Gong: Bright Spirit
Label: Kscope Records
Veröffentlichung: 13. 3. 2026
Produktion: Gong
Spielzeit: 43.42 min
Genre: Progressive Rock / Canterbury Scene
Wertung: 9.0/10
Der neue kosmische Zyklus des Planeten Gong und seiner Radio-Gnome in fliegenden Teekannen geht weiter, und zwar mit dem aktuellen Album »Bright Spirit«. Darauf folgen Sänger und Gitarrist Kavus Torabi und seine erfahrenen Mitstreiter weiterhin treu der Gestalt und dem Werk des legendären Daevid Allen (1938–2015). »Bright Spirit« ist bereits das vierte Album der Kultband aus der sogenannten Canterbury-Szene seit Allens Tod. Seine kosmisch-psychedelischen Visionen leben darauf weiter, auch wenn es etwas weniger exzentrisch und avantgardistisch zugeht.
»Bright Spirit« hat alles, was sich langjährige Gong-Fans nur wünschen können, allen voran experimentelle, unberechenbare Psychedelic-/Spacerock-Kompositionen, die klingen, als wären sie in der ersten Hälfte der Siebziger entstanden, also in der goldenen Ära dieses Genres bzw. dieser Musikbewegung. Trotzdem stecken im modernen Gong einige frische musikalische Ideen, vor allem dank des charismatischen Torabi, eines Briten mit iranischen Wurzeln, der auf manchen Stücken auch ein paar Weltmusik-Elemente mitgebracht hat.
Zu hören ist das gleich beim großartigen psychedelischen Opener »Dream of Mine«, der dank pentatonischer Skalen und leidenschaftlicher Saxofon-Arrangements Einflüsse aus der Musik des Nahen Ostens aufgreift. Das Ganze klingt, als wären Besucher von einem anderen Planeten mitten auf einem Basar in Teheran gelandet und hätten sich, ganz benebelt von den dortigen Gewürzen und diversen anderen „Kräutern“, gemeinsam mit den Einheimischen in einen wilden Tanz gestürzt. Ein Stück, das bei jedem eingefleischten Anhänger der aktuellen amerikanischen Regierung heftigen Durchfall auslösen dürfte, während alte und junge Gong-Fans beim Hören so viel Spaß haben werden wie schon lange nicht mehr.
»Mantivule« ist ein jazziger ausgerichtetes Instrumental, auf dem Gong daran erinnern, dass sie in der kurzen Phase in der zweiten Hälfte der Siebziger, als unter dem inzwischen verstorbenen Schlagzeuger Pierre Moerlen eine neue Fraktion entstand, Jazz-Fusion mehr schätzten als Psychedelic Rock/Spacerock, auch wenn dieser Track wie ein nahezu idealer Hybrid aus beiden Genres klingt. Das ruhig-verträumte »The Wonderment« ist eher ein Spacerock-Highlight mit mächtigen Synthesizer-Schichten, die an die goldenen Zeiten elektronischer Ambient- und New-Age-Musik von Meistern wie Jean-Michel Jarre und unserem Miha Kralj erinnern, obwohl es sich hier nicht um ein Instrumental handelt.
Deutlich energischer und stellenweise fast schon episch geht es bei »Stars in Heaven« zu, das die eklektische Ausrichtung von »Bright Spirit« erfolgreich fortsetzt. Das Besondere an Torabis Gesang: Vom Ansatz her, wenn auch nicht von der Klangfarbe, erinnert er oft an Allen. »Fragrance of Paradise« klingt stellenweise wie eine verschollene, erst kürzlich wiederentdeckte Komposition aus der Zeit der unvergesslichen »Radio Gnome«-Trilogie, vor allem wegen der schelmischen Saxofon-Arrangements und der wiegenden Rhythmen, die sofort an einige Gong-Klassiker aus dieser Konzept-Odyssee denken lassen. »Relish the Possibility« ist eine betont verträumte und recht schlichte Psychedelic-Rock-Ballade mit einer Prise Folk, während »Eternal Hand«, geprägt von ätherischen Flötenklängen und subtilen Passagen auf der Akustikgitarre, dieses hervorragende Album auf ungewöhnlich melancholische Weise beschließt.
Gong beweisen auf »Bright Spirit«, dass der abenteuerlustige, unberechenbare Geist ihres verstorbenen Schöpfers weiter bei ihnen ist und sie erfolgreich inspiriert. Nach der Gong-Mythologie dauert es noch sechs Jahre, bis sich der Planet Gong und die Erde in derselben Dimension wiederfinden und zu einem einzigen Himmelskörper „ausrichten“. Hoffen wir, dass die Erde bis dahin noch in derselben Form besteht und dass irgendein seniler, narzisstischer und infantiler Autokrat an der Spitze einer Atommacht mit der Apokalypse nicht das fröhliche Beisammensein von Radio-Gnomen und Erdlingen verhindert.
Autor: Peter “Dr. ProgRock” Podbrežnik
Tracklist:
1. Dream of Mine (10:32)
2. Mantivule (6:22)
3. The Wonderment (5:11)
4. Stars in Heaven (4:01)
5. Fragrance of Paradise (7:39)
6. Relish the Possibility (3:09)
7. Eternal Hand (6:48)
Besetzung:
Fabio Golfetti – Gitarre
Kavus Torabi – Gesang, Synthesizer, Gitarre
Dave Sturt – Bass
Ian East – Saxofone
Cheb Nettles – Percussion
