Geentertes Ljubljana (2014)
Autor: Sebastijan Videc
Fotos: Jerneja Jerak
Ort: Ljubljana / Gala hala / Slowenien
Konzertdatum: 01.10.2014
Besucherzahl: 350
Kartenpreis: 22,00€
Am ersten Oktoberabend des Jahres schien es, als würde ein Sturm über die Hauptstadt hereinbrechen – in der Gala Hala stellten die deutschen Veteranen Brainstorm und die schottischen Piraten Alestorm ihre Musik zur Schau und zu Gehör, Gesellschaft leisteten ihnen noch junge Australier und Kanadier. Das Interesse am Konzert war riesig, der Saal dementsprechend ausverkauft, und vor dem Eingang standen einige enttäuschte Gesichter in der Hoffnung, noch irgendwie an ein Ticket zu kommen. Solch ein Andrang zieht natürlich hohe Erwartungen nach sich.
Norwegen – Troldhaugen – ein kleines Dörfchen, ein paar Kilometer südlich von Bergen, Geburtsort des Komponisten Edvard Grieg. Australien – Wollongong – ein kleinerer Ort, ein paar Kilometer südlich von Sydney, wo Troldhaugen neu geboren wurde. Die junge australische Band, die sich aus mir unbekanntem Grund ausgerechnet nach Griegs Geburtsort benannt hat, besuchte Slowenien zum ersten Mal. Leider bekamen ihre – völlig durchgeknallte und abgedrehte – Show nach (schlechter) slowenischer Gewohnheit nur eine Handvoll Besucher zu sehen. Die Show wie auch die Musik der Australier lässt sich nur mit einem einzigen Wort beschreiben – MINDF*CK! Die Jungs sind technisch gut aufgestellt, ihr Frontman Reventüsk verwandelt sich auf der Bühne in einen Wahnsinnigen, der den ersten vier Buchstaben des Bandnamens alle Ehre macht. Lyrisch gesehen sind Troldhaugen sowieso durch und durch von Trollen und anderen Monstern durchdrungen, auf der letzten Platte haben sie sich sogar mexikanischen Themen gewidmet. Die theatralische Show selbst erinnerte mich an Vulture Industries beim diesjährigen Metal Days, allerdings eher wegen der schieren Abgedrehtheit als der Theatralik an sich. Ihrem Sound lässt sich kein Genre zuordnen – die Stile wechseln mehrmals von einem Extrem ins andere und ineinander, völlig chaotisch. Die rund zwanzig Besucher kamen in den Genuss einer Zirkusshow mit progressiven Elementen – und es fehlte weder an Clowns auf der Bühne (wenn auch ohne Make-up) noch an Akrobatik und jeder Menge Tanz.
Nach einer kurzen Pause übernahmen die kanadischen Crimson Shadows die Bühne. Die Band, die aus Toronto stammt und seit 2006 aktiv ist, erlebte ihren Durchbruch letztes Jahr beim Metal Battle des größten Metal-Festivals der Welt, Wacken. Der Sieg bei besagtem Wettbewerb brachte ihnen einen Vertrag bei Napalm Records, dem dann vor einem Monat das Album Kings Among Men folgte. Tatsache ist, dass die Power- und Melodeath-Metal-Szene ziemlich gesättigt ist, weshalb die Kanadier beschlossen haben, das Beste aus beiden Genres zu vereinen und mit einem einzigartigen Crossover auf den Durchbruch zu hoffen. Ob ihnen das nun unter dem Dach eines großen Labels gelingt, ist eine Frage der Zeit. Ich muss zugeben, dass Jimis Melodic-Death-Metal-Vocals hervorragend mit den Power-Metal-Melodien harmonieren, ebenso in Kombination mit den Clean-Vocals, die Gitarrist Greg beisteuert – leider ist das musikalische Fundament selbst ziemlich generischer Power Metal. Die Show selbst war voller Energie, wozu auch das zahlreichere Publikum beitrug, doch leider waren auch ein paar Spielfehler zu bemerken. Crimson Shadows sind definitiv eine Band, die man künftig im Auge und Ohr behalten sollte, denn mit etwas mehr Kilometern auf dem Tacho können sie noch überraschen.
Schon einige Tage vor dem Konzert warnten die Veranstalter über die sozialen Netzwerke, dass die Karten fast vergriffen seien und Interessierte die letzten Resttickets im Vorverkauf schnellstmöglich sichern sollten. Wenn die erste Band von einer zahlenmäßig kleinen Menge gehört wurde und die zweite von einer soliden, dann lässt sich für Brainstorm festhalten: Die haben den Saal richtig voll gemacht. Was auch nicht weiter verwundert, denn im Vergleich zu den australischen und kanadischen Neulingen sind sie echte Veteranen – ihre Anfänge reichen bis in die späten Achtziger zurück. Die jahrelange musikalische wie auch Bühnenerfahrung wissen die wackeren Deutschen für sich zu nutzen. Die mächtige Heavy-Metal-Maschine zermahlte an diesem Abend alle Zweifler und bekehrte jene, die noch nicht an sie geglaubt hatten. Der charismatische und wirklich hervorragende Frontman Andy B. Franck ließ keinem eine Sekunde Ruhe, denn er forderte von jedem Mitmachen – sei es Mitsingen, Klatschen, Schreien oder was auch immer; allerdings muss man zugeben, dass er sich angesichts der positiven Energie, die von der Bühne strömte, gar nicht allzu sehr anstrengen musste. Anscheinend waren die neun Jahre Abwesenheit von unseren Clubbühnen deutlich zu lang – das Konzert schlossen sie mit dem Versprechen ab, sich bald wiederzusehen! Und noch zum Schluss: So einen guten Sound wie Brainstorm habe ich in dieser Halle bislang noch nicht gehört – absolut erstklassig, egal wo man stand.
Wenn Brainstorm den Saal richtig voll gemacht haben, dann platzte er bei Alestorm aus allen Nähten. Alt und vor allem Jung füllte jeden Winkel, und die Hitze im Saal begann (in Kombination mit Alkoholdämpfen) bis zum Siedepunkt anzusteigen. Die schottischen Fröhlichmacher haben mit dem (vorübergehenden) Aufhören der deutschen Veteranen Running Wild die Lücke im Pirate Metal gefüllt, den besagte Deutsche 1987 mit dem Kultalbum Under the Jolly Roger begründet hatten. Das Backdrop hinter der Bühne zeigte neben dem Bandnamen die Grafik des Kultcomputerspiels Monkey Island, und die Verbindung zu Affen hörte damit noch nicht auf – eine machte nämlich auch dem charismatischen Frontman Christopher Bowes Gesellschaft. Schon mit dem Eröffnungssong Walk the Plank explodierte das überwiegend junge Publikum völlig, Mülleimer wurden über die Köpfe gehoben, und es schien, als hätte man eine neue Unterhaltungsform erfunden – Trash-Bin-Crowd-Surfing. Die schnellen Tracks durchdrungen von keltischer Melodie sind vielleicht wirklich nicht der Gipfel des musikalischen Schaffens, aber geben wir es zu: Nicht alle Musik muss das sein. Tatsache ist, dass es sich um unglaublich ansteckende Musik handelt, deren Melodien man unweigerlich zu pfeifen beginnt – kombiniert man das noch mit einem ungemein energiegeladenen Auftritt, lässt sich dem Rhythmus kaum widerstehen. Und genau das macht Alestorm groß. Erinnert ihr euch noch an ihren Auftritt beim Metal Days 2013, als eine mehrere tausend Köpfe zählende Menge einträchtig unter der großen Bühne ruderte? Natürlich blieb das Rudern auch in der Gala Hala nicht aus – das Feiern setzte sich fort und erreichte seinen Höhepunkt beim letzten Song, bei dem sich Christopher ins Publikum warf und von eben jenem auf Händen aus der Halle getragen wurde, vor der er dann breit grinsend und offensichtlich bester Laune Fotos mit seinen Fans machte. Arrrr!
Setlist
ALESTORM:
1. Walk the Plank
2. The Sunk’n Norwegian
3. Drink
4. Over the Seas
5. Shipwrecked
6. Magnetic North
7. Back Through Time
8. Nancy the Tavern Wench
9. Midget Saw
10. Pirate Song
11. Surf Squid Warfare
12.Keelhauled
13. The Huntmaster
14. Wenches & Mead
—Zugabe—
15. 1741 intro
16. 1741 (Battle of Cartagena)
17. Wolves of the Sea
18. Captain Morgan’s Revenge
19. Rum
BRAINSTORM:
1. Highs Without Lows
2. Shiver
3. Firesoul
4. Fire Walk with Me
5. Worlds Are Comin‘ Through
6. Hollow Hideaway
7. Falling Spiral Down
8. Doorway to Survive
9. Shiva’s Tears
10. …And I Wonder
11. All Those Words
12. How Do You Feel
Fotogalerie


















































