Gde ćeš
Autor: Aleš Podbrežnik
Künstler: Repetitor
Label: Moonlee Records
Erscheinungsjahr: 2016
Laufzeit: 28:16
Bewertung: 4/5
Mit Repetitor, den serbischen Alternativrock-Rabauken »eigener Sorte«, ist nicht gut Kirschen essen — zumindest wenn du eine „weiche“ Seele hast. Das Album »Gde ćeš« (übersetzt: »Wohin gehst du?« oder »Wo willst du hin?«) bestätigt, dass das Belgrader Trio über die Alben »Sve što vidim je prvi put« (2008) und den Nachfolger »Dobrodošli na okean« (2012) hinaus weiterhin fleißig an seiner bewährten musikalischen Formel festhält — und diese? Sie ist dem eigenständigen Wachstum und dem Wildwuchs verschrieben. Das ist gut. Das ist der Ausgangspunkt jeden Künstlertums.
Dafür brauchst du Faktoren, die sich zum richtigen Mix an Authentizität zusammenfügen, hinter dem deine musikalische Haltung und dein künstlerischer Charakter stehen. Erstens ist es Mut, zweitens verträgst du keine Fälschung, keinen kosmetischen Firlefanz, und bei der Suche nach Inspiration strebst du nach der Umsetzung ursprünglicher Rudimentarität, folgst den Instinkten und dem bloßen Gespür für die Realisierung von Ideen. Im Fall dieses wilden Trios sogar den Trieben. Dann ist da noch ein weiterer wichtiger Faktor. Die Besetzung darf sich über die Jahre nicht verändern. Die Bausteine der musikalischen Einheit müssen eine Konstante bleiben.
Diesen Anforderungen genügen Repetitor auch auf dem dritten Album vollständig. Repetitor bleiben auch diesmal kaum mit Zeitgenossen vergleichbar; bei der Orientierung am Pioniertum ist eine sinnvolle Verbindung zum Erbe von Sonic Youth erkennbar. Sie sind ihre eigene musikalische Geschichte. Im Kern geht es zwar um eine Variation des Punk Rock, der aber sinnvoll durch die Genreelemente des Post-Punk und Noise-Punk ergänzt wird. Auf eine Weise, die dem gesamten Inhalt sofort eine spürbare Andersartigkeit verleiht. Der Anteil dieser drei Genreelemente variiert über die acht Songs. Vor allem erzeugt die fette, voluminöse Bassgitarre dieses oft festgehaltene »repetitorische« Abwesenheitsgefühl — ein Bass, der häufig abgehackt auf einem einzigen Ton beharrt, der jedoch enorm satt nachhallt und eine überaus wichtige, kontrastierende Füllung des Klangbilds beisteuert. Die garagenmäßig verpackten Gitarren sind auch diesmal oft absichtlich am Oszillieren, »umgeworfen«. Das Feedback bleibt also auch beim dritten Werk der Band ein Markenzeichen. Je mehr auf dem Album »knirscht« und je mehr allgemeinen Noise-Dreck Repetitor produzieren, desto besser. All diesen Noise-Dreck nutzt die Band äußerst geschickt beim Aufbau eines vollen Klangbilds, ohne dabei in Extreme abzudriften, wie sie für die heimischen Noiser Nikki Louder typisch sein können. Das Freilassen des (zumindest teilweisen) »noiseartigen« Krachs ist also oberstes Gebot zur Erreichung der gewünschten musikalischen Ästhetik, hinter der der Name Repetitor steht.
Repetitor nehmen auf Anhieb auf. Nachträgliche Korrekturen und Aufhübschungen erträgt ihr Ausdrucksvokabular nicht. Angesichts der enorm absolvierten Konzertkilometer und der wachsenden Beliebtheit der Band bei der jungen Generation von Underground-Rock-Fans (genau das öffnet ihnen immer wieder neue Konzerttüren) ist nämlich der einzig sinnvolle Zug, ein Konzert im Studio zu spielen und es auf Tonträger festzuhalten — und so ein Album aufzunehmen. Auf Anhieb also. Die Vokalperformance ist bei alledem zweifellos die interessanteste Sache. Sie wird von allen drei Mitgliedern übernommen. Die Vokalinterpretation ist dabei kompromisslos und zutiefst instinktiv. Diese dreifache Vokalquelle ist außerordentlich willkommen, denn sie belebt das Bild der grundlegenden Phrasierungsansätze (häufig im repetitiven Halbton-Minimalismus von zwei bis drei Tönen verhaftet), die technisch gesehen keine erwähnenswerten Errungenschaften musikalischen Ausdrucks erreichen. Das verlangt die Musik, die die Band pflegt, auch gar nicht. Aber trotzdem. Boris‘ Gesang kann vollständig psychotisch entfremdet klingen, als käme er aus dem Jenseits, geradezu »extraterrestrisch« (Kralj ničega), an anderen Stellen hingegen bricht er sich voll »schreiend« Bahn, was bei aller kompromisslosen Abgehobenheit das Gefühl vermittelt, als wären die Texte mit eigenem Schweiß und Blut geschrieben worden (Jataci).
»Gde ćeš« ist ein Album, das die Essenz und das Charisma einer Band bewahrt, die im Alternativrock-Untergrund der Balkanregion völlig allein ihren Weg geht. Trotzdem wirkt das Album etwas konziser als seine beiden Vorgänger, die sich mit einem höheren Maß an unvorhersehbarer und spontaner Entwicklung schmückten. Das ist irgendwie logisch. Mit den Jahren reifst du nun mal künstlerisch, und die Alben müssen ein Spiegelbild dieser Reifung sein. Das bedeutet, dass zwischen ihnen klar spürbare Sprünge im Ausdruck dieser künstlerischen Reifung erkennbar sein müssen. Repetitor bleiben mit dem neuen Album also in den Gefilden der musikalischen Vision beider Vorgänger, weshalb dieses Album ihre Position als eine der interessantesten Alternativrock-Bands der neuen Generation in der Balkanregion noch weiter festigen und ihnen helfen wird, die Herzen neuer Fans dieser Musik zu erobern.
Repetitor – Beskraj (offizielles Video):
Besetzung
Boris Vlastelica – Gesang, Gitarre
Ana-Marija Cupin – Bassgitarre, Gesang
Milena Milutinović – Schlagzeug, Gesang
Produktion
Goran Crevar
Trackliste
1. Suženi snovi
2. Gde ćeš
3. Jataci
4. Kralj ničega
5. Crvena
6. Ako te ikada
7. Beskraj
8. Ekspedicija