert ein pastorales Melos dank der Flötenpassagen, während Whitaker erstmals sein Gesangstalent unter Beweis stellt und zeigt, dass er ein ganz passabler Sänger war. Bald übernehmen intelligente Saxofon- und Gitarren-Variationen das Ruder und bewahren die ätherische Atmosphäre, während Watkins nicht mit seinen außergewöhnlich fließenden Keyboard-Improvisationen geizt. »Mr. Mirror’s Reflection On Dreams« ist die Inkarnation rhythmischer Komplexität, improvisatorischen Witzes und arrangementtechnischen Perfektionismus‘ – hier findet sich für Fans verschiedener Prog-Rock-Spielarten jede Menge Interessantes. Happy The Man beweisen erneut, dass sie Meister hypnotischer Keyboard-Arrangements und unerwarteter Taktwechsel in äußerst variationsreiche Instrumentalabschnitte waren. »Carousel«, eine weitere atmosphärisch sehr starke Kreation, wartet mit eleganten Klavierpassagen auf, die den Boden für ein düsteres Motiv bereiten, in dessen Zentrum feurige Synthesizer-Improvisationen dominieren.
Den Mitgliedern von Happy The Man mangelte es nie an verrückten und erfrischenden kompositorischen Ideen – besonders deutlich wird das beim totalen ‚Ausrasten‘ in Form von »Knee Bitten Nymphs in Limbo«, wo irre Instrumentalvariationen das Sagen haben und die einzelnen, meist ungemein witzigen Motive sich mit ‚Lichtgeschwindigkeit‘ abwechseln – ein weiteres Stück, das bis heute alle begeistert, die den eklektischsten Formen des Progressive Rock zugetan sind. Bei »On Time As a Helix of Precious Laughs«, dem zweiten der beiden Stücke auf dem Album, bei dem sich Whitaker ans Mikrofon wagte, beruhigen sich die Dinge vorübergehend wieder etwas. Mit dem Einbringen subtiler Klavierverzierungen erdet sich die Atmosphäre fast vollständig, bevor sich Whitaker im Mittelteil einige geradezu epische Gitarrenpassagen gönnt.
»Hidden Moods« gehört zu den ruhigsten Momenten des Albums. Hier glänzt besonders Watkins mit seinem Schichten atmosphärisch üppiger Synthesizer-Texturen, während ihm der hervorragend aufeinander abgestimmte Wyatt an der Flöte Gesellschaft leistet. Whitaker beweist derweil, dass er sich auch auf der Akustikgitarre bestens zurechtfindet. Im zweiten Teil übernimmt ein ausgeprägter Jazz-Fusion-Abschnitt das Ruder, der auch alle Fans von Return To Forever interessieren dürfte. Das Album schließt mit der epischen Suite »New York Dreams Suite«, wo die Band zunächst eine subtile Atmosphäre aufbaut, bis sie sich in irre fusionistische Variationen stürzt. Darin bekommt jedes einzelne Bandmitglied die Gelegenheit, seine instrumentalen Fähigkeiten zu demonstrieren – doch Happy The Man erinnern sich noch rechtzeitig daran, dass es gut wäre, der Komposition ‚Kopf und Schwanz‘ zu bewahren, und verbinden am Ende alles mit traumhaften, melodischen Arrangements zu einem stimmigen Ganzen.
Happy The Man waren eine der wenigen Bands der amerikanischen Prog-Rock-Szene, die das Potenzial in sich hatten, sich unter die Besten und Größten ihres Fachs zu kämpfen – doch sie wurden von der Realität überholt: Das Interesse der Massen am Prog Rock begann Ende der Siebziger rapide zu erlöschen. Ihr hervorragendes Debüt war damit einer der wenigen Edelsteine des amerikanischen Prog, den bis heute niemand auslassen sollte, der auf die zwar weit entwickeltere und reichhaltigere europäische Welt des Progressive Rock schwört. Happy The Man nahmen anschließend noch ein weiteres klasse Album auf, »Crafty Hands« (1978), während »Better Late…« (1979) immer noch ein überaus solides Werk war. Danach verschwanden sie für lange Zeit von der Musikszene und kehrten zu einem Zeitpunkt zurück, zu dem die meisten damit am wenigsten gerechnet hatten.
Besetzung
Stanley Whitaker – Gitarre, Gesang
Kit Watkins – Keyboards, Klavier, Flöte, Marimba
Frank Wyatt – Saxofon, Flöte, Keyboards, Klavier, Hintergrundgesang
Rick Kennell – Bassgitarre
Mike Beck – Schlagzeug
Produktion
Ken Scott
Tracklist
1. Starborne (4:22)
2. Stumpy Meets the Firecracker in Stencil Forest (4:16)
3. Upon the Rainbow (Befrost) (4:42)
4. Mr. Mirror’s Reflection on Dreams (8:54)
5. Carousel (4:06)
6. Knee Bitten Nymphs in Limbo (5:22)
7. On Time as a Helix of Precious Laughs (5:22)
8. Hidden Moods (3:41)
9. New York Dreams Suite (8:32)