Gaudi

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Autor: Peter Podbrežnik

Interpret: Alan Parsons Project, The
Label: Arista Records
Erscheinungsjahr: 1987
Laufzeit: 38:47
Wertung: 4/5

„Gaudi“ war das letzte Album der legendären Art-Rock-Institution The Alan Parsons Project, die in ihrer mehr als zehnjährigen Karriere kein schlechtes Album veröffentlicht hat, während ihre meistgeschätzten Werke „Tales Of Mystery and Imagiantion“ (1976) und „Eye in the Sky (1982) bleiben. Titel und Konzept des letzten Werks dieser Meister des seriellen Ablieferns großer Radiohits bei konstanter Wahrung von Art-Rock-Raffinesse ist eine Hommage an den genialen und noch heute etwas geheimnisvollen katalanischen Architekten Antonio Gaudí, was auch aus dem eröffnenden Stück hervorgeht, das sich auf sein bekanntestes Werk La Sagrada Familia bezieht, die bis heute unvollendete Kirche (genauer gesagt Basilika) auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste.

„Gaudi“ ist in jeder Hinsicht ein qualitativ hochwertiges Werk, das der bewährten Formel der Gruppe folgt und als solches ein durchaus würdiges Abschlusswerk ist, was etwas überraschend ist.  Ab Mitte der Achtziger nämlich schwand die Popularität von TAPP langsam, aber unaufhaltsam, während die kreative Chemie zwischen den beiden Bandköpfen, Produzent und gelegentlichem Keyboarder Alan Parsons sowie Sänger, Keyboarder und Texter Eric Woolfson, ebenfalls nicht mehr auf dem strahlendsten Niveau war, da zwischen beiden Differenzen hinsichtlich der weiteren Ausrichtung ihres Sounds entstanden sowie eine künstlerische Sättigung, die sich häufig einstellt, wenn man mit derselben Person  seit mehr als einem Jahrzehnt zusammenarbeitet, und sei es noch so erfolgreich. Das erfolgreiche Rezept, das der Gruppe in den Vorjahren eine Menge Hits und Unmengen von Platten eingebracht hatte, die sich wie warme Semmeln verkauften, war 1987 bereits etwas abgedroschen, was auch für die Synthesizer-Technologie galt, die durch die Achtziger hindurch eine dominante Konstante im unverwechselbaren Sound von TAPP war.

Parsons (diesmal enthielt er sich jeglichen instrumentalen Beitrags) und Woolfson entschlossen sich für den letzten Sturmangriff offensichtlich dazu, alle verfügbaren klanglich-produktionstechnischen Mittel einzusetzen, die aus der Gruppe in den Siebzigern und Achtzigern eine eigenartige Art-Rock-Attraktion gemacht hatten, was bedeutet, dass das Album zwei potenzielle Radiohits, zwei Powerballaden, ein Hard-Rock-orientiertes und zwei Prog-Rock-orientierte Experimente enthält. Die Produktion ist noch heute beeindruckend, was beim Produktionsmeister vom Schlage Parsons‘ wirklich keine Überraschung ist.

Das symphonisch ausgerichtete Titelstück ist eine pompöse und äußerst dramatische Albumeröffnung mit einem kurzen Erzählabschnitt über Person und Werk des legendären Architekten in seinem Anfangsteil, dem in der Folge mächtige Orchesterarrangements und der temperamentvolle Gesangsbeitrag von John Miles folgen, der sich auch diesmal als einer der besten Sänger in der Geschichte der Gruppe erweist. „La Sagrada Familia“ stellt strukturell zweifellos die progressivste Rockkomposition des Albums dar und ist als solche noch heute ein eigenartiger Leckerbissen für all jene, die bei TAPP, besonders ihren Alben aus den Achtzigern, einen höheren Anteil an Symphoprog-Elementen vermisst haben.

Obwohl sie in ihrer Karriere viele komplexe Art-Rock-Kompositionen geschaffen haben, werden sie im kollektiven Gedächtnis wegen zahlreicher Hits noch heute vor allem als Poprock-Gruppe wahrgenommen, was natürlich falsch und bestenfalls nur eine Seite der Medaille ist. Dass sie auch gegen Ende ihrer Karriere nicht vergessen haben, wie man Radiowellen bedient, beweist der kleinere Hit „Too Late“, der  ein überaus schönes Exemplar reinblütigen AOR der Achtziger darstellt. Der langjährige TAPP-Gesangspartner Lenny Zakatek am Hauptgesang erfüllt seine Aufgabe ausgezeichnet und verbindet die angenehme Melodie über ambientale Synthesizer-Textureinschübe mit einem mächtigen Refrain.

„Closer To Heaven“ ist Woolfsons Powerballade, wie sie auf keinem TAPP-Werk fehlen durfte, seit der legendäre schottische Musiker die Zügel als Hauptsänger der Gruppe übernahm. Für eine festliche Atmosphäre sorgen neben leichten symphonischen Arrangements auch das ikonoklastische Solo des heutzutage allzu oft vergessenen Gitarrengurus Ian Bairnson. Auf die solide, wenn auch nicht besonders inspirierte Ballade folgt ein ausgezeichneter Kompromiss zwischen Art Rock und AOR mit dem Titel „Standing On Higher Ground“ mit Gastauftritt von Geoff Barradale am Hauptgesang. Der hypnotische Refrain ist unverschämt eingängig, während die melancholische Atmosphäre durch sentimentale Synthesizer-Texturen erzeugt wird.

Das für TAPP-Verhältnisse ungewöhnlich schlichte „Money Talks“, zweifellos das schwächste Glied des Albums, basiert auf einer hartrockerischen Gitarrenphrase, der Miles‘ temperamentvoller Gesangsansatz Gesellschaft leistet, während „Inside Looking Out“ eine weitere solide Powerballade Woolfsons mit einer Menge verschiedenartiger ambientaler Einschübe auf Keyboards und Gitarre ist. Das abschließende Instrumental „Paseo de Gracia“, erneut eine Hommage an Gaudís architektonisches Genie, ist angemessen durchdrungen vom Latino-Melos der Akustikgitarre und enthält sogar den Klang von Kastagnetten. Das zentrale Thema des Eröffnungsstücks wiederholt sich hier erneut auf triumphale Weise und schließt so auf gelungene Weise den konzeptuellen Kreis des Albums. Nur recht und billig, dass die Karriere einer der besten Art-Rock-Gruppen aller Zeiten in denkbar majestätischem Stil zu Ende geht.

„Gaudi“ ist ein unspektakulärer, aber äußerst würdiger Abschied einer der aufregendsten Art-Rock-Gruppen des 20. Jahrhunderts. Im Gegensatz zum berühmten katalanischen Architekten, der sein bekanntestes Werk nie vollendet hat, erreichten beide TAPP-Anführer damit ein gelungenes Ende ihrer Erfolgsgeschichte. Parsons und Woolfson hatten zwar noch ein weiteres TAPP-Album mit dem Titel „Freudiana“ geplant. Letzteres  enthielt ein Konzept über Sigmund Freud und erschien 1990 unter dem Namen von Woolfsons Soloprojekt. Wegen des ähnlichen Stils und weil auch Parsons daran mitgewirkt hat, zählen es manche sogar als letztes TAPP-Album, was aber eher einer Illusion gleicht, da die beiden legendären Musiker und Produzenten zu diesem Zeitpunkt bereits längst auf getrennten Wegen waren und ihre Wege unmittelbar nach dessen Veröffentlichung endgültig auseinandergingen.

Besetzung

Alan Parsons – Produzent
Eric Woolfson – Klavier und Keyboards
Ian Bairnson – Gitarre
Laurie Cottle – Bassgitarre
Stuart Elliott – Schlagzeug und Perkussion
Richard „Trix“ Cottle – Synthesizer und Saxofon
Bob Howes – Pauken
David Cripp – Solohorn
John Heley – Cello
John Miles, Lenny Zakatek, Eric Woolfson, Geoff Barradale, Chris Rainbow – Gesang
Orchester unter dem Dirigentenstab von Andrew Powell

Produktion

Alan Parsons und Eric Woolfson

Trackliste

1. La Sagrada Familia (8:44)
2. Too Late (4:34)
3. Closer To Heaven (5:54)
4. Standing On Higher Ground (5:02)
5. Money Talks (4:23)
6. Inside Looking Out (6:19)
7. Paseo De Gracia (3:43)

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