Guitar Noir
Autor: Peter Podbrežnik
Künstler: Hackett, Steve
Label: Camino Records
Erscheinungsjahr: 1993
Laufzeit: 61:29
Bewertung: 4/5
Der legendäre Gitarrenvirtuose Steve Hackett hat in den Neunzigern, nach den etwas chaotischen Achtzigern, in denen er sich stilistisch mit einigen nicht besonders geglückten melodisch-rockigen Experimenten „gesucht“ hatte, seine Solokarriere erfolgreich auf Vordermann gebracht. Auf seinem zehnten Soloalbum »Guitar Noir« begann er konsequent einen deutlich düstereren Gitarrenklang zu etablieren, der seine Alben in den kommenden Jahren prägen sollte. Gleichzeitig behielt er all die eklektischen kompositorischen und arrangementseitigen Feinheiten bei, die seine früheren Werke ausgezeichnet hatten – so ist auch dieses Album ein wunderbares Beispiel für progressive Rockunberechenbarkeit, zahlreiche angenehme Gitarrenüberraschungen aus der Hand eines der größten Rockkitarristen überhaupt sowie herrliche Orchesterarrangements, bei denen ihm Keyboarder Julian Colbeck zur Seite stand, während Langzeitweggefährte Nick Magnus diesmal symphonische Texturen lediglich für den Track »Theatre Of Sleep« beisteuerte.
Herr Hackett hatte zu diesem Zeitpunkt bereits herausgefunden, auf welchen Arten von Kompositionen sein technisch begrenzter, aber mit angenehmer ätherischer Wärme gesegneter Gesang am besten zur Geltung kommt – und setzt ihn auf »Guitar Noir« folglich genau dann ein, wenn es am stimmigsten ist. Am Schlagzeug half ihm diesmal der renommierte Drummer Hugo Degenhardt, der vor allem als Schlagzeuger der weltbekannten britischen Beatles-Tributeband Bootleg Beatles bekannt ist, in der er die Rolle von Ringo Starr übernimmt.
»Guitar Noir« ist, was stilistische Bandbreite und Produktion angeht, ein qualitativ außerordentlich ausgewogenes Album, das nach dem Klassiker »Defector« (1980) zweifellos sein ausgereiftestes Werk mit ausgeprägter Rockkomponente darstellt. Das hervorragende Eröffnungsinstrumental »Sierra Quemada« zählt sogar zu den besten Instrumentalstücken in Hacketts gesamter Karriere – durch eine Reihe weinender Gitarrenpassagen vor melodisch wohlklingendem Orchesterklang beschwört er hier eine unvergessliche Ambient-Magie. Auf »Take These Pearls« bringt der legendäre Gitarrist im Stile seines ehemaligen Genesis-Kumpels Peter Gabriel Elemente der Weltmusik ins Spiel – durch exotische Perkussion und lateinamerikanische Gitarrenfinessen. Sein melodischer Gesang fügt sich hier perfekt in die angenehme akustische Melodie und die allgemein melancholische Atmosphäre ein.
»There Are Many Sides To The Night« ist ein episches Glanzstück, das von einem üppigen Gitarrensolo geprägt wird, bei dem alle Liebhaber ätherisch gefärbter Gitarrenfinessen regelrecht ins siebte Himmel abheben werden. Die begleitenden Orchesterarrangements sind ein echter Ohrenschmaus und setzen Hacketts langjährige Verpflichtung gegenüber dem sinfonischen Prog-Rock-Klassizismus nahtlos fort. Auch hier sind die gitarristischen Einflüsse des legendären spanischen Klassikgitarristen Andrés Segovia spürbar, den Steve mehrfach als einen seiner wichtigsten Vorbilder genannt hat. »In The Heart Of The City« ist nach diesem durch und durch klassizistischen Leckerbissen ein deutlich rockigerer Beitrag, in dem elektronische Perkussion, majestätische Vokalharmonien, wogende sinfonische Vorhänge und ein mächtiges Gitarrenriff das Kommando übernehmen – eine Kombination, die ultimatives melancholisches Drama erzeugt.
»Dark As The Grave« kündigt schon mit seinem Titel eine dunklere Atmosphäre an, die aus der Fusion von Steves ätherischem Gesang, vielschichtigen Begleitharmonien und zahlreichen klassizistischen Gitarren-Soli entsteht, die mit Colbecks orchestralen Keyboard-Meisterwerken verschmelzen. Das bluesrockig gefärbte Experiment »Lost In Your Eyes« wird von temperamentvollen Drum-Fills und einer aggressiven Basslinie getragen, während Herr Hackett Gitarrenfeuer spuckt und engagiert die Mundharmonika bearbeitet. Immer wenn Steve die üblichen sinfonischen Prog-Rock-Gefilde verlässt, begibt er sich aufs Glatteis – doch sind seine Experimente mit verschiedenen Stilen trotzdem überraschend oft geglückt. »Little America« ist eine im langsamen Tempo angelegte melodische Rock-Powerballade, in der Herr Hackett mithilfe verträumter Backing-Vocals und zarter Klavierarrangements einen ausgesprochen schönen Refrain zaubert. »Like An Arrow« ist eine düstere Elegie mit einem wehmütigen Gesangsansatz, einer melancholischen Akustikgitarrenmelodie und berührenden Orchesterarrangements.
»Theatre Of Sleep« ist ein weiteres „verschlafenes“ Stück mit langsamem Rhythmus, untröstlichen Gitarrenpassagen und einem jazzig angehauchten Klavierarrangement, das das Flair der 1930er Jahre heraufbeschwört. Das klassizistische Instrumentalmeisterwerk »Walking Away From Rainbows« gehört zu den Ambient-Highlights von »Guitar Noir« – es besticht durch wunderschöne akustische Gitarrenfinessen aus der Hand des legendären Virtuosen sowie majestätische Orchesterarrangements auf dem Mellotron. Das wehmütig gefärbte »Paint Your Picture« ist ebenfalls ein durch und durch klassizistisches Gitarrenstück, bei dem Hacketts verträumter Gesang und ätherische Gitarrenakkorde für eine altehrwürdige pastorale Stimmung sorgen.
Der Klassiker »Vampyre With A Healthy Appetite«, auf dem eine düster-komische Atmosphäre herrscht, ist zweifellos das komplexeste und zugleich unterhaltsamste Stück auf »Guitar Noir«. Unter dem Kommando eines mächtigen Gitarrenriffs regieren hier verschlungene, abrupte Tempowechsel und ungewöhnliche Gesangsansätze mit Vocoder-Einsatz. Letzterer hat Herrn Hackett in den Neunzigern und auch im neuen Jahrhundert vollends in seinen Bann gezogen und war daher auch auf seinen späteren Studiowerken ein häufiger „Gast“. Das abschließende Instrumental »Tristesse« enthält ein packendes Gitarrensolo und eine dramatische Klavierbegleitung, während mächtige orchestrale Vorhänge im Hintergrund wogen – eine Kombination, die eine melancholische, aber auch erhebende Stimmung erzeugt.
Mit dem stilistisch variablen Juwel »Guitar Noir« ist Meister Hackett auf denkbar überzeugendste Weise in die Neunziger gestartet und hat sein klangliches Profil erneut erfolgreich geknetet – diesmal mit einer deutlich dunkleren Ambient-Essenz als in den Jahren zuvor. Diesen Ansatz wird er auf künftigen Studiowerken mit verbesserter Produktion erfolgreich weiterentwickeln, weshalb dieses hervorragende Album einen wichtigen Meilenstein in seiner Solokarriere darstellt.
Besetzung
Steve Hackett – Gesang, Gitarre, Mundharmonika
Julian Colbeck – Keyboards
Aron Friedman – Keyboards
Nick Magnus – Keyboards
Nick Sykes – zusätzliche Keyboards
Dave ‚Taif‘ Ball – Bassgitarre
Hugo Degenhardt – Schlagzeug
Bimbo Acock – Klarinette
Produktion
Steve Hackett
Trackliste
1. Sierra Quemada (5:19)
2. Take These Pearls (4:14)
3. There Are Many Sides To The Night (7:23)
4. In The Heart Of The City (4:34)
5. Dark As The Grave (4:38)
6. Lost In Your Eyes (4:56)
7. Little America (4:55)
8. Like An Arrow (2:51)
9. Theatre Of Sleep (3:03)
10. Walking Away From Rainbows (3:10)
11. Paint Your Picture (2:57)
12. Vampyre With A Healthy Appetite (5:29)
13. Tristesse (4:01)