Gryphon: ReInvention
Erscheinungsdatum: 02.11.2018
Label: Talking Elephant
Produktion: Gryphon
Bewertung: 9.5 / 10
»ReInvention« ist das erste Album der einzigartigen englischen Progrocklegenden Gryphon nach einundvierzig Jahren. So viele Jahre sind nämlich seit ihrem letzten und zugleich fünften Studioalbum »Treason« (1977) vergangen, auf das die Auflösung folgte – aber keine Vergessenheit seitens der treuen Anhänger, die niemals auf die Rückkehr der Meister des mittelalterlich gewürzten Prog Folk Rock gehofft hatten. Die erste, erfolglose, Wiedervereinigung ereignete sich 2009, während jene von 2016 deutlich erfolgreicher war und bis heute anhält.
Gryphon haben in einer Besetzung, die neben drei Originalmitgliedern – Brian Gulland an den Blechbläsern, Graeme Taylor an der Gitarre sowie Dave Oberlé an Drums und als Lead-Sänger – drei ‚Neuzugänge‘ in Form des Keyboarders/Geigers Graham Preskett, Bassisten Rory McFarlane und Andy Findon an den Holzbläsern enthält, »ReInvention« aufgenommen, der von Anfang bis Ende ein durch und durch klassisches Gryphon-Album ist mit zahlreichen mittelalterlichen und barocken Arrangements, die allesamt, wie schon in der Vergangenheit, auf einigen authentischen Troubadour-Instrumenten gespielt werden, sodass das Endergebnis eine atmosphärische und überaus intensive Mischung aus mittelalterlichem Folk Rock und symphonischem Prog Rock ist, mit der sie sich in ihren besten Jahren ausgezeichnet haben.
Gryphon setzen also zur Freude der treuen Anhänger, die die Hoffnung auf eine erneute Wiedervereinigung nicht aufgegeben hatten, ihre prächtige Klangtradition genau dort fort, wo sie in der zweiten Hälfte der Siebziger des letzten Jahrhunderts aufgehört haben. Sogar die Produktion erinnert an ihre alten Alben, während das Cover aussieht, als wäre es 1974 entstanden. Dennoch bietet »ReInvention« einige klangliche Ideen, die man bei Gryphon in der Vergangenheit noch nicht gehört hatte. Oberlé, der in erster Linie ein exzellenter Schlagzeuger ist, ist nach all diesen Jahren immer noch ein hervorragender und charismatischer Sänger, während Taylors Gitarrentechnik in den ‚reifen Jahren‘ offenbar noch deutlich ausgefeilter geworden ist.
Alle drei Neuzugänge schlagen sich auf »ReInvention« so hervorragend, dass viele die Abwesenheit des Originalmitglieds, des Multi-Instrumentalisten Richard Harvey, kaum vermissen werden, der sich nach der (ersten) Auflösung von Gryphon eine glänzende Karriere als Komponist für Film- und Fernsehmusik aufgebaut hat. Einige Stücke sind rein instrumental, während jene mit Gesang (schwarz)humoristische Texte mit zahlreichen satirisch verzerrten ‚Bildern‘ des mittelalterlichen Englands enthalten, wie es für diese Gruppe bereits typisch ist, die sich selbst nie allzu ernst genommen hat.
Dass das ‚echte‘ Gryphon wieder zum Leben erwacht ist, können Fans anschaulich bereits beim Eröffnungsstück »Pipe Up Downsland DerryDellDanko« feststellen, das klingt, als wäre es vor mehr als vier Jahrzehnten entstanden. Die abwechslungsreichen symphonischen Arrangements für Streicher und Bläser mit unverwechselbarem mittelalterlichem Ambiente kündigen einen turbulenten und bewegten Beginn eines überaus eklektischen Albums an, das einen hervorragenden ‚Slalom‘ zwischen instrumentalen und vokalen Kompositionen fährt. Die Höhepunkte des Albums sind schwer herauszugreifen, da alle Stücke qualitativ mehr oder weniger gleichwertig sind. Das nächste Stück, »Rhubarb Crumhorn«, ist ebenfalls ein sehr traditionalistisches Gryphon-Stück, das vor allem dank einzelner symphonischer Arrangements ein wenig an die instrumentale Version von Camel aus der Zeit des Albums »The Snow Goose« (1975) erinnert.
Liebhaber von eher episch ausgerichtetem Prog Folk mit symphonischem Schwerpunkt und etwas düstererem Ambiente wird wohl »Haddocks‘ Eyes« am meisten begeistern, wo Gryphon sich im Text und durch Oberlés ziemlich komische, chamäleonhafte Gesangsdarbietung über den alten und sarkastischen Kapitän Haddock aus dem bekannten belgischen Comic Tintin amüsieren. Das mit geheimnisvollem, ernsthafterem Ambiente durchtränkte Instrumental »Batsheba«, wo vor allem die subtilen barocken Verzierungen an den Streichern begeistern, präsentiert Gryphon in einem etwas anderen ambienten Licht als gewöhnlich. Eine besondere Erwähnung verdient auch das Stück »Sailor V«, das stark von folkloristischen Elementen der traditionellen irischen Musik durchdrungen ist und wo Taylors Gitarrensolo im Schlussteil plötzlich stark an einige vergangene gitarristische Glanzleistungen von Mike Oldfield erinnert, was ein anschaulicher Beweis dafür ist, dass er seine beneidenswerte Gitarrentechnik mit den Jahren noch weiter verfeinert hat.
In einer Zeit, in der qualitativ hochwertige neue Veröffentlichungen im Bereich Prog Folk Rock nahezu chronisch fehlen, kam das neue Gryphon-Album wie gerufen – auch wenn man einundvierzig Jahre darauf warten musste. Das lange, für viele allzu lange Warten hat sich dennoch gelohnt, und das Endergebnis hat sogar alle Erwartungen der Fans übertroffen, denn »ReInvention« klingt, als wäre es in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts aufgenommen worden und nicht 2018. Die Mitglieder von Gryphon haben die überaus weise Entscheidung getroffen, auf »ReInventon« ihre prächtige Klangtradition fortzuführen und sich nicht unnötigerweise zu ‚modernisieren‘ auf Kosten der klanglichen Eigenständigkeit.
Autor der Rezension: Peter Podbrežnik
Tracks:
1. Pipe Up Downsland Derry Dell Danko (4:49)
2. Rhubarb Crumhorn (5:56)
3. A Futuristic Auntyquarian (5:58)
4. Haddocks‘ Eyes (10:58)
5. Hampton Caught (5:12)
6. Hospitality At A Price… Anyone For? (3:11)
7. Dumbe Dum Chit (3:08)
8. Bathsheba (5:37)
9. Sailor V (8:37)
10. Ashes (3:32)
11. The Euphrates Connection (4:43)
Musiker:
Graeme Taylor – E-Gitarre und Akustikgitarre, Produktion
Graham Preskett – Violine, Mandoline, Keyboards, Mundharmonika
Brian Gulland – Bläser, Klavier
Andrew Findon – Bläser
Rory McFarlane – Bassgitarre
Dave Oberlé – Schlagzeug, Perkussion, Gesang