Grave Digger verwüsteten Graz (2017)
Autor: Aleš Podbrežnik
Fotos: Aleš Podbrežnik
Ort: Graz / Explosiv / Österreich
Konzertdatum: 28.01.2017
Besucherzahl: 300
Eintrittspreis: 31,50€
Auch dieser Tag kam – der Tag, an dem der Autor dieses Artikels in seiner langjährigen Karriere als glühender Grave Digger-Fan seinen (krönenden) zehnten Konzertbesuch bei dieser altgedienten deutschen Band aus Bochum absolvierte. Was Grave Digger betrifft, überhaupt das erste Mal auf ein Konzert nach Österreich. Nach Graz. In den dortigen Club Explosiv, der in den letzten zwei Jahren, was das Programmangebot betrifft, lebhafter ist als je zuvor.
Das neue Studioalbum »Healed By Metal«, das die Band nur wenige Tage vor dem Aufbruch zur neuen Europatournee veröffentlicht hatte, ist im Vergleich zum restlichen Diskografie-Opus der Band eigentlich keine besonders glänzende oder besondere Leistung, geschweige denn ein kreativer Durchbruch – aber sei’s drum. Die Klassiker des eisernen Repertoires, die vor allem in den Neunzigern entstanden, bleiben der größte Anziehungspunkt von Grave Digger, auch in den reifen Jahren ihres Schaffens.
Als Eröffnungsakt betraten die Power-Metal-Bannerträger Victorius die Bühne. Die deutsche Band eröffnete das Konzert mit einer klischeehaften Abfolge eigener Stücke, die Liebhabern dieses Genres schon längst bekannt sind. Schlechter Sound, vor allem das dumpfe Brummen beider Gitarren – im Mix hingegen vorbildlich durchdringender, klarer und melodischer Gesang. Herzblut und Einsatz in jedem Moment spürbar. Die Band veröffentlichte am selben Tag wie Grave Digger ihr neues Studioalbum »Heart Of The Phoenix« und stellte es im Setlist erwartungsgemäß ausgiebig vor. Das Quintett mit dem vierten Studioalbum im Gepäck. Souverän, professionell. Schade nur, dass der Sound gepatzt hat.
Nun, auch als die nur gerade mal vier Gründungsjahre älteren Mystic Prophecy die Bühne betraten, wurde es mit dem Sound nicht nennenswert besser; sie präsentierten hier ihr schon insgesamt neuntes Studioalbum »War Brigade«. Wir bleiben also in denselben Genre-Sphären. Power Metal. Man spürte jedoch, dass Mystic Prophecy deutlich mehr Erfahrung auf dem Buckel haben, was sie mit noch dynamischerer Bühnenpräsenz und noch mehr Kohärenz in der Darbietung des Materials unter Beweis stellten. Jenseits des katastrophalen Klangbilds rettete den Auftritt der Band ein aufgewühlter Haufen von etwa zwanzig enthusiastischen kroatischen Hardcore-Fans, die nicht nur die Texte auswendig konnten, sondern die Band wild durch den gesamten Auftritt begleiteten. Das feuerte die Band prächtig an und gab ihr Flügel, denn der Rest der Halle – zu diesem Zeitpunkt des Konzerts waren etwa 150 Leute im Club – stand mehr oder weniger statisch daneben und schaute zu. Völlig in Ordnung. Nett, aber nichts Besonderes. Die Fans der Band waren zufrieden. Nur das Black Sabbath-Stück Paranoid, das mittlerweile jedes fünfjährige Kind auf der Gitarre spielen kann, hätte man ruhig gegen einen weiteren Song aus dem ansonsten reichen Diskografie-Opus der Band tauschen können. Zumal die Band nur gerade mal vierzig Minuten für ihren Auftritt zur Verfügung hatte.
Grave Digger marschierten um zehn Uhr abends auf die Bühne. Erwartungsgemäß eröffneten sie mit Tracks des neuen Albums, doch der dritte Song schoss uns direkt in die Mitte der Achtziger – in das zweite Studioalbum »Witchunter«, von dem Grave Digger auch den Titeltrack dieses Kultwerks abfeuerten. Leute im Club: etwa 250, nicht mehr. Eher weniger. Direkt vor der Bühne war es natürlich eng und laut, wo die aufgedrehten kroatischen Fans der Band weiterhin für delirische Ausbrüche und gute Stimmung sorgten. Unglaublich. An Energie mangelte es ihnen – im Gegensatz zu ihrer Nationalmannschaft, die in genau diesen Momenten im Pariser Halbfinale der Handball-WM unterging (ratet mal, wer sie geschlagen hat) – absolut nicht. Sie hielten die mitreißende Konzertatmosphäre hervorragend aufrecht. Grave Digger, angeführt vom unersetzlichen Gründer, Stimme und Aushängeschild der Band Chris Boltendahl, waren an diesem Abend in bester Stimmung. Sie lieferten einen prächtigen Sound und spielten fantastisch. Wirklich. Hut ab. Erstklassig. Jenseits der Poserei von Axl Ritti sei gesagt: Der Mann lieferte wirklich eine satte und höllisch aufgemotzte Klangwand klassischer Grave Digger-Riffs. Chris Boltendahl schäumte vor guter Laune. Der Bandgeneral kommunizierte durchgehend intensiv mit dem Publikum, schnitt Grimassen, feuerte die Menge an, warf Lächeln ins Publikum. Ebenso unglaublich aktiv auf der Bühne war auch der legendäre Jens Becker am Bass. Ohne das neue Kanonenfeuer – das präzise wie eine Schweizer Uhr und supersonisch galoppierende Donnern der Doppelbassdrum des nicht minder legendären Stefan Arnold – wäre das natürlich kein gutes Grave Digger-Konzert gewesen; und die Band stellte auf dieser Tournee auch ihr neues Mitglied und Keyboarder (obligatorisch hinter einer Todesmaske verborgen) Marcus Kniep vor. Kniep spielte einen Orgel-Soloeinschub beim Outro des »Excalibur«-Klassikers (1999) Morgane Le Fay. Im Soundmix waren die Orgeln etwas zu leise, was vor allem beim ersten Song der zweiten Zugabe Highland Farewell fehlte – ansonsten keine Beschwerden. Boltendahl sang das Material hervorragend. Vor allem für sein Alter und angesichts der Tatsache, dass er seine Stimme seit mehr als 25 Jahren gnadenlos malträtiert. Da seine Stimme heute nicht mehr dieselbe Höhe erreicht wie einst, strich die Band vorsichtig die Klassiker Knights Of The Cross und The Round Table aus der Setliste. Das sind zwei Songs, die im Grunde in keiner Grave Digger-Setlist fehlen sollten. Was das Album »Knights Of The Cross« betrifft, löste sich die Band mit der Darbietung von Lionheart ein, und im Repertoire fanden auch die Standards des bei den Fans beliebtesten Albums »Tunes Of War« (1996) ihren obligatorischen Platz. Kniep trat noch einmal theatralisch an die Bühnenkante. Diesmal mit Dudelsack in den Händen, als er die Einleitung zum Mitgröhl-Kracher Rebellion (The Clans Are Marching) spielte.
Den »Return of the Reaper«-Song (2014) Tattooed Rider widmete Boltendahl allen tätowierten Mädels und Jungs im Saal an diesem Abend sowie dem verstorbenen Lemmy, wobei er das Mikrofon am Ständer theatralisch nach unten drehte und den Song auch selbst in dieser Haltung hineinknurrte. Das Geknurre bleibt charakteristisch, einzigartig. Das unverkennbare Markenzeichen der Band. Ein essenzieller Baustein des Bandimages. Ich hoffe, Boltendahl amüsiert sich dabei über die gelegentliche Selbstparodie, die ihm über die Jahre anhaftet – aber dieses Element wirkt gleichzeitig, bei all der theatralischen Ernsthaftigkeit und teuflischen Bühnenpräsenz der Show, ungemein unterhaltsam.
Nach einer Stunde verschwand die Band zum ersten Mal von der Bühne, kehrte dann für zwei Zugaben zurück und streckte das Konzert geschickt um ganze dreißig Minuten, wobei sie insgesamt gerade mal vier Songs spielte. Heavy Metal Breakdown natürlich ganz am Ende des Konzertabends.
Ein außergewöhnlicher Abend mit der legendären Band, die ihr Repertoire im Konzert natürlich der Präsentation der Songs des neuen Albums »Healed By Metal« unterordnete – und dabei einen unglaublich geschärften und überzeugenden Auftritt ablieferte. Als wären die Bandmitglieder um die zwanzig und keine Spur von Veteranen, die auf ihrem alten Ruhm und Namen ausruhen. Sie spielten mit voller Kraft und lieferten so ein wirklich wunderschönes Konzerterlebnis ab, das jeden Besuch wert ist.
Setliste
VICTORIUS:
1. Hero
2. Under Burning Skies
3. Empire of the Dragonking
4. Blood Alliance
5. End of the Rainbow
6. Lake of Hope
7. Metalheart
MYSTIC PROPHECY:
1. Savage Souls
2. The Crucifix
3. Killhammer
4. Evil Empires
5. To Hell and Back
6. Metal Brigade
7. Burning Out
8. Ravenlord
9. War Panzer
10. Paranoid
GRAVE DIGGER:
1. Healed By Metal
2. Lawbreaker
3. Witch Hunter
4. Killing Time
5. Ballad of a Hangman
6. Season of the Witch
7. Lionheart
8. Free Forever
10. Tattooed Rider
11. The Dark of the Sun
12. Hallelujah
13. Morgane le Fay
14. Excalibur
15. Rebellion (The Clans Are Marching)
—Zugabe I.—
16. The Last Supper
17. Call For War
—Zugabe II.—
18. Highland Farewell
19. Heavy Metal Breakdown
Bildergalerie




































